Crodino: Die Geschichte des alkoholfreien Aperitifs aus dem Piemont
Seit 60 Jahren macht ein kleines, goldgelbes Fläschchen aus einem piemontesischen Bergdorf die Welt verrückt – und das ganz ohne Alkohol.
Das Bergdorf Crodo im Ossolatal ganz im Norden des Piemonts ist ein beschaulicher Ort – steile Bergflanken treffen hier auf satte Wiesen und rauschende Bergflüsse. Dass dieses Idyll ein wichtiger Ort für gleich mehrere italienische Kultgetränke ist, ist wenigen bekannt. Doch in der Region entspringen Quellen, deren Wasser seit dem 12. Jahrhundert gerühmt wird. In der hiesigen Mineralquelle Terme di Crodo wurde nicht nur das legendäre Lemonsoda groß, hier entstand 1965 auch die italienische Legende unter den alkoholfreien Aperitivo-Alternativen: das nach dem Ort Crodo benannte Crodino in seinen kultigen, konischen Fläschchen.
Eine eigenständige Alternative
Vater des Crodino war Piero Ginocchi. Der aus Parma stammende Unternehmer und Besitzer der Mineralquelle hatte Anfang der 1960er-Jahre die Idee, mit dem lokalen Wasser einen alkoholfreien Aperitif zu kreieren – nicht ganz ohne Inspiration vom Produkt Sanbitter, das San Pellegrino 1961 lancierte, wie Maurizio Gozzelino in einem Interview einst zu Protokoll gab. Gozzelino war Önologe aus Cuneo und wurde von Ginocchi beauftragt, das Rezept für Crodino zu entwerfen. 1965 war es so weit: Die ersten 50.000 Flaschen Crodino liefen vom Band. Während heute alle über Mindful Drinking reden und gefühlt täglich neue Ersatzprodukte auf den Markt kommen, gehörte Crodino schon vor 60 Jahren zu den Vorreitern dieser Entwicklung – insbesondere seiner Eigenständigkeit wegen. Das leuchtend rote Sanbitter erinnert eindeutig an Campari, während das bewusst gelb gehaltene Crodino eine eigenständige Aromatik hat – wobei Crodino heute paradoxerweise zur Campari Group gehört.
Ginocchi setzte von Anfang an auf große Werbung und holte sich keine Geringere als Brigitte Bardot als Testimonial. Sie trat in den heute als Kult geltenden Crodino-Werbespots im italienischen Fernsehen auf. Außerdem entstanden zeitlose Slogans wie etwa »L’analcolico biondo fa impazzire il mondo« – »Der blonde Alkoholfreie macht die Welt verrückt«, der bis in die 1990er-Jahre Verwendung fand.
Das Geheimrezept
Seit 1965 unverändert, streng gehütet und von ihrem Schöpfer nie vollständig offengelegt: Die Rezeptur des Crodino ist eines der bestgehüteten Geheimnisse der Getränkewelt. Önologe Maurizio Gozzelino verbrachte ein ganzes Jahr mit Tests und Verfeinerungen, bevor er die richtige Formel fand – und bis heute hat er sie nie vollständig preisgegeben. Bekannt ist, dass mehr als 15 Botanicals zum Einsatz kommen: Nelken, Kardamom, Koriander und Muskatnuss sind verbürgt, der Rest bleibt im Dunkeln. Die Zutaten werden bis zu sechs Monate mazeriert – ein Prozess, der entscheidend für die aromatische Tiefe und Harmonie des Geschmacks ist.
Kult seit Generationen
Während Crodino in Italien seit Generationen ein Kultgetränk ist, wächst die Nachfrage im deutschsprachigen Raum kontinuierlich, wie die Campari Group auf Anfrage bestätigt. Im Vergleich zu Italien, wo Crodino der alkoholfreie Aperitif »per Definition« sei, werde die Marke in unseren Breiten häufig als italienischer Premium-Aperitif entdeckt, der eng mit dem mediterranen Lebensstil und dem Aperitif-Ritual verbunden sei. Die Erfinder des Crodino waren also Vorreiter des alkoholfreien Aperitifs, wie er heute von vielen Marken propagiert wird. Dass die Marke dabei ihrem Ursprung treu geblieben ist, spricht für sich. Seit 2023 wird Crodino übrigens nicht mehr in Crodo, sondern im großen Campari-Werk in Novi Ligure hergestellt. Auch wenn Erfinder Maurizio Gozzelino das Wasser aus Crodo als zentrales Element seiner Rezeptur sah – ob es wirklich unersetzlich war, bleibt Geheimnis der Rezeptur. Dafür erfuhr die Flasche kürzlich ein zeitgemäßes Redesign, das gekonnt Heritage und Moderne vereint.
Anders als viele andere Aperitivo-Alternativen ist Crodino im Fläschchen bereits fertig gemixt – »Ready-to-drink« also und damit ebenfalls voll im Trend. Crodino selbst empfiehlt den Genuss entweder direkt aus dem Fläschchen oder aus einem breiten Glas auf Eis. Wer möchte, kann die zitrische Note mit einer Orangenscheibe unterstützen oder für einen leichteren Genuss einen Spritzer Mineralwasser beifügen. »L’analcolico biondo fa impazzire il mondo!«