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In Visperterminen im Schweizer Kanton Wallis wächst der weiße Traminer – unter dem Namen »Heida« – auf 1000 Metern Meereshöhe.

In Visperterminen im Schweizer Kanton Wallis wächst der weiße Traminer – unter dem Namen »Heida« – auf 1000 Metern Meereshöhe.
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Traminer: Stammvater aus heidnischer Zeit

Wein
Weinbau

Die geografische Herkunft der Rebsorte Traminer ist zwar nicht eindeutig lokalisierbar, sicher sind sich die Genetiker jedoch in einem: Der Ort Tramin in Südtirol ist es nicht. Spuren und Nachkommen hat die Sorte fast überall im Alpenraum hinterlassen, und weit darüber hinaus.

Familientreffen im Hause Traminer, es sind alle gekommen: Der Patriarch und Stammesgründer, der grüne Traminer, auch als »Savagnin«, »Heida« oder »Païen« bekannt, freut sich über die reiche Kinderschar, während sein Zwilling mit rosafarbenen Beeren, genannt »Savagnin rose«, »roter Traminer«, »Clevner«, oder – unter gewissen Bedingungen – auch »Gewürztraminer«, neben ihm am Tisch der Alten Platz nimmt. Am Tisch der Kinder sitzen: der Silvaner und der Grüne Veltliner, Sauvignon Blanc, Trousseau and Chenin Blanc, Räuschling und Rotgipfler, Petit Manseng und Petit Meslier, Adelfränkisch und Elbling, Verdejo und Duras. Eine hochkarätige Versammlung, schließlich hat es jedes der Kinder zu etwas gebracht, einigen gelang sogar eine Weltkarriere, andere begnügen sich mit der Rolle eines Hidden Champion mit Lokalkolorit.

Wo auch immer der Traminer seinen Ursprung hat – er ist eine sehr alte und ursprüngliche Sorte, die in einem Gebiet von immenser Größe Spuren hinterlassen hat: von der Loire und der Champagne über den Rheingraben bis nach Südfrankreich und Nordspanien und die Donau entlang bis weit in den Osten. Dass diese zucker- und aromastarke Rebe nördlich der Alpen dem Ort Tramin zugeschrieben wurde, dürfte eher eine frühe Form des Marketings gewesen sein als eine exakte Herkunftsaussage: Vermutlich bewegten die Außergewöhnlichkeit des Aromas und auch die Stärke des Weins die Winzer dazu, ihr eine südliche Herkunft anzudichten. Auf dieser Linie liegt auch die Bezeichnung »Clevner«, die der Gewürztraminer in der Ortenau besitzt und die als Anspielung auf den Ortsnamen »Chiavenna« zu deuten ist. Man kennt solche Zuschreibungen: In verschiedenen Gegenden Mitteleuropas trägt ein halbes Dutzend Rebsorten die Bezeichnung »Clevner«. In ähnlicher Weise hat der Grüne »Veltliner« mit dem Veltlin keine Berührungspunkte, und auch Syrah kommt nicht aus Shiras in Persien.

Traminer/Gewürztraminer

Etwas kniffliger klar zu bekommen sind die Unterschiede innerhalb der Sorte: Gewiss, Savagnin und Heida und der grüne Traminer besitzen grüne bis goldfarbene Beeren, während die Beerenhaut bei rotem Traminer und Gewürztraminer rosafarben bis violett gefärbt ist. Aber gerade im deutschen Sprachraum geht es bei den Bezeichnungen »Traminer« und »Gewürztraminer« ziemlich durcheinander. Steht »Traminer« auf dem Etikett, kann es sich um grünen oder um roten handeln. Und dann fragt man sich auch: Wenn ein Etikett den »roten Traminer« erwähnt, ist es dann nicht automatisch ein Gewürztraminer? Offenbar nein!

Andreas Laible aus Durbach in der Ortenau hat sie nebeneinander im Weinberg stehen, den normalen roten Traminer und den Gewürztraminer. Er keltert aus ihnen zwei separate Auslesen, und erklärt den Unterschied so: »Wenn ich mir die Reben im Sommer anschaue, dann sehen die identisch aus. Der Unterschied liegt in der Traube: Beim Gewürztraminer ist sie kleiner, und sie hat in der Regel keine Schultern. Die Beerenfarbe geht beim Gewürztraminer eher ins Orange, während der rote Traminer ein sattes Altrosa zeigt. Und natürlich hat der Gewürztraminer einfach noch mehr Aroma.«

Elsass

Dass Rebsorten besonders würzige, oft muskatartige Spielarten ausprägen, ist auch von anderen Varietäten bekannt, beispielsweise vom Chardonnay. Beim Gewürztraminer aber treibt die Genetik den Aromenreichtum ins Extreme: In der chemischen Analyse lassen sich in seinem Wein bis zu 500 verschiedene Aromastoffe identifizieren. Der Ort, an dem diese Mutation wahrscheinlich zuerst auftrat oder zum ersten Mal systematisch vermehrt wurde, ist das Elsass. Die große Gewürztraminer-Tradition des Elsass lässt es wie selbstverständlich erscheinen, dass aus der Sorte Grands Crus erzeugt werden können. Domänen mit besonders ausgeprägter Gewürztraminer-Tradition wie Dirler-Cadé in Bergholtz im südlichen Elsass bei Mulhouse erzeugen gleich vier verschiedene Grands Crus. Damit ist auch der Ton gesetzt für das, was den Elsässer Gewürztraminer einzigartig macht: Er ist reich, ohne erdrückend zu wirken, hat dort, wo er nicht ganz trocken ist, eine Süße ohne Zuckrigkeit, und über allem liegt in der Regel eine durchdringende Terroir-Prägung, die den Aromen und der Gaumenstruktur Distinktion verleiht. »Ein guter Gewürztraminer muss ziseliert sein«, sagt Cathérine Faller von der berühmten Domaine Weinbach, »es geht um Eleganz und Gleichgewicht«. Und sie schickt nach: Um zu verhindern, dass der Gewürztraminer plump werde, benötige man zuallererst ein Spitzenterroir, etwa eines auf Kalkmergel wie im Grand Cru Fürstentum, in dem der Weinbach-Gewürztraminer wächst.

In der Sortenstatistik liegt der Gewürztraminer im Elsass bei rund 20 Prozent (etwa 3000 Hektar) und nur knapp hinter dem Riesling auf Platz zwei. Dennoch sind die Weine etwas aus der Mode gekommen. »Die Marktsituation in Deutschland ist für Elsässer Weine im Allgemeinen sehr ruhig«, sagt der Berliner Weinhändler Sébastien Visentin, »und sie grenzt an Tiefschlaf für den Gewürztraminer.« Dabei, so Visentin weiter, kenne er keinen Wein, der beispielsweise besser zu einer Burrata mit süßen reifen Tomaten und Basilikum passe als einen trockenen Elsässer Gewürztraminer.

Deutschland

In Deutschland wächst der Traminer inklusive Gewürztraminer auf 1100 Hektar (1,1 Prozent der Fläche). Seine traditionellen Hochburgen hat er in Sichtweite des Elsass in der Ortenau, in der Pfalz, und in Sachsen. Karl Friedrich Aust aus Radebeul bei Dresden erinnert sich, wie er schon als kleines Kind in den Steilterrassen der Lage »Goldener Wagen« Beerchen stibitzt hat und dabei den Variantenreichtum der Traminer- und Gewürztraminerstöcke kennengelernt hat: »Der Traminer mutiert ja schnell und hat dann immer wieder unterschiedliche Farben. Wir haben als Kinder genau gewusst, welche Beeren am besten schmecken, wir haben nur die gegessen, die genial waren«. Austs Traminer von den vulkanischen Syenit-Böden Radebeuls gehören heute zu den Klassikern in Sachsen und Deutschland, mit den Elsässern teilen sie die Eigenschaft, im Restzucker je nach Jahr mal dies- und mal jenseits der »trocken«-Grenze zu liegen.

Eine neue, und ganz offensichtlich bereits starke Bewegung interpretiert den deutschen Gewürztraminer stets komplett durchgegoren, und das mit Maischekontakt oder gar mit Maischegärung. Diese Weine extrahieren neben den Phenolen aus der dicken Beerenhaut der Sorte auch besonders viele Aromavorstufen, sodass spannungsreiche Geschmacksbilder entstehen, die auf Flaschenreife angelegt sind. Die Gerbstoffe helfen auch, die gelegentliche Säurearmut des Traminers zu kurieren – und sie schaffen ein Gegengewicht zur Wucht der Weine.

Jura und Schweiz

Seit den 1990ern hat sich die Traminer-Fläche in der Schweiz nahezu verzehnfacht und liegt heute bei rund 230 Hektar. Dazu kommen noch 45 Hektar Gewürztraminer, der in der Ostschweiz hier und dort als Spezialität in einem Rebberg steht. Etwa 95 Prozent der Traminer-Fläche befinden sich im Wallis, wo die Sorte »Heida« oder »Païen« genannt wird und kräftige, strukturierte Weißweine hervorbringt. Besonders bekannt sind die Gewächse aus dem Oberwalliser Dorf Visperterminen, wo teils noch wurzelechte Heida-Stöcke auf bis zu 1150 Metern Höhe gedeihen. Erstmals urkundlich erwähnt wurde der Name Heida im Jahr 1586 in Visp. Im Oberwalliser Dialekt bedeutet er so viel wie »sehr alt«, was sich auf die Zeit vor der Evangelisierung, die Zeit der Heiden, bezieht. Païen ist die wörtliche französische Übersetzung. Etwas weiter nördlich, im Kanton Neuenburg und am Murtensee, soll Savagnin, lange bevor Chasselas die tonangebende Sorte wurde, eine bedeutende Rolle gespielt haben. Die Savagnin-Weine, die auf den kalkhaltigen Böden der Region entstehen, sind stilistisch näher am französischen Jura angesiedelt.

Der französische Teil des Juragebirges bändigt die Wucht des Traminers im berühmten Vin jaune durch das Spiel mit der Oxidation. Auch hier sind die Böden wichtig: Der Kalkstein steht in diesen Weinbergen besonders nah an der Oberfläche.

Südtirol

Der Gewürztraminer hat in Südtirol einen Flächenanteil von elf Prozent und liegt damit hinter Pinot Grigio an zweiter Stelle. Südtirol hat sich auf trockenen Gewürztraminer spezialisiert, wobei ein Restzuckergehalt von sechs bis acht Gramm durchaus üblich ist. Das Hauptanbaugebiet liegt in Südtirols Süden, insbesondere um die Ortschaft Tramin. Gewürztraminer-Spezialisten sind die Kellerei Tramin, Elena Walch und Hofstätter sowie die Kellerei Bozen. Kaum ein Erzeuger in Südtirol, der keinen Gewürztraminer im Programm hat. Nicht weil die Sorte im Lande selbst so beliebt ist, Gewürztraminer aber ist eine Schlüsselsorte für den italienischen Markt.

Österreich

In Österreich zählt der Traminer zu den ältesten gepflegten Sorten, allerdings war sie früher populärer als heute. Heute wird Traminer in seinen Facetten nur mehr auf rund 262 Hektar angepflanzt, was 0,6% der landesweiten Rebfläche entspricht. Aus qualitativer Sicht wird oft die Steiermark und hier das östliche Vulkanland mit dem historischen Traminer-Zentrum Klöch als erstes genannt. Eine kleine Renaissance erlebt Traminer in der Alpenrepublik durch die Natural-Wine-Bewegung, denn als maischevergorener Wein ist der Traminer bei einem jüngeren Publikum erfolgreich.

Übersee

Als Kuriosität wird der Gewürztraminer vereinzelt auch in der Neuen Welt angebaut: In Kalifornien stehen immerhin 700 Hektar, in Oregon 70 Hektar, in Australien 900 und in Neuseeland 300 Hektar.


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