Vegan hat sich etabliert, ist erwachsen geworden.
© Ryong
von Nicola Afchar-Negad
13. August 2022
»Wir sind sehr froh, diesen gewagten Schritt während der Pandemie gegangen zu sein – und marketingtechnisch das Wort ›vegan‹ stark gepusht zu haben. Das hatten wir bei unseren Stores zuvor nie gemacht, um niemanden abzuschrecken.« Diese Aussage von Filip Nemcek (»Pizzi*s & Cream«) steht ohne weitere blumige Einleitung am Anfang dieses Textes, um gleich zu Beginn klarzumachen: vegan hat sich etabliert, ist erwachsen geworden, wie es auch gerne heißt. Nemcek hat jedenfalls reichlich Erfahrung. Bevor er den rein veganen Hybrid-Spot (Pizza und Eiscreme) in Wien startete, eroberten er und sein Kompagnon Peter Mazzari mit der Marke »Superfood Deli« bereits ordentlich Terrain – in Österreich und der Schweiz. Da war man zwar bereits 100 Prozent vegan, aber posaunte das eher nicht in die Welt hinaus.
Die Herren haben sich mittlerweile emanzipiert, auf der Webseite begrüßen einen die Worte: »Sagen Sie Ciao zu Wiens 1. veganer und bio-zertifzierter Pizzeria«. Das ist eine Ansage. Natürlich geht es hier um eine themenaffine Zielgruppe, für die breite Masse wäre das eventuell nichts. Zumindest noch nichts. Thomas Panholzer, Österreich-Geschäftsführer vom Großhändler Transgourmet betont im Gespräch mit PROFI mehrfach, wie groß, ja sogar riesig, das Potenzial für Gastronom:innen in diesem Bereich sei – insbesondere in Anbetracht der immens steigenden Zahl der Flexitarier:innen, also Menschen, die ab und an auf Fleisch verzichten möchten. Er weiß auch, dass es teilweise eine Frage des Wordings ist, wie groß die Zustimmung für diese Gerichte ist. »Ob Veganes in der traditionellen Gastronomie Zuspruch findet, hängt stark von der Vermarktung ab. Mit minimalem Aufwand können Gäste begeistert werden, unter anderem durch die Auslobung als ›Empfehlung des Tages‹ – dabei kann durchaus bewusst der Zusatz vegan entfallen. Menschen, die gerne Fleisch essen, vermuten oft – zu Unrecht –, dass vegane Gerichte langweilig sind.« Und ja, das funktioniert natürlich auch im Take-away-Bereich.
Ersatz von Tierleid
Mit Transgourmet finden Gastronom:innen jedenfalls einen versierten Partner. Heuer neu eingeführt: die Produktlinie »Transgourmet Plant-based«, die sowohl Eigen- als auch Industrieprodukte umfasst. »Das Sortiment beinhaltet rund 1.000 Artikel, von Fleisch-, Milch- und Fischalternativen über Suppen, Salate, Hülsenfrüchte, Nüsse, Kerne, Samen und Trockenobst bis hin zu Teigwaren, Pseudo-Getreide, verarbeitetes Gemüse, Backwaren, Brotaufstriche, Fette, Essige und Öle – sowie Desserts und Süßwaren.« Panholzer spricht explizit von einem »veganen Burger-Boom« und erwähnt exemplarisch das Schweizer Start-up »Green Mountain«, das auch vegane Bratwürste, Leberkäse und Steaks in petto hat.
Oft hinterfragt: das Wort »Fleischersatz«. Warum wünschen sich Veganer:innen denn bitte Gerichte, die so ähnlich wie Fleisch schmecken? Kristina Töller, die den Foodblog »Vegan Harbour« führt, muss schmunzeln. »Die Frage bekommt man oft gestellt, dabei ist es eigentlich recht einfach. Warum sollte man auf gewohnten Geschmack verzichten, nur weil man vegan lebt? Es ist ja nicht so, dass uns allen Fleisch nicht geschmeckt hat. Mit dem Ausdruck ›Ersatzprodukte‹ an sich habe ich kein Problem, es geht ja um den Ersatz von Tierleid.«
Im Englischen wird auch gerne der Ausdruck »cruelty-free« verwendet. Die Bloggerin hat auch einen Tipp für die Gastronom:innen: »Die Social Media Präsenz ist bei vielen noch ausbaufähig. Gerade die vegane Community ist sehr stark auf Instagram vertreten. Die Möglichkeiten, die sich hier bieten, sollte man nicht unterschätzen.« Die Konsument:innen werden es den Gastronom:innen danken, denn: the time is now. Oder wie Nemcek von »Pizzi*s & Cream« sagt: »Es geht nicht mehr nur um einen Trend, sondern um Allgemeinwohl. Die Tatsache, dass wir mit jeder Mahlzeit unseren CO2-Abdruck ordentlich minimieren, kommt langsam bei den Menschen an.« Und damit auch auf den Tellern – oder in den Take-away-Boxen.

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