In wirtschaftlich und politisch schwierigen Zeiten streben die Menschen nach Bewährtem, Sicherheit geht vor Experimentierfreude. Vielleicht ist deshalb dem «Orsini» Erfolg beschieden, denn das neue Winterthurer Restaurant – nicht zu verwechseln mit einem Zürcher Betrieb gleichen Namens – lässt die «sicheren» Achtziger und Neunziger des vergangenen Jahrhunderts aufleben. Die Website trägt dick auf, spricht von «Saveur de la France» und einem «Fest der Sinne», beschwört klassische französische Gastrokultur irgendwo zwischen Brasserie und Gourmetlokal. Und tatsächlich hat man bei der Einrichtung nicht gespart: Es gibt Weinklimaschränke, hübsch eingedeckte Tische, dazu einen bei meinem Besuch rein weiblichen Service, einen herzlichen, netten, kompetenten. Nicht selbstverständlich angesichts allgemeiner Personalprobleme! Apropos Wein: Der stammt natürlich aus Frankreich. Crémant von Bouvet-Ladubay zu neun Franken das Dezi, Champagner von Lansonzu 17 Franken – das ist fair. Sogar 2017er Château Cantemerle serviert man glasweise, den weissen Corton-Charlemagne von Méo-Camuzet aus dem Jahrgang 2010 in der Flasche. Toll. Einen Tropfen Wasser in den Wein schüttete an diesem Abend die Küche, die trotz guter Ansätze überfordert schien. Die Terrine de foie gras war nicht allzu schön angerichtet, der Champagnerschaumsuppe mangelte es ein bisschen an geschmacklicher Tiefe. Besser geriet Coq au Vin mit viel Speck und Champignons, im Töpfli serviert (die kleine Portion kostet 35, die grosse
64 Franken). Dazu natürlich Kartoffelgratin, dem ein bisschen Salz und Muskat fehlten. Hausgemachte, originell angerichtete Mousse au Chocolat schloss den Abend in einem Restaurant mit Potenzial ab.