»Silo« in Kapstadt: Getreidespeicher als Luxushotel?
Am Hafen von Kapstadt ragt eines der bedeutendsten Bauwerke der Stadt in den Himmel: ein Luxushotel mit angeschlossenem Kunstmuseum. Das »Silo« erzählt die lebendige Geschichte Südafrikas zweitgrößter Metropole und macht den Aufenthalt zu einer faszinierenden Reise durch die Zeit.
Fährt man von der Autobahn ins Stadtzentrum Kapstadts, ragt es wie eine futuristische Kathedrale in den Himmel – das monumentale Bauwerk aus nacktem, kaltem Beton. Die Assoziation mit einem Gotteshaus ist keineswegs abwegig, doch hier wird etwas deutlich Sündigeres verehrt: die pure Schönheit.
Der Umbau des ausgedienten Getreidesilos im Hafen von Kapstadt, einst das höchste Gebäude in ganz Subsahara-Afrika, zählt zweifellos zu den spektakulärsten Projekten der jüngeren Stadtgeschichte – und ist wohl das bedeutungsträchtigste überhaupt. Denn kaum ein anderes Bauwerk in Südafrikas zweitgrößter Stadt lässt ihre Entwicklung vom Industrie- und Handelszentrum zur Touristen- und Kunstmetropole so eindrucksvoll nachvollziehen wie das »Silo«.
Zwei Welten
Seit seiner Neueröffnung im Jahr 2017 vereint das über hundert Jahre alte Industriegebäude zwei Welten: den Luxus eines spektakulären Fünf-Sterne-Hotels und die Vielfalt des weltweit ersten Museums für zeitgenössische afrikanische Kunst, dem Zeitz MOCAA. Beide Institutionen teilen sich die geschichtsträchtige Fassade des 1921 errichteten Getreidesilos, in dem die Kolonialherren einst das nahrhafte südafrikanische Korn lagerten, bevor sie es in ihre Heimat verschifften.
Das »Silo«-Hotel befindet sich im oberen Teil des Gebäudes und erstreckt sich eindrucksvoll über sechs Etagen in den südafrikanischen Himmel. Jedes der 28 Zimmer bietet einen atemberaubenden Rundumblick auf den imposanten Tafelberg, das geschäftige Treiben der Hafenanlage und den Atlantischen Ozean. Dabei sind schon die Fenster selbst ein optisches Highlight: Ihr Glas wölbt sich kissenartig nach außen und lässt sie wie facettierte Diamanten erscheinen. Auf der Dachterrasse mit Pool und der öffentlich zugänglichen »The Willaston Bar« können Gäste entspannen und bei lässigen Beats einen Sundowner genießen – alles auf Augenhöhe mit dem Bergpanorama.
Hinter dem »Silo« steht nicht etwa eine der weltweit agierenden Hotelketten, sondern die Kapstädter Unternehmerin Liz Biden. Nach dem Verkauf ihrer Modekette »Jenni Button« im Jahr 1998 stieg die Unternehmerin ins F&B-Biz ein und eröffnete mit dem »Royal Malewane« im Kruger-Nationalpark die erste ihrer luxuriösen Unterkünfte. Inzwischen umfasst Bidens Hotelgruppe »The Royal Portfolio« vier Häuser, alle in Südafrika. In den kommenden Wochen stehen zwei Neueröffnungen an: das Franschhoek House und das Tented Camp. Das Silo ist jedoch mit Abstand das spektakulärste ihrer Babys.
Die Liebe zum Detail
Wie schon in ihren anderen Hotels hat die ehemalige Modeunternehmerin jedes Zimmer im »Silo« individuell und persönlich gestaltet, sodass kein Raum dem anderen gleicht. Was sie jedoch alle gemeinsam haben, ist Bidens pedantische Liebe zum Detail.
Wer im Inneren des Hotels den typischen Industrial Chic erwartet, wird überrascht sein. Die Räume sind durchweg in britischem Kolonialstil gestaltet: Antike Holzsekretäre, antiquarische Büsten und Bücher, kombiniert mit gemusterten Polstermöbeln, schweren Perserteppichen und prächtigen Kronleuchtern, verleihen den Zimmern eine Atmosphäre von Wärme und Heimeligkeit, die in starkem Kontrast zu der nüchternen Betonhülle des »Silo« steht.
Das Hotel beherbergt zudem eine Reihe von Exponaten aus Bidens privater Sammlung afrikanischer Kunst, die sie auf ihren unzähligen Reisen durch den Kontinent zusammengetragen hat. Diese Werke bereichern das Interieur auf eindrucksvolle Weise – auch wenn die Sammlung bescheiden wirkt im Vergleich zur beeindruckenden Kollektion des angeschlossenen Museums.
Religiöse Erhabenheit
Das Zeitz MOCAA, das sich unter dem Hotel befindet, macht einen schon beim Betreten sprachlos. Sein Atrium strahlt die Erhabenheit einer gotischen Kathedrale aus. Die über 30 Meter hohen Betonsilos, an einigen Stellen mit ovalen Durchschnitten versehen, erinnern an riesige Orgelpfeifen und verstärken die sakrale Atmosphäre des Raumes. Gläserne Aufzüge gleiten elegant zwischen den imposanten Siloröhren empor und bringen die Besucher bis zur Dachterrasse mit dem beeindruckenden Skulpturengarten. Auf neun Etagen, verteilt auf 6500 Quadratmeter, werden ausschließlich Werke von Künstlern aus dem afrikanischen Kontinent oder der Diaspora ausgestellt – mit dem Ziel, den Blick auf Südafrika zu dekolonialisieren und die Geschichte des Landes aus einer afrikanischen Perspektive neu zu erzählen.
Von der vergleichsweise bescheidenen Grundfinanzierung von 40 Millionen Euro durch den Hauptinvestor V&A Waterfront abgesehen wäre das Megaprojekt ohne einen Mann nicht möglich gewesen: Jochen Zeitz, der deutschstämmige CEO von Harley-Davidson. Bekanntheit erlangte Zeitz, als er mit nur 30 Jahren als jüngster Vorstand einer deutschen Börsenfirma den angeschlagenen Sportartikelhersteller Puma wieder auf Erfolgskurs brachte. Was nur wenige wissen: Das Herz des heute 61-Jährigen schlägt seit seiner frühen Kindheit für Afrika. Seit 2002 kauft der gebürtige Mannheimer südafrikanische Kunst – und zwar so besessen, dass seine Sammlung nach nur 15 Jahren bereits ein ganzes Museum füllte.
Wer nach den visuellen Reizen im »Silo« etwas Ruhe sucht, kann den Shuttleservice nach Franschhoek nutzen, ins nur anderthalb Stunden entfernte Schwesterhaus »La Residence«. Es liegt auf einem 30 Hektar großen Anwesen, umgeben von Reben, Olivenhainen und Pflaumenplantagen, inmitten der Winelands.
Längst ist es kein Geheimnis mehr, dass die Anlage zu den liebsten Ferienzielen von Popstar Elton John und seinem Ehemann gehört. Wer das Glück hat, zur selben Zeit wie der Superstar eines der exklusiven Zimmer zu bewohnen, darf sich, Insidern zufolge, sogar auf Privatkonzerte freuen. Wenn das kein Luxus ist, was dann?
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