Die Geschichte des Alpentourismus
Die touristische Erschliessung der Schweizer Berge ist eine Sammlung sagenumwobener Heldengeschichten, kurioser Anekdoten und spektakulärer Ingenieurskunst – garniert mit erstklassiger Kulinarik.
Es reichen wenige Keyboard-Akkorde und Schlagzeugtakte – und man ist entweder entzückt oder genervt. Seit exakt vierzig Jahren gehört der Wham!-Klassiker »Last Christmas« jedenfalls zum Soundtrack von Weihnachten. Auch das Video, allein auf YouTube in verschiedenen Versionen mittlerweile fast eine Milliarde Mal abgerufen, ist ein unzerstörbarer Longseller. Deutlich weniger bekannt ist, dass der Clip in Saas-Fee im Kanton Wallis gedreht wurde.
Der bis heute autofreie Ort (für den »Last Christmas«-Videodreh musste um eine Ausnahme angesucht werden) gilt im Winter aufgrund seiner Lage auf 1.800 Metern Seehöhe als schneesicheres Skiresort und im Sommer als Wander- und Mountainbikeparadies. Begonnen hat der Tourismus in der Region zu Beginn des 19. Jahrhunderts. 1833 wurde das erste Gasthaus in Saas-Fee eröffnet, 1880 das erste Hotel gebaut, 1908 der örtliche Skiklub gegründet und 1951 die erste Seilbahn in Betrieb genommen.
Mittlerweile verfügt der von 18 Viertausendern eingerahmte 1500-Einwohner-Ort über 6.600 Gästebetten, 57 Hotels, darunter mit dem Grand Hotel »Walliserhof« die Wham!-Unterkunft von einst, eine Sommerrodelbahn, 150 Kilometer Piste bis 3.500 Meter Seehöhe, das höchste Drehrestaurant der Welt (auf 3.500 Metern) und 350 Kilometer Wanderwege, unter anderem ins drei Tagesetappen entfernte Zermatt.
Touristenmagnet Zermatt
Der Ort am Fusse des Matterhorns ist wohl die berühmteste Tourismusdestination in den Westalpen. Mit der ikonischen Felsspitze im »Hinterhof« wurde das einst beschauliche Dorf ab Mitte des 19. Jahrhunderts zum Mekka der Bergsteigerszene, zunächst vor allem der britischen. Von den rund 1.700 Gästeankünften in Zermatt im Jahr 1857 waren 60 Prozent Engländer und nur 16 Prozent Deutsche, zehn Prozent Schweizer und neun Prozent Franzosen.
Aber warum gerade die Engländer? Damit war es damals für junge Adelsherren und Grossbürgersöhne aus England, aus Deutschland und aus Skandinavien, teilweise auch aus Amerika, üblich, ihre klassische Ausbildung mit einer Reise zu den historischen Stätten und Landschaften abzuschliessen. Dazu verweilten im 19. Jahrhundert Dichter und Schriftsteller wie Lord Byron, Sir Arthur Conan Doyle oder Mark Twain bei ihren Reisen durch Europa auch einige Zeit in den Schweizer Alpen.
Sie verarbeiteten ihre Eindrücke in ihren literarischen Werken. Doyle war von den Reichenbachfällen bei Meiringen bei Interlaken im Berner Oberland derart beeindruckt, dass er den »vorübergehenden« (nach dem Protest seiner Lesergemeinde gab es später eine Fortsetzung der Krimireihe) Tod seines Romanhelden Sherlock Holmes dorthin verlegte. So war das 1880 erbaute und noch immer als Vier-Sterne-Haus geführte »Parkhotel du Sauvage« im Zentrum von Meiringen Vorbild für den »Englischen Hof«, in dem Holmes und Dr. Watson im Roman bei ihrem Fall »Das letzte Problem« wohnen. In der Nähe stürzt der Reichenbach in einer dreistufigen Kaskade zu Tal, um dann in die Aare zu münden. Die Wassernebel sind vor allem nach der Schneeschmelze oder auch bei Föhn weithin sichtbar. Für die zahlreichen Besucher wurde schon 1899 eine Seilbahn gebaut.
Mark Twain stieg indes unter anderem in Zermatt ab, wo er 1878 seinen Text »Climbing the Riffelberg« verfasste. Mit satirischem Unterton seziert der amerikanische Schriftsteller darin den kurz davor in Hochblüte stehenden Hype um Expeditionen und Erstbesteigungen.
Tatsächlich werden die 50er- und 60er-Jahre des 19. Jahrhunderts als das goldene Zeitalter des Bergsteigens apostrophiert. Viele Gipfel wurden damals erstbestiegen: das Wetterhorn 1854, die Dufourspitze 1855, der Eiger 1858, das Aletschhorn 1859, der Gran Paradiso 1860, Weisshorn und Monviso 1861, das Täschhorn 1862, die Barre des Écrins im Jahr 1864 sowie schliesslich das Matterhorn 1865. Twain konnte während seines Aufenthalts auch den Bau des Hotels auf der Riffelalp beobachten. Das Haus gehört heute zu den führenden Fünf-Sterne-Resorts des Orts inklusive freiem Balkonblick auf das Matterhorn und den Mark-Twain-Wanderweg vor der Zimmertüre.
Der Ausgangspunkt der Tour liegt auf über 3.000 Metern Seehöhe, ist aber mit der Gornergratbahn von Zermatt aus leicht zu erreichen. Von deren Bergstation geht es gemütlich und meist abwärts weiter bis zur Station Riffelberg. Der Riffelsee, in dem sich das Matterhorn spiegelt, ist dabei eines der wohl meistgeknipsten Fotomotive auf dieser Tour.
Auch am Rigi, einem Bergmassiv zwischen dem Vierwaldstättersee, dem Zugersee und dem Lauerzersee in der Zentralschweiz, war Twain unterwegs. In seinem Buch »A Trip to Mt. Rigi« beschreibt er seinen Aufstieg auf den knapp 1.800 Meter hohen Gipfel der »Königin der Berge«, für den er damals drei Tage benötigte. Entlang des abschnittsweise steilen und landschaftlich dramatisch schönen Weges erinnern Infotafeln an die beschwerliche Tour und den humorigen und geistreichen Autor. Heute bringen zwei Zahnrad- und sieben Gondelbahnen aussichtshungrige Gäste aus allen Himmelsrichtungen nach oben, von Vitznau zur Station Rigi Staffelhöhe noch dazu auf einer historischen Strecke: Bei der Eröffnung im Mai 1871 war das die erste Bergbahn Europas.
Bahnverbindungen wie diese waren die »Trägerraketen« einer ab dann rasant an Fahrt aufnehmenden Entwicklung in fast allen Alpentälern der Schweiz. Rund um den Rigi verdreifachten sich die Hotelkapazitäten. Auch andere Bergdörfer, die früher nur von wenigen Bauern bewohnt wurden, verwandelten sich durch die bessere Erreichbarkeit in Fremdenverkehrsorte mit Gasthäusern und Hotels.
Gstaad im Berner Oberland beispielsweise war bis zur Eröffnung der Montreux-Oberland-Band im Jahr 1914 ein unbekanntes, kleinen Dorf. Dank der Erfindung der Zahnradbahn konnten bald auch steilste Steigungen überwunden werden – ein technischer Fortschritt, von dem die Schweizer Bahnkonstrukteure in der Folge ausgiebig Gebrauch machten. So wurde 1893 die Wengernalpbahn zwischen Lauterbrunnen, Wengen, Grindelwald und der Passhöhe auf der Kleinen Scheidegg in Betrieb genommen. Mit einer Länge von knapp über 19 Kilometern ist sie die längste durchgehende Zahnradbahn der Welt.
Die Bahn stellt nicht nur den Personentransport sowie die Güterversorgung für den autofreien Kurort Wengen sicher, sie dient auch als Zubringer für die Jungfraubahn. Sie ist ein weiterer Beweis für die spektakuläre Ingenieurskunst und ein Symbol für den technischen Fortschritt der Zeit, führt sie doch durch die Felswände von Eiger und Mönch hinauf zum Jungfraujoch.
1896 wurde mit dem Bau begonnen, 1912 war die gesamte Strecke fertig. Der Tourismus hatte sich aber schon vor dem Bau der Bahnen entwickelt: Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts besuchten Reisende das Berner Oberland und wanderten über die Kleine Scheidegg. Ein erstes Hotel für Touristen wurde bereits 1840 erbaut.
Heute bieten sämtliche Orte der Region eine Vielzahl von erstklassigen Adressen. So verzaubert das »Chez Meyers« im Hotel Regina in Wengen mit einem herrlichen Blick auf die Berge. Im »Gourmetstübli« des Hotels »Alpenblick« in Wilderswil zelebriert Richard Stöckli Kulinarik als Kunstform und kreiert mit Produkten aus dem Garten oder von den eigenen Kühen auf der Alp Gaumenfreuden der Extraklasse. In Grindelwald wartet nur wenige Gehminuten vom Bahnhof das 1910 erbaute Viersternehotel »Belvedere«. Dort wird der Gast mit grandioser Aussicht auf die Berge empfangen und im hauseigenen Gourmetlokal »1910 – Gourmet by Hausers« verwöhnt.
Apropos Aussicht: Im Gipfelrestaurant des Schilthorns über Mürren bekommt man eine 360-Grad-Variante davon serviert, ohne sich dabei bewegen zu müssen. Das übernimmt das drehbare »Piz Gloria« auf knapp 3.000 Metern Seehöhe. 45 Minuten dauert eine Runde, zu sehen bekommt man 200 Berggipfel, unter anderem die «grossen Drei» Eiger (3.967 Meter), Mönch (4.110 Meter) und Jungfrau (4.158 Meter) sowie den Mont Blanc, zu trinken einen James-Bond-erprobten Martini, zu essen einen 007-Burger – eine Reminiszenz an den Bond-Film »Im Geheimdienst Ihrer Majestät», der unter anderem hier gedreht wurde. Der Geheimagent war aber nicht der erste prominente Brite, der in dem kleinen Bergdorf im Berner Oberland seine Spuren hinterliess. Denn nicht in Adelboden oder in Wengen stand die Wiege des alpinen Skirennsports, sondern in Mürren.
1922 flaggte Sir Arnold Lunn auf einem Hang hinter dem »Hotel Jungfrau« das erste Slalomrennen der Skigeschichte aus. Die als britische Landesmeisterschaft ausgetragenen Rennen in Mürren folgten jedenfalls Regeln, die später vom internationalen Skiverband (FIS) übernommen wurden und Grundlage der ersten alpinen Skiweltmeisterschaft blieben, die 1931 ebenfalls in Mürren stattfanden. Nicht die einzigen Premieren, die der autofreie 400-Einwohner-Ort der Skigeschichte geschenkt hat: Auch der älteste Frauenskiclub der Welt wurde hier gegründet. 1923 schlossen sich im »Hotel Palace« damals führende Skirennläuferinnen zum »Ladies’ Ski Club« zusammen.
British Sports in den Alpen
Auch in Graubünden wusste man schon früh die prachtvolle Naturkulisse rund um St. Moritz als Gästemagnet zu nutzen. Auch hier prägten aber nicht Schweizer selbst oder Österreicher den Tourismus, sondern britische Gäste. So importierten sie in der Schweiz bisher unbekannte Sportarten wie Polo und im Winter Curling, Bob und Skeleton.
Besonders Hotelier Johannes Badrutt, dessen Sohn später das renommierte »Badrutt’s Palace« baute, erwies sich dabei als geschäftstüchtig. Er legte eine Curlingbahn an und lies eine Skeletonbahn (den Cresta Run) bauen und gilt als Initiator des Wintertourismus rund um den pittoresken See. Die ersten Gäste aus England soll er nämlich mit einer Wette ins Engadin gelockt haben: Badrutt versprach ihnen bereits im Herbst einen Dezember mit Sonnenschein und angenehme Temperaturen auf seiner Terrasse.
Dem Zeitgeist entsprechend wurde gewettet. Badrutts Einsatz: Die Übernahme sämtlicher Reisekosten, sollte er zu viel versprochen haben. Die Engländer kamen und verloren die Wette. St. Moritz gewann im Gegenzug ein bis heute (nicht nur auf den britischen) Geldadel magnetisch wirkendes Image als »Winterwonderland«. Der Ruf der Alpen als eine bedrohliche und unwirtliche Region, die es zu meiden galt, war damit endgültig Geschichte.