Auf den königlichen Trunkenbold! Die Geschichte des »Prince of Wales« Cocktails
Wer 59 Jahre auf seinen Thron warten muss, dem kann schon mal langweilig werden. Kronprinz Albert »Bertie« Edward aber nutzte die Zeit, um seinen zahlreichen Hobbys zu frönen - und erfand dabei einen der wichtigsten Champagner-Cocktails aller Zeiten.
»Gentlemen, ich brauche ein Getränk, das meiner würdig ist!«, rief der zylinderschwingende Bonvivant und warf sich erwartungsfroh in seinen Clubsessel. Der Mann, dem dieser Satz zugesprochen wird, war ein echter Lebemann, der den Großteil seiner reichlichen Freizeit in Nachtclubs, auf Pferderennbahnen, beim Glücksspiel oder in Theatern verbrachte – und dies mit Vorliebe in der Begleitung von leicht oder gänzlich unbekleideten Damen. An die zwölf Zigarren soll er jeden Tag geraucht haben und wie es sich für einen edlen Herrn der damaligen Zeit schickte, war er in den feinen Londoner Clubs des späten 19. Jahrhunderts kein Unbekannter.
Nun war jener Albert »Bertie« Edward aber nicht irgendein dahergelaufener Geldsack, er war niemand geringeres als der Prince of Wales und damit der zukünftige König von England. Doch das Leben des ältesten Sohns von Queen Victoria hatte auch seine Schattenseiten, denn immerhin war er mit einer Mutter gestraft, die nicht nur steinalt werden sollte, sondern die ihn auch zeitlebens für den Tod ihres Ehemannes verantwortlich machte und ihn deshalb aus allen royalen Geschäften und Pflichten heraushielt. Sein damals schon zweifelhafter, nahezu liederlicher Lebenswandel soll seinen Vater dermaßen geärgert haben, dass darüber sein Herz versagte. Gute 40 Jahre verbrachte Queen Victoria daraufhin als trauernde Witwe und ganze 59 Jahre sollte der arme »Bertie« warten müssen, bis der Thron endlich für ihn frei wurde.
Eines Prinzen würdig
Was macht man also, wenn man Jahrzehnt um Jahrzehnt auf seine Herrschaft warten muss, aber dennoch die Taschen voller Geld und einen leeren Terminkalender hat? Man professionalisiert den Genuss. Und zu diesem gehörte für »Bertie« auch ganz klar das Trinken, das – zu seinem Glück – in jener Zeit bereits die aus den USA nach Europa geschwappte Welt der Cocktails umfasste. Aus manchen Quellen geht hervor, er habe selbst ein großes Talent für das Rühren von Cocktails gehabt. Irgendwann in den Jahren seiner nicht enden wollenden Ausschweifungen soll er dann entstanden sein, jener legendäre »Prince of Wales«-Cocktail, der aber viel mehr ein weiterentwickelter »Old Fashioned«, als ein klassischer Champagner-Drink ist, denn anders als beispielsweise in einem »French 75«, in dem der Schaumwein die Hauptrolle spielt, wird der Champagner im »Prince of Wales« eher als gleichgewichteter Begleiter zur Spirituose eingesetzt, der diese unterstreichen und bereichern soll.
Was aber kam damals hinein, in diesen kraftvollen Shortdrink? Im Original bestand er aus Rye Whiskey, gestoßenem Eis, einem kleinen Stück Ananas, einem Spritzer Angostura Bitters, einem Stück Zitronenschale, einigen Tropfen Maraschino, etwas Champagner und nach Geschmack ein wenig Puderzucker. Heute wird er, wohl um ihn im Vergleich zum doch recht kantigen Rye Whiskey noch etwas »royaler« zu machen, oftmals mit Cognac gemixt.
Doch auch diese Version hätte dem lieben »Bertie« sicherlich gefallen, denn als er 1901 endlich den Thron bestieg, zeigte er, dass er es nicht nur verstand zu feiern, sondern dass er auch auf den Feld der Diplomatie durchaus Talent hatte. Als King Edward VII. gelang es ihm 1904, die Jahrhunderte alte Fehde mit den Franzosen zu beenden und mit ihnen die »Entente cordiale« zu schmieden. Seine jahrelange Erfahrung in Galanterie und gepflegter Konversation – und vielleicht auch seine Cocktailkünste – dürften ihm sicherlich behilflich gewesen sein.
Der »Prince of Wales« (Originalrezept)
- 4,5 cl Rye Whiskey
- 1 Dash Angostura Bitters
- 1 kleines Stück frische Ananas
- 1/4 BL Maraschino
- 3 cl trockener Champagner
- Optional 1 BL Puderzucker
Zubereitung:
Alle Zutaten (außer Champagner) im Shaker mischen und auf gestoßenem Eis sehr kräftig shaken. Danach doppelt in eine vorgekühlte Coupette abseihen und mit dem kalten Champagner auffüllen.