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Im Hemel-en-Aarde-Tal (übersetzt das »Paradies auf Erden«) gelegen sind die Weinberge von Bouchard Finlayson.

Im Hemel-en-Aarde-Tal (übersetzt das »Paradies auf Erden«) gelegen sind die Weinberge von Bouchard Finlayson.
© Riehan Bakkes

Die neue Weinwelt Südafrikas

Südafrika
Afrika
Weinbau

Am 2. Februar 1659 begann die Geschichte des Weinbaus in Südafrika. Gleich mehrfach hat man sich seither neu erfunden. Terroir steht heute im Vordergrund, das Potenzial von Chenin Blanc, Pinot Noir und Cabernet wird ausgereizt wie nie zuvor. Doch auch die Traditionen aus den Anfängen der Kapkolonie sind quicklebendig.

Vor 25 Jahren war die Stimmung im südafrikanischen Weinbau blendend. Nach dem Ende der Apartheid waren schließlich Geld und Glücksritter einem Wasserfall gleich ins Land gerauscht. Auch die großen, angegrauten Namen des Kap-Weinbaus erlebten einen zweiten Frühling. In Europa begann man, neugierig über Thelema und Buitenverwachting zu sprechen, man schwärmte von Meerlust und fand den Pinotage von Kanonkop ebenso einzigartig wie die Geschichte von der Kanone, die einst regelmäßig auf dieser exponierten Kuppe abgefeuert wurde, um die Mittagszeit zu verkünden.

Das alte Südafrika war vor allem deshalb noch zu bestaunen, weil es in den Jahrzehnten der Rassentrennung und der Boykotte in flüssiges Wachs getaucht worden war. Wenig hatte sich in dieser Epoche geändert, wenig wurde investiert, wenig international verkauft. Als aber Nelson Mandela zum Staatspräsidenten gewählt wurde, begann sich die Welt von jetzt auf gleich nicht nur für die unblutige Revolution in der Regenbogennation, sondern auch für den Weinbau zu interessieren. Für ein Land, das sich nicht so richtig einordnen ließ. Neue Welt oder Alte Welt? Irgendwie beides und doch viel mehr. Mit den Händlern und den Journalisten kamen Investoren und Önologen. Alle lernten schnell, dass sich die Ursprünge des südafrikanischen Weinbaus nicht wie fast überall sonst im Dunkel der Vorzeit verloren, sondern auf den Tag ­genau feststellen ließen.

Am 2. Februar 1659 wurde, so hatte der Chef der Kapkolonie Jan van Riebeeck in seinem Tagebuch notiert, erstmals Wein gepresst. Trauben wuchsen immerhin schon seit 1655 heran. Sie stammten von Reben, die aus Frankreich, aus Spanien oder aus Deutschland importiert worden waren und die bis heute den südafrikanischen Weinbau prägen.

Mit dem Ende der Apartheid fielen die Handelsbeschränkungen, das internationale Interesse für den Südafrikanischen Weinbau stieg.

Seine Qualitätsambitionen hat das Weingut Hamilton Russell seit den 1970ern des letzten Jahrhunderts aufrechterhalten.
Foto beigestellt
Seine Qualitätsambitionen hat das Weingut Hamilton Russell seit den 1970ern des letzten Jahrhunderts aufrechterhalten.

Wein aus Constantia ­erobert die Tafeln

In welchem Maße der Wein in den folgenden Jahrhunderten boomen sollte, war Riebeeck kaum klar. Es waren dann die aus Frankreich vertriebenen Hugenotten, die sich im nach ihnen benannten Franschhoek, der französischen Ecke, niederließen, die das neueste Weinwissen mitbrachten. Bereits Ende des 18. und noch stärker in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert fand sich südafrikanischer Wein dann sogar an den herrschaftlichen Tafeln Englands und anderer europäischer Staaten, der süße Vin de Constance stand Port und Malaga in nichts nach, was Renommee anging. Erst die Reblaus trübte wie in Europa die gute Laune der Winzer. Schwierige Jahre folgten.

Doch man wusste sich zu helfen am Kap. 1918 wurde die KWV gegründet, die für viele Jahrzehnte bestimmende Wein-­Kooperative, nur wenig später entstand mit Pinotage eine Rebsorte, die bald wie keine andere für den südafrikanischen (Rot-)Weinbau stehen sollte. Die Kreuzung aus Pinot Noir und Cinsault ergibt auch heute noch würzige, eigenständige, im besten Falle langlebige dunkle Spezialitäten – prima zu Springbock oder Kudu. Im weißen Bereich dominierte dagegen Chenin Blanc, die ansonsten vor allem an der französischen Loire geschätzte Sorte. Die meisten Trauben indes wurden ohne große Qualitätsanstrengungen in mehr oder weniger süße Massenweine verwandelt, kamen unter dem Begriff Steen auf den Markt.

Kaum zu glauben, dass selbst in der bleiernen Zeit der 1970er- und 1980er-Jahre Keimzellen der späteren Weinrevolutionen angelegt wurden. Die Visionen von damals lassen sich im Hemel-en-Aarde Valley, gut und gern zwei Fahrstunden von Stellenbosch entfernt, immer noch bestaunen. Tim Hamilton Russell auf der einen Seite sowie der Franzose Paul Bouchard und der Südafrikaner Peter Finlayson auf der anderen hatten sich, der eine (mit Finlayson als Winemaker) bereits ab 1975, die anderen zusammen von 1989 an, auf Pinot Noir und Chardonnay gestürzt. Statt Kraft und Würze à la Stellenbosch und Paarl nun kühle Frische, wie sie im Valley, aber auch im nicht weit entfernten Obstanbaugebiet Elgin möglich war. Hamilton Russell und Bouchard Finlayson erzeugen noch heute höchst überzeugende Weine.

Doch nicht alle Güter wollten und konnten auf Burgundersorten setzen – ihres Klimas, ihrer Böden, ihrer Traditionen wegen. Experimentiert wurde (und wird) trotzdem. Shiraz machte von sich reden, rote Assemblagen wurden populär. Die in den Neunzigern ins Land strömenden Investoren hatten Ideen, die von ihnen angeheuerten Önologen auch. Tibor Gál, ein zuvor bei Ornellaia beschäftigter Ungar, wusste, wie man in Rotweinen Präzision und Kraft verband. Und so mancher deutsche Winzer stellte fest, dass sich ein zweites Standbein am Kap der umgedrehten Jahreszeiten wegen gut mit Ahr- oder Pfalz-Weinbau verbinden ließ.

Trends von heute und ­Moden von morgen

Doch nicht alles, was erdacht und ausprobiert wurde, erwies sich als zukunftsträchtig. Über Sauvignon Blanc etwa, vor 25 Jahren gehypt, redet man heute in der Riege der Topwinzer nur noch selten. Dafür emanzipierten sich die Südafrikaner immer mehr von der Einflussnahme von außen. Einheimische Neuerer wie Bruwer Raats und Eben Sadie definierten nach und nach einen Stil, wie es ihn zuvor nur vereinzelt gegeben hatte: fein, mineralisch, nachhaltig, voller Substanz und dennoch zugänglich; eine Liaison von europäischen Traditionen und Kap-Klima. Raats Cabernet Franc setzt bis heute Maßstäbe, und Sadies Palladius, eine spannende weiße Assemblage, entpuppte sich ab 2005 als alterungsfähiger Musterwein.

Schließlich Tausendsassa Chris Mullineux, der zusammen mit seiner Frau Andrea mithalf, das Swartland-Weinwunder auszulösen. Tatsächlich ist keine andere Region des Lands so stark mit den Gegenentwürfen zu den altehrwürdigen Weinfarmen bestückt wie diese Region: neugierige junge Erzeuger, die alte Reben und außergewöhnliche Terroirs suchten und fanden. Zu den Prachtstücken von Nadia und David Sadie gehören, ebenfalls in Swartland, einige der besten Chenins Blancs des Landes, und ob Chris Alheits Abfüllungen aus verschiedenen Anbauregionen nur ebenbürtig oder gar noch spannender sind, kann man diskutieren.

Dass es die Swartland-Winzer hinbekommen, ausgerechnet in Afrika Finesse zu erzielen, macht staunen. Doch überraschen können auch andere. Quereinsteiger wie Jacaranda aus Wellington, Biodynamik­pioniere wie Longridge. Und natürlich Kulterzeuger wie das Projekt 4G Wines oder Restless River, das in der Walker Bay beispielsweise einen komplex-kühlen Cabernet Sauvignon auf Flaschen füllt.

Allein dafür oder für die eigenwilligen, lange gereiften Weine von Springfontein lohnt sich die Beschäftigung mit ­südafrikanischem Wein. Ob auch MCC, ­Methode Cap Classique, unvergleichlich ist? Kaum. Obwohl der Kap-Schaumwein ein höchst zuverlässiger Verkaufsschlager ist, gibt es auf internationaler Ebene Spannenderes. Auch die beliebten Cape Tawnys, die oxidativ ausgebauten Weine, werden in Deutschland, in Österreich oder in der Schweiz wohl kaum zu Rennern werden – schließlich sind sie dem Vorbild Portugal nachempfunden, und zwar oft gut, aber selten dramatisch eigenständig.
Einzigartig indes ist neben den Swartland-Chenins und vielen anderen modernen Weinen mit verblüffender Frische immer noch der Vin de Constance, die historische Spezialität. In guten Jahren zählt er nach wie vor zum Besten, was man im Segment der südafrikanischen Süßweine entdecken kann. Dass er wohl nicht mehr so häufig auf den Tafeln der Königshäuser steht wie früher, ist kein Drama. Auf diese Weise bleiben ein paar Flaschen mehr übrige für die echten Kenner.

Die Stimmung 2024? Zwar hat sich die Euphorie von vor 25 Jahren gelegt, aber nach wie vor gilt: Wer einmal in Südafrikas Weinregionen war, wird immer wieder­kommen wollen.

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Erschienen in
Falstaff Magazin Österreich Nr. 8/2024

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