Der »Swimming Pool 2019« auf dem Vienna Bar- und Spiritsfestival in der Wiener Hofburg.

Der »Swimming Pool 2019« auf dem Vienna Bar- und Spiritsfestival in der Wiener Hofburg.
© Falstaff/Mila Zytka

Cocktail-Geburtstag: Der »Swimming Pool« ist 40

Selten lässt sich die Entstehung von Cocktails datieren, noch seltener kommen Kreationen aus Deutschland. Charles Schumanns »Swimming Pool« ist die Ausnahme. Und der wurde zum Geburtstag generalüberholt.

Immer noch verwundert es, dass eine ganze Epoche der Bar-Geschichte weitgehend ignoriert wird. Während sich Bartender bis ins Detail mit den Rezepten der Vor-Prohibitionsära (1919 bis 1920) auseinandersetzen und ihre Drinks nachmixen, schafft kaum ein 1980er Drink ein Revival. Die Ära der Likör-Orgien, billiger Säfte, Sahne-Drinks und – ganz schlimm! – Schirmchen als Deko will man lieber ruhen lassen. Allerdings gibt es auch hier Ausnahmen, zumal das »Geburtstagskind« unter den Cocktails auch schon 1979 entstand.

Charles Schumann, heute selbst Bartender von Weltruf, stand damals in der Münchener Falkenturm-Straße hinter dem Tresen der »Harry's New York Bar« von Bill Deck. Die Bar gibt es – unter dem Namen »Pusser's« – heute noch, den »Swimming Pool«, die Kreation Schumanns, ebenso. Es war eine erweiterte »Colada«, die der Münchener um einen Schuss Blue Curaçao erweiterte. Der aromatische Kern aus Kokos und Ananas funktionierte, das Weiß-Blaue Farbenspiel verstärkte den Eindruck vom via Cocktail-Glas angetretenen Karibik-Urlaub noch. Schumann selbst hatte 1979 eine Mischung angewandt, die auch heute wieder viele Freunde findet: Zwei Basisspirituosen ergeben ein abgeändertes Profil. Konkret wurde durch Rum und Wodka hier ein runderer Geschmack erreicht. Genauso agieren Schumanns Erben heute, wenn sie zwei Wermuts oder verschiedene Whiskys für ihre Kreationen optimieren.

Fruchtiger und in kleinerer Menge

»Zu großes Glas, zugefüllt mit Fruchtsaft, Sirup, Sahne und Kokos-Creme«, analysiert den »Swimming Pool« vier Jahrzehnte nach seiner Entstehung einer, der es wissen muss. Charles Schumann selbst nämlich. Anlässlich der FALSTAFF Bar- und Spirits-Gala in Wien dachte die Bar-Ikone laut darüber nach, »den Drink einmal selbst zu überarbeiten. Das Ganze ist nicht mehr zeitgemäß«. Immerhin: Die ursprüngliche Füllmenge hat man bereits aktualisiert; statt dem originalen Fancy-Glass (die bauchigere und kleinere Version eines »Hurricane«-Glases) serviert man im »Schumann's« den Drink heute im Tumbler. »Auch noch zu viel«, meint der Schöpfer des »Swimming Pool«. Eine weitere Adaption hat Charles Schumann bereits 1991 im berühmten Handbuch »American Bar« vorgenommen: Es sind nunmehr sechs Zentiliter (cl) Ananassaft, die den Drink fruchtig machen.

Auch 40 Jahre nach seiner Erfindung – im »Schumann's« serviert man ihn seit der Eröffnung in der Maximilianstraße 1982 – wird der Cocktail gerne getrunken. »Wir haben viele Gäste, die den bestellen«, plaudert Leonhard Sommerfeld aus der Schule. Denn der »Swimming Pool« übersiedelte quasi mit ins »Schumann's« am Odeonsplatz. Und hier entstand auch die Jubiläumsversion, die man sich analog zur Musik-Szene als »Remix« der klassischen Aromatik vorstellen darf. Die Bartender der deutschen FALSTAFF-»American Bar des Jahres«, Noureddine El Moussaoui und Leonhard Sommerfeld aus dem »Les Fleurs du Mal« (der kleinen Bar überm »Schumann's«) nahmen dafür zunächst einmal die Süße zurück. Sogar der namens-, als auch farb-gebende Blue Curaçao wurde aus dem Glas verbannt. Er kommt nun in Form eines Pulvers als Dekoration auf den Schaum der Version 2019.

Geburtstags-Remix mit Champagner

Die Süffigkeit des tropisch-cremigen Klassikers aus Deutschland wurde von »Nouri« und »Leo« durch einen doppelten Trick erhöht: Sahne lässt das Duo zum Jubiläum ganz weg, »dafür haben wir einen eigenen Ananas-Cordial gekocht«. Der Mix aus Frucht, Zitrus-Saft und Zucker wird noch durch eine weitere Säurequelle unterstützt. Champagner – es geht aber auch jeder andere trockene Schaumwein, so Noureddine El Moussaoui – sorgt für Trinkfluss. Eines bleibt aber auch für den »Geburtstags-Remix« wesentlich: »Bitte nur hochwertigste Kokoscreme verwenden«, so Nouri. Denn dann kommt der Kokos-Geschmack auch ohne Schlagsahne perfekt durch. So, als stünde immer noch 1979 auf dem Kalender.

Zu den Rezepten

Roland Graf
Autor
Mehr zum Thema
Cocktail
Fire & Desire
Der Falstaff Barkeeper des Jahres 2023, Glenn Estrada, serviert uns an dieser Stelle in jeder...
Von Redaktion
Rezept
Margarita Spritz
Für all jene, die den Geschmack einer Margarita nicht missen, den Drink aber alkoholreduziert...
Von Redaktion
Rezept
Original Margarita
Ein beliebter Cocktailklassiker, der die Sinne mit einem Hauch von Süße und Säure verwöhnt.
Von Redaktion
sour
Gold Minga
Am 22. Februar ist der »Tag der Weißwurst«. Als ob das noch nicht genug Grund zum Frohlocken...
Von Reinhard Pohorec
Cocktail
White Negroni
Eine moderne Weiterentwicklung des Klassikers, die nicht nur die Farbe, sondern auch das...
Von Alexander Thürer