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Am Eingang zur berühmten Appellation Pauillac liegt in Saint-Lambert das prächtige Château Pichon-Baron.

Am Eingang zur berühmten Appellation Pauillac liegt in Saint-Lambert das prächtige Château Pichon-Baron.
© Richard Semik | Shutterstock

Wolken über Bordeaux: Was man vom Jahrgang 2024 erwarten darf

Bordeaux
Frankreich
Jahrgang

Die Winzer im Bordeaux hatten es 2024 nicht leicht. Viel Feuchtigkeit, Mehltau, kleinere Fruchtansätze aufgrund einer ausgedehnten Blüte sowie Hagel und Regen kurz vor der Lese machten ihnen das Leben schwer. Doch der Sommer zeigte sich warm und überwiegend trocken, die Reifephase verlief lang genug – und wer im Weinberg sorgfältig selektierte, hatte zwar meist weniger Ertrag im Keller, dafür aber ein Ergebnis, das die Erwartungen vieler deutlich übertraf.

Nach der Verkostung von über 500 Weinen direkt vor Ort in Bordeaux lässt sich ein erstes Fazit ziehen: In allen Appellationen finden sich einige heraus­ragende Rotweine – weder das linke noch das rechte Ufer hat dabei eindeutig die Nase vorn. Das Gesamtbild ist jedoch stark uneinheitlich. Entscheidend, wie so oft: die Qualität des Terroirs, das Alter der Reben – insbesondere bei den Merlots spielte das diesmal eine zentrale Rolle – und die rigorose Selektion des Leseguts. Letzteres war allerdings nicht zuletzt eine Frage der verfügbaren finanziellen Mittel.

Der Charakter der Weine entspricht exakt dem, was sich die junge Generation sowie die Claret-Fraktion unter den Connaisseurs gewünscht haben: tiefe Farbe, expressiv-einladende Frucht ohne Spur von Überreife, reife, seidige Tannine, dazu sehr gute, animierende Frische und Leichtigkeit im Sinne des Alkohols, der am linken Ufer durchgängig unter 13 Prozent und am rechten Ufer manchmal knapp darüber liegt. Die trockenen Weißweine sind durchweg ausgezeichnet, die Süßweine präzise und vielversprechend. 2024 hat Rotweine hervorgebracht, die mit Charme und Frische überzeugen. Viele von ihnen werden sich bereits früh trinken lassen – teils sogar sofort –, von zehn Jahren Wartezeit kann diesmal kaum die Rede sein. Stilistisch fühlt man sich bisweilen in die 1980er-Jahre zurückversetzt – mit dem Unterschied, dass die Weine heute deutlich präziser vinifiziert sind.

Für langfristige Spekulationen eignet sich der Jahrgang eher nicht; Anleger, die Bordeaux primär als Investment betrachten, werden in 2024 kaum fündig werden. Wer jedoch den Einstieg in die Bordeaux-Welt sucht oder einfach gerne guten Bordeaux trinkt, dürfte durchaus auf seine Kosten kommen. Fest steht: Der Jahrgang ist insgesamt als gut bis sehr gut zu bewerten. Und unter den vielen soliden Weinen finden sich auch einige Spitzenprodukte – allerdings in der entsprechenden Preisklasse. Aber die paar Flaschen von Le Pin oder jene von Petrus verkaufen sich sowieso.

Der Jahrgang 2024 brachte die Rückkehr des typischen Claret-Stiles.

Die Achtziger sind zurück

Das Jahr 2024 unterschied sich in mehreren entscheidenden Punkten von seinen beiden Vorgängern. Während der Sommer des Jahres 2022 von durchgehender Hitze geprägt war und 2023 mit einem prachtvollen Altweibersommer glänzte, der letztlich die Traubenreife prägte, lässt sich der frisch verkostete Jahrgang 2024 mit keinem der beiden vergleichen. Der Winter verlief mild und war von rekordverdächtigen Niederschlagsmengen begleitet, der Frühling war kälter als üblich, von Mitte April bis Ende Juni fiel wieder mehr Regen als sonst. Die wichtige Blütephase war spät und zumeist ausgedehnt im Zeitraum vom 26. Mai bis zum 8. Juni. Besonders beim Merlot sorgte das eher kühle Wetter für eine schlechtere Befruchtung.

Der Sommer brachte durchschnittliche Temperaturen, mit einer etwas wärmeren Phase zwischen Mitte Juli und Mitte August. Nur an acht Tagen Ende Juli kletterte das Thermometer über die 30-Grad-Marke. Entscheidend für die Qualität des Jahrgangs war diese sommerliche Periode, denn sie blieb weitgehend niederschlagsfrei – was für einen gewissen Stress auf die Reben sorgte. Während in dieser Periode die Tannine gut reiften, kam es zu einer vergleichsweise geringeren Zuckereinlagerung in den Trauben, was am Ende auch den niedrigen Alkoholgehalt erklärt. Ein kühler Sep­­tember bremste den Reifeprozess, dafür blieben dank kühler Nächte die überdurchschnittlich hohen Säurewerte erhalten. So konnten ab der letzten Septemberwoche frische und fruchtbetonte Rotweine mit gut ausgereiften Tanninen und tiefer Farbe geerntet werden, die in ihrem Charakter an manche Jahrgänge der 80er- und 90er-Jahre erinnern.

Der Jahrgang 2024 steht für Charme, Frische, trinkfreude und Leichtigkeit sowie lagerfähigkeit – und das zu guten preisen.

Rot, leicht, Claret pur!

Als erstes Fazit lässt sich der Jahrgang 2024 als gut bis sehr gut einstufen. Über die tatsächlich erreichte Qualität entschieden in diesem Jahr jedoch eine Vielzahl an Faktoren. Der feuchte Jahresbeginn stellte den Pflanzenschutz von Anfang an vor große Herausforderungen – der Mehltau war ein ständiger Begleiter. Vor allem die Biowinzer können davon ein Lied singen. Wer seine Spritzungen nicht exakt durchführte (z. B. bei Château Ponte-Canet über 30-mal) konnte seine Ernte zur Gänze vergessen, und so waren die Mengen pro Hektar überall niedrig; dazu kamen das geringe Traubengewicht und das rigorose Selektionieren der Ernte.

Im Klartext: Im Jahr 2024 waren jene Produzenten im Vorteil, die es sich leisten konnten, alle nötigen Maßnahmen zu ergreifen und auf qualitätsmindernde große Mengen zu verzichten. Sicher ist: Die Winzer verfügen heute über ein deutlich besseres technisches Rüstzeug als noch vor zehn Jahren. In Kombination mit viel Know-how konnte Bordeaux 2024 trotz aller Herausforderungen ein äußerst respektables Ergebnis erzielen – abgesehen von den Mengen, die im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld ohnehin kaum zu vermarkten gewesen wären.

Klar ist auch: Mit diesem Jahrgang wird man in Bordeaux nicht reich werden. Zu hoch war der Aufwand und damit die Produktionskosten. Und trotzdem werden die Preise für 2024 deutlich nach unten gehen. Wie weit tatsächlich, ist zum Redaktionsschluss noch nicht bekannt. Informelle Gespräche mit den Produzenten ergaben, dass der Preisabschlag gegenüber dem Vorjahr bei 15 bis 20 Prozent liegen würde. Wenn sich das bewahrheitet, dann kann der Subskriptionskauf diesmal durchaus Sinn machen und man sollte sich seine Lieblingsgüter nicht entgehen lassen, wenn sie entsprechend gut bewertet sind.

Vergleicht man die Preise mit denen im Burgund, könnten renommierte Namen aus Bordeaux in diesem Jahr fast wie Schnäppchen wirken. Sollten die Premiers Grands Crus zu Großhandelspreisen zwischen 200 und 250 Euro an den Négoce gehen, dann kann 2024 sehr spannend werden.

Unser Fazit zum Jahrgang: Trinkfreude, Charme, Frische, Leichtigkeit, durchaus Lagerfähigkeit und das Ganze sicher zu Preisen, die man schon lange nicht mehr gesehen hat.

TASTING: BEST OF LINKES UFER

TASTING: BEST OF RECHTES UFER


 

Erschienen in
Falstaff Magazin Deutschland Nr. 3/2025

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Peter Moser
Peter Moser
Chefredakteur Wein
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