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© Shutterstock/Marian Weyo

Die Kulturgeschichte des Silberbestecks

Tischkultur

Silberbesteck steht seit Jahrhunderten für Eleganz, Handwerkskunst und kulturelle Bedeutung am gedeckten Tisch. Seit der Antike repräsentiert Silber nicht nur materiellen Wert, sondern auch eine tiefe Verbindung zu Tradition und Tafelkultur.

Bereits Alexander der Große wusste die besonderen Eigenschaften von Silber zu schätzen: Es galt nicht nur als Statussymbol, sondern auch als »reinhaltend«, da es keimtötend wirkt – daher ließ er sein Heer mit Trinkwasser aus Silbergefäßen versorgen. Mit dem Ende der Antike verschwand dieses Wissen. Lediglich Kirche und Adel bewahrten ihr Tafelsilber, während die breite Bevölkerung mit Löffeln aus Holz, Horn oder Zinn, mit dem Jagdmesser oder schlicht mit den Fingern aß. Erst ab dem 14. Jahrhundert entwickelte sich das klassische Tafelbesteck, wie wir es heute kennen.

Tischkultur Florentiner Art

In der Renaissance spielte Katharina von Medici eine Schlüsselrolle bei der Durchsetzung feinerer Essmanieren mit Besteck, Porzellan und Tischtüchern. Sie war 1533 infolge ihrer Heirat mit dem späteren Henri II. aus Florenz nach Frankreich gekommen und hatte als Mitgift Besteck aus kostbaren Materialien wie Elfenbein und Perlmutt mitgebracht. Bis ins späte 17. Jahrhundert blieb das Bemühen um stilvolles Dinieren jedoch ein Luxusgut der adeligen Eliten.

Sheffield, Wiege der Silberware

Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelte sich das nordenglische Sheffield zum Zentrum der Silberwarenproduktion. Die Erfindung des »Sheffield Plate« – eines Verbundmaterials aus Silber und Kupfer – machte Silber­waren fortan erschwinglich. Die Erfindung des Galvanisierungsverfahrens um 1840 ermöglichte es, selbst komplizierte Formen und Muster auf Besteck und Teekannen gleichmäßig zu versilbern: Durch Stromfluss wurde eine feine Silberschicht schnell und kostengünstig auf einen Korpus aus preiswerterem Metall aufgebracht. So konnte sich erstmals auch das Bürgertum Silberbestecke leisten – die feine Tafelkultur demokratisierte sich.

Alexander der Große nutzte Silber nicht nur aus Prestige, sondern wegen seiner keimtötenden Wirkung.

Silberschmieden heute – Europas Champions

Im Zuge der industriellen Revolution etablierten sich seit dem späten 18. Jahrhundert hochspezialisierte Silbermanufakturen in Europa. In Großbritannien gilt die 1775 in Sheffield gegründete Traditionsmanufaktur Mappin & Webb als die Mutter aller Silberschmieden. Von Queen Victoria erhielt das Unternehmen prestigeträchtige Aufträge zur Ausstattung der royalen Tafel. 1898 folgte der ehrenvolle Titel eines Hoflieferanten. Gefertigt wird noch immer in der Londoner Werkstatt.

Bis heute umfasst das Sortiment klassisches Tafelsilber, Teeservices, Kerzenleuchter, Juwelen und Luxusaccessoires. Hier entstehen auch die Siegertrophäen für die Pferderennen in Ascot – und sogar die Kronjuwelen von König Charles werden hier repariert.

Wiener Handwerk

Seit der Gründung 1847 fertigt der Wiener Hersteller Jarosinski & Vaugoin in seinem Atelier in der Zieglergasse hochwertige handgefertigte Bestecke und Silberwaren für anspruchsvolle Kunden aus aller Welt. Der gegenwärtige Chef des Hauses, Jean-Paul Vaugoin, setzt ausschließlich auf Handarbeit aus dem eigenen Atelier und auf qualitativ hochwertige Kooperationen mit anderen Wiener Traditionsbetrieben wie dem Glaswarenhersteller Lobmeyr oder der Porzellanmanufaktur Augarten. Der Betrieb bildet eigene Silberschmiede aus, um seine selbst gesetzten Qualitätsstandards halten zu können. Vaugoin pflegt aber nicht nur die knapp 180-jährige Tradition, er beschreitet auch neue Wege: Auf Instagram präsentiert er regelmäßig sein Sortiment und berichtet auf unterhaltsame Weise von seinen reichen Kunden aus den Emiraten, die ihn im Privatjet an den Persischen Golf einfliegen lassen, damit er dort deren üppigen Fest­tafeln mit seinen Wiener Silberbestecken eindecken kann.

So bleibt das Silber schön

Leicht angelaufenes Silber

  • mit Silberputztuch oder Polierhandschuh nachpolieren
  • mit warmem Wasser und etwas Seife reinigen
  • am Schluss gleich danach mit einem Baumwolltuch gründlich abtrocknen

Stärker angelaufenes Silber

  • eine kleine Menge Silberpolitur auftragen
  • danach mit einem weichen Tuch sanft reiben, bis der Belag verschwindet
  • anschließend mit warmem Wasser und etwas Seife reinigen
  • am Schluss sofort mit einem Baumwolltuch gründlich abtrocknen

Flensburger Wertarbeit

In Flensburg verbindet das Familien­unternehmen Robbe & Berking seit 1874 handwerkliche Präzision mit norddeutscher Bodenständigkeit. In der Manufaktur durchläuft jedes Besteckteil und Silberprodukte rund 50 Handarbeitsschritte – vom Walzen der Silberbleche über das In-Form-Pressen und das galvanische Versilbern bis zur Hochglanzpolitur und Qualitätskontrolle. »Andere mögen es billiger machen, aber niemand darf es besser machen als wir«, zu diesem über-
lieferten Motto stehen auch das aktuelle Firmenleitungsteam Oliver Berking und Tochter Lilli: Produziert wird nur »Made in Germany«, nicht in Niedriglohnländern, wie bei der Konkurrenz teils üblich. Heute beliefert das Familienunternehmen Königshäuser und Spitzenrestaurants weltweit und stattet in der eigenen Werft Luxusyachten aus. Mit modern designten Linien, auch in Kooperation mit anderen Traditionsherstellern, wie dem Kofferanbieter Rimowa, gelingt es den Flensburgern, Tradition und Zeitgeist elegant zu verbinden. Die silberne Bar-Kollektion mit Cocktailbechern, Shakern, Jiggern und Strainern im typisch geriffelten Koffer steht für diesen trendigen Ansatz.

Für das Putzen von hochwertigem Tafelsilber hatte die bessere Gesellschaft früher Personal.

Schweizer Meister

In der Züricher Altstadt residiert seit über 140 Jahren die von Emil Meister gegründete Silberschmiede Meister 1881. Dieses größte Silberspezialgeschäft der Schweiz führt vorwiegend Sterlingsilber-Bestecke und Hohlwaren aus eigener Produktion, gerne mit eingravierten Schweizer Mustern. Ein typisches Beispiel aus der besonders hochwertigen »Meister 1881 Collection« ist das Set mit sechs Bechern, Tablett und Kanne für Wasser, Saft oder Bier – alles fein gearbeitet aus Sterlingsilber, eine Bezeichnung, die auf die mittelalterlichen britischen Silber­pennys zurückgehen: Sie bestanden aus 92,5 Prozent Silber und 7,5 Prozent Kupfer. Wichtig im heutigen Sortiment sind mittlerweile aber auch Schmuck und Luxus-­Uhren. 2024 übernahmen die Schweizer Investoren und Eigentümer der Luxus-Modemarke Akris, Albert und Peter Kriemler, das Unternehmen. Sie wollen mit neuen, nachhaltigen Ideen frischen Wind ins Unternehmen bringen, ohne den soliden Markenkern der Silberschmiede zu beschädigen.

Kopenhagener Design

Georg Jensen in Kopenhagen ist seit 1904 ein Synonym für stilbildendes skandinavisches Design und dänische Silberschmiedekunst. Die organischen, naturinspirierten Formen aus dem Atelier in Frederiksberg verbanden damals auf innovative Weise Jugendstil mit funktionaler Schlichtheit. Aus hochkarätigen Kooperationen mit Designern wie Henning Koppel und Sigvard Bernadotte, Onkel des schwedischen Königs, entstanden später Klassiker wie das Besteckmuster »Bernadotte« – bis heute ein Bestseller des Hauses. Viele Sterlingsilber-Produkte wie Bestecke und Hohlwaren werden nach wie vor im Kopenhagener Atelier handgefertigt, während Besteckserien aus Edelstahl, Schmuck und Glasware in ausländischen Produktionsstätten entstehen. Der Hoflieferant des dänischen Königshauses steht weltweit symbolhaft für nordisches Design, das Moderne und Tradition im perfekten Gleichgewicht hält.

Bleibender Glanz

Auch wenn in der heutigen Alltagskultur das gepflegte Ritual des täglichen gemeinsamen Tafelns im Familien- und Gästekreis an Bedeutung verloren hat, bewahrt ein mit Silberbesteck sorgfältig gedeckter Tisch doch seine magische Anziehungskraft. Er steht für Haltung, Sinnlichkeit und Respekt gegenüber dem Augenblick – für das bewusste Innehalten in einer schnelllebigen Welt. Silberbesteck war, ist und bleibt mehr als ein Werkzeug zum Essen. Es steht für Kultur, ist ein sichtbares Zeichen von Wert-Schätzung, Stilbewusstsein und Achtsamkeit – und es verleiht den Erinnerungen an besondere Momente bei Tisch bleibenden Glanz.


 


Catrin Bartenbach
Autor
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