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© Weingut Besson-Strasser / beigestellt

Bioweinbau: von der Nische zum Mainstream

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Schweiz

Bioweinbau hat sich in der Schweiz in nur drei Jahrzehnten von wenigen Hektaren zu fast einem Fünftel der Rebfläche entwickelt. Mehr Biodiversität im Weinberg, lebendige Böden und Bestnoten beweisen, dass die Zukunft des Weins grün ist.

Rund 20 Prozent Bioanteil? Im Jahr 1990, als noch nicht einmal 50 Hektar Reben in der Schweiz von ein paar wenigen «Mutigen» biologisch bewirtschaftet wurden, war das ganz sicher unvorstellbar. 2024 umfasste die Biorebfläche hierzulande genau 2818 Hektar, ein Rekord, der ganz klar aufzeigt: Bioweinbau ist keine Nische mehr. Besonders nicht unter den Top-Produzenten, die heute auffällig häufig nach biologischen Richtlinien arbeiten.

Ob Weine aus biologisch angebauten Trauben besser als jene aus konventionellen Trauben schmecken, wurde immer wieder in Studien untersucht. Zwei Studien von Magali Delmas, Umweltökonomin an der UCLA Anderson School of Management in Kalifornien, und Olivier Gergaud, Ökonom an der KEDGE Business School in Bordeaux, zeigen, dass biologisch hergestellte Weine von Experten im Durchschnitt höher bewertet werden als konventionell produzierte Weine.

In der 2016 veröffentlichten Kalifornien-Studie untersuchten Delmas und Gergaud 74.000 Weine, die von Kritikern wie Robert Parker («Wine Advocate»), Wine Enthusiast und Wine Spectator bewertet wurden. Die Ergebnisse zeigten, dass Bio-Weine durchschnittlich 4,1 Prozent bessere Bewertungen erhielten als konventionelle Weine.

In einer nachfolgenden Studie wurden 2021 insgesamt 128.000 französische Weine analysiert, diesmal bewertet von den renommierten Weinführern Gault Millau, Gilbert & Gaillard und Bettane+Desseauve. Auch hier überzeugten die Weine aus biologischem oder biodynamischem Anbau – sie wurden im Schnitt um 6,2 Prozent höher eingestuft als ihre konventionellen Pendants. Auch bei den Falstaff-Verkostungen erreichen Weine von Winzern, die mit, statt gegen die Natur arbeiten, schon seit Längerem auffällig häufig Bestnoten.

Rebberge voller Leben

Immer mehr Spitzenweingüter hierzulande setzen auf einen ganzheitlichen Ansatz, der weit über das Weglassen von chemisch-synthetischen Spritzmitteln und Düngern hinausgeht. Im Zentrum steht hierbei ein lebendiges Ökosystem. Das heisst konkret, den Weinberg nicht als isolierte Produktionsfläche, sondern als komplexes Zusammenspiel zwischen Pflanzen, Tieren, Mikroorganismen und Bodenlebewesen zu begreifen, die es zu unterstützen gilt.

Am eindrücklichsten offenbart sich dieses komplexe System, wenn man im Rebberg steht. Bei Knospe-Betrieben wie der Domaine de Chambleau oder Besson-Strasser herrscht nämlich pralles Leben. Dauerbegrünte Rebzeilen, wie im biologischen Rebbau üblich, und eine vielfältige Begrünung sorgen für Schutz vor Erosion, verbessern die Wasserspeicherung, senken die Bodentemperaturen deutlich und mindern dadurch Verdunstung und Hitzestress. Ausserdem summt und brummt es zwischen den Rebzeilen, da die Artenvielfalt bei biologischem Anbau durchschnittlich um rund 30 Prozent steigt.

So wenig wie möglich, so viel wie nötig

Unter der Erdoberfläche spielt sich das eigentliche Drama ab. In den Böden von biologisch bewirtschafteten Weinbergen wimmelt es nur so von Mikroorganismen, Pilzen und Bakterien. Diese unsichtbaren Helfer bilden mit den Rebwurzeln symbiotische Gemeinschaften, machen Nährstoffe besser verfügbar, stärken die Abwehrkräfte der Pflanzen und machen sie widerstandsfähiger.

Produzenten wie Bosshart + Grimm im St. Galler Rheintal oder die Azienda Agricola Bianchi im Tessin setzen zusätzlich auf pilzwiderstandsfähige Rebsorten, sogenannte PiWi-Sorten. Bei deren Anbau können die Pflanzenschutzmassnahmen um bis zu 80 Prozent reduziert werden, was erhebliche Einsparungen hinsichtlich Kosten und Umweltbelastung bedeutet.

Auch im Keller gilt das Prinzip: so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Viele Zusatz- und Hilfsstoffe, die bei der konventionellen Weinbereitung gängig sind, sind im Bioweinbau stark eingeschränkt. Das Konservierungsmittel Schwefeldioxid darf nur in reduzierten Mengen verwendet werden, technische Eingriffe sind minimal zugelassen. Zertifizierter Bioanbau ist gesetzlich definierter Standard, der streng kontrolliert wird. Begriffe wie «nachhaltig» hingegen sind rechtlich nicht geschützt, wodurch die Aussagekraft für die Verbraucherinnen und Verbraucher unscharf bleibt.

Grüne Aussichten

Immer mehr Menschen möchten genau wissen, wie die Dinge produziert wurden, die sie konsumieren – getrieben von einem wachsenden Gesundheitsbewusstsein und dem Wunsch nach natürlichen, umweltverträglichen Produkten. Besonders die Generation der Millennials, die in den Jahren 1981 bis 1996 das Licht der Welt erblickte. Sie hat den Biowein-Boom der letzten Jahre massgeblich mitgeprägt. Ein Boom, der längst nicht am Ende angekommen ist.

Laut einer aktuellen Studie des in Kalifornien ansässigen Marktforschungsinstituts Grand View Research wird der globale Markt für Bioweine bis 2030 voraussichtlich einen Wert von rund 19 Milliarden Franken erreichen. Die Marktforscher prognostizieren jährliche Wachstumsraten von über zehn Prozent, während der konventionelle Weinmarkt stagniert. Damit zeigt sich: Bioweinbau ist kein Trend, sondern Ausdruck eines tiefgreifenden Wandels. Er stärkt Böden, sichert Biodiversität und bringt Weine von hoher Qualität hervor. Vom absoluten Nischenprojekt der 90er-Jahre hat er sich zum Symbol für eine zukunftsfähige Landwirtschaft entwickelt.

Beim Familienweingut Bosshart + Grimm setzt man seit langem auf den Anbau von robusten PiWi-Reben.
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Beim Familienweingut Bosshart + Grimm setzt man seit langem auf den Anbau von robusten PiWi-Reben.

Dominik Vombach
Dominik Vombach
Chefredaktion Schweiz
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