Neo-Diner erobern Berlin: Warum amerikanischer Genuss nicht unterschätzt werden sollte
Nach Jahren, in denen Essen oft gesund und korrekt sein musste, sorgen zurzeit amerikanisch angehauchte Diner in Berlin für ein anderes Verständnis von Genuss. Eines, das längst in Vergessenheit geraten ist – what a shame!
Selbst wenn man noch nie in einem amerikanischem Diner war, hat man zwar eine klischeehafte, aber zugleich ziemlich gute Vorstellung davon, wie es vor Ort zugeht. Rote Polsterplätze sind die Markenzeichen des Interieurs. Kalorienreiche Sattmacher wie Burger und Milkshakes mit Cocktailkirsche sind ein obligatorischer Teil jeder Menükarte und der aufgebrühte Filterkaffee wird mit einer Selbstverständlichkeit und der freundlichen Bemerkung »anything else, honey?« pausenlos nachgeschenkt. Man weiß genau, was einen erwartet. Und genau das macht den Reiz aus.
Auch außerhalb Amerikas werden klassische Diner-Konzepte immer wieder kopiert. Mal mit mehr Erfolg, mal mit weniger. Die Bodenständigkeit gepaart mit dem amerikanischen Flair, der fast schon etwas Ikonisches mit sich bringt, scheint jedoch vor allem in Berlin auf Resonanz zu stoßen. Dort entwickelt sich gerade ein Trend, bei dem die Diner-Atmosphäre auf moderne und individuelle Weise neu interpretiert wird. Zu den Anhängern zählen »Ari's« in Kreuzberg, »Onette« in Schöneberg und die »Goldies Bar« im KaDeWe.
»Goldies Bar« im KaDeWe
Ende vergangenen Jahres hat selbst das KaDeWe dem Diner-Trend seinen Platz eingeräumt – mit der »Goldies Bar«. Hier werden vermeintliche Klassiker mit opulenten Twists und einer Prise Luxus neu gedacht: Pommes landen nicht einfach im Öl, sondern werden in Rinderfett goldbraun frittiert, während ein bodenständiges Eiersalatsandwich auf Wunsch mit einer Schicht Kaviar getoppt wird. Der Aufpreis: 100 Euro. Ausgebildet wurden die zwei Gründer, Vladislav Gachyn und Kajo Hiesl, übrigens unter drei Michelin-Sternen im »Aqua« in Wolfsburg. Sie wissen genau, wie man Hochküche in Street-Food übersetzt.
»Ari's« in Kreuzberg
Zu den am meisten gefeierten Neueröffnungen der vergangenen zwei Jahre gehört außerdem das »Ari's« von Arianna Plevisani in Kreuzberg. Ein Diner, das neben amerikanischen Klassikern wie Burger, Pommes im Plastikkörbchen und Ice Cream Sundae auch Gerichte wie Ceviche aus ihrer Herkunft Peru serviert. Allein für die Cocktails ist das »Ari's« schon einen Besuch wert. Ebenso wie für die Atmosphäre, die einen gewissen Charme versprüht: Das Restaurant befindet sich in einer umgebauten Autogarage.
»Onette« in Schöneberg
Steht man eher auf amerikanisches Frühstück, sollte man »Onette« in Schöneberg auf dem Radar haben. Serviert werden »Egg and Cheese«-Sandwiches oder feine Waffeln mit Butter und Ahornsirup, aber auch deutsches Comfort Food. Ein Ort inklusive langer, authentischer Theke, an der man sich die Köstlichkeiten samt eines Milkshakes mit üppiger Sahnehaube schmecken lassen kann.
Dass mehrere solcher Konzepte fast gleichzeitig auftauchen, kann kein Zufall sein. Berlin trifft damit präzise den Nerv der Zeit: eine neue Generation von Neo-Dinern mit sattmachenden Gerichten, zeitgemäß interpretiert und in hervorragender Qualität. Bestimmte Dresscodes oder steifer Service spielen an diesen Orten genauso wenig eine Rolle wie das Zählen von Kalorien. Von Bedeutung ist einzig und allein der entspannte Charme und das fettige Comfort Food, das nicht unbedingt dafür da ist, den Körper zu nähren, sondern die Seele.