Die teuerste Strasse der Schweiz
Die Bahnhofstrasse gilt als teuerste Strasse Zürichs, ja eine der teuersten Strassen der Welt. Luxus ist hier allgegenwärtig, doch die Anziehungskraft der Strasse zwischen Hauptbahnhof und See geht weit darüber hinaus.
Die Zürcher Bahnhofstrasse gehört zu den berühmtesten Einkaufsstrassen der Welt und wird in einem Atemzug mit der 5th Avenue in New York, der Avenue des Champs-Élysées in Paris oder der Oxford Street in London genannt. Luxus und Exklusivität sind in der 1,4 Kilometer langen Strasse, die sich vom Zürcher Hauptbahnhof bis zum Zürichsee zieht, heute allgegenwärtig. Das war aber nicht immer so.
Bis in die 1860er-Jahre befand sich an ihrer Stelle der Fröschengraben, ein mittelalterlicher Wassergraben der Stadtbefestigung, der mit der Zeit zu einem übel riechenden Sumpf verkommen war. Erst zwischen 1864 und 1867 wurde er zugeschüttet, um Platz für die neue Bahnhofstrasse zu schaffen. Der Aufstieg zur luxuriösesten Einkaufsmeile der Schweiz begann 1899 mit der Eröffnung des Jelmoli-Glaspalasts, des ersten Kaufhauses der Stadt, das mit festen Preisen und moderner Architektur eine neue Ära des Einkaufens einläutete.
Ein Ort von Geschichte und Erinnerungen
Marc-André Schuler, Managing Director Zürich bei Bucherer, dem weltweit grössten Uhren- und Schmuckatelier im Luxussegment, kennt die Bahnhofstrasse bestens. Das Unternehmen ist seit Anfang der 1940er-Jahre hier aktiv und hat die Entwicklung des Strassenzugs nicht nur miterlebt, sondern mitgeprägt.
Bucherer betreibt in der Bahnhofstrasse heute neben dem eigenen Flagship-Store auch Monobrand-Boutiquen für Marken wie Rolex oder Tudor, seit einigen Jahren ein exklusives Second-Hand-Geschäft gemeinsam mit Auktionshaus Sotheby’s und seit Neuestem die Rolex Certified Pre-Owned Lounge. «Die Bahnhofstrasse ist ein Ort voll Geschichte und Erinnerungen, Eleganz und Moderne verschmelzen hier auf eine Art und Weise wie sonst nirgends in der Stadt», so Marc-André Schuler.
«Hier trifft sich die Stadt – ältere Generationen genauso wie Jüngere, Einheimische und Touristen. Genau das möchten wir mit der Rolex Certified Pre-Owned Lounge ebenso schaffen. Hier finden sich Uhren mit Charakter, Sammlerstücke für Kenner genauso wie für Novizen.» Und auch wer sich nur mal umsehen und «einfach mal eintauchen möchte in die Welt der schönen Zeitmesser», sei jederzeit herzlich willkommen.
Zugängliche Luxusmeile
Dass die Bahnhofstrasse trotz ihrer Luxusmarken für alle zugänglich ist, betont auch Alexandre Berthelot, Direktor des Zürcher AP Houses von Audemars Piguet. Seit 2022 befindet sich dieses in einem der legendärsten Räume der Strasse: der Schalterhalle des Leuenhofs, des ehemaligen Sitzes der Bank Leu. Mitten im Ersten Weltkrieg erbaut, ist das kathedralenhafte Gebäude mit Stuck, Marmor und Edelholz ausgestattet – von allem nur das Beste. «Es kommen viele Interessierte vorbei», sagt Berthelot. «Das Haus und der Raum haben eine lange Geschichte in der Stadt und wecken viele Erinnerungen, das freut uns». Audemars Piguet hat das Zürcher Team so aufgestellt, dass man auch spontane Gäste empfangen kann, obwohl die Marke jährlich nur rund 45.000 Uhren produziert.
Die Vielfalt an der Strasse trägt wesentlich zu ihrer Attraktivität bei, weiss Fanny Eisl, Geschäftsführerin der Vereinigung Zürcher Bahnhofstrasse, der auch Marc-André Schuler als Vizepräsident angehört. «Zur Bahnhofstrasse gehört nicht nur der eigentliche Strassenverlauf, sondern auch die Gassen daneben. Die Kuttelgasse, die Bärengasse, die Augustinergasse und viele weitere gehören ebenso dazu.» Gerade hier finden sich nach wie vor viele inhabergeführte Geschäfte.
Das Vorurteil, dass es an der Bahnhofstrasse nur noch Luxusgüter zu kaufen gäbe, weist sie zurück: «Die Zürcherinnen und Zürcher kommen auch hierher, um sich mit ganz Alltäglichem einzudecken.» Sie nennt etwa den Bastelladen Leibundgut, den viele seit ihrer Kindheit kennen, das Kaufhaus Globus mit seiner Gourmetabteilung Delicatessa oder den Coop-City St. Annahof. «Ein Supermarkt an der Fifth Avenue? Das wäre unvorstellbar!», so Eisl.
Standortfaktor-Gastronomie
Eine wichtige Rolle spielt auch die Gastronomie. «Die Bahnhofstrasse liegt top, man kommt hier auch vorbei, um die Kreise zu wechseln», erklärt Eisl. Betriebe wie das «Carlton», das «Restaurant Bärengasse», das «Ristorante Bindella Ingassen» oder das «Café & Restaurant Sprüngli» existieren alle seit vielen Jahren äusserst erfolgreich.
Die Hotels im Quartier haben in den letzten Monaten für Gesprächsstoff gesorgt. Sie vereinfachten ihre Gastronomieangebote, um die Schwellenangst lokaler Gäste abzubauen. Das Hotel «Baur au Lac» schloss sein Zweisternelokal «Pavillon» Anfang 2024, um es im Sommer als «Marguita» wiederzueröffnen, als ein niederschwelliges, mediterranes und sofort beliebtes Lokal mit einer der schönsten Aussenterrassen der Stadt. Auch die Eröffnung des «Mandarin Oriental Savoy» Ende 2023 im bekannten Hotelgebäude von 1838 am Paradeplatz sorgte für Aufmerksamkeit: Das Gourmetlokal «Orsini» zählt zu den besten italienischen Lokalen der Stadt.
Polarisierende Bahnhofstrasse
Die bescheidenen Zürcherinnen und Zürcher geben ihre Liebe zur luxuriösen Bahnhofstrasse selten offen zu, doch die Identifikation zeigt sich, sobald neue Entwicklungen diskutiert werden. «Die Bahnhofstrasse polarisiert», bestätigt Eisl. Mit Argwohn betrachtet wurden etwa die Showrooms verschiedener Luxusautomarken, die seit Anfang der 2020er-Jahre das Strassenbild prägen. Die koreanische Marke Genesis feierte mit der Eröffnung ihres Showrooms 2021 den Markeneintritt in Europa. Seitdem haben weitere Marken wie Tesla, Cadillac und BYD Flagship-Stores in der Nähe eröffnet.
Hotspot Paradeplatz
Die Bahnhofstrasse bleibt in Bewegung. Mit Spannung erwartet wird die Eröffnung des Geschäftshauses Destination Jelmoli, wo der wegen Mieterhöhungen verdrängte Manor wieder ein Zuhause gefunden hat. Ein weiterer Hotspot wird der Paradeplatz sein: «Die UBS ist heute praktisch die einzige Vermieterin am Platz», so Eisl. «Sie werden dort interessante Projekte lancieren.»
Unweit des Paradeplatzes bäckt die Kult-Bäckerei John Baker seit 2022 hinter grossen Glasfronten und verkauft ihre Produkte direkt vor Ort. Gründer Jens Jung ist überzeugt, dass produzierendes Gewerbe wichtig für die Attraktivität der Strasse ist. Vor allem wenn der Markt auf dem Bürkliplatz stattfindet, ist die Stimmung besonders – «die Marktfahrer lassen wir schon vor der offiziellen Öffnung rein», sagt Jung. Die Menschen vor der Bäckerei sind bunt gemischt: Eltern mit Kinderwagen, Rentner, aber auch Angestellte und Kunden der umliegenden Luxusboutiquen.
Die Frage, ob sich mit dem Verkauf von Backwaren eine Fläche an diesem Standort finanzieren lässt, bejaht Jung: «Wir haben gute Konditionen bei der ZKB bekommen und bezahlen umsatzabhängige Miete.» Die Aufmerksamkeit im Umfeld von Marken wie Dolce & Gabbana oder Rolex habe eine neue Dimension angenommen: «Es erreichen uns wöchentlich E-Mails aus dem In- und Ausland.» So sei er schon angefragt worden, Filialen in Los Angeles oder Doha zu eröffnen. «Ich nehme die Gespräche immer auf», sagt er. «Doch ich habe drei Kinder und reise nicht so gerne, ich bin gerne in Zürich.» Trotz des Images der Bahnhofstrasse: Für den einzigen vor Ort produzierenden Bäcker ist sie ein Quartier wie jedes andere. «Vieles funktioniert auch hier genau gleich wie sonst wo.»
70 Jahre Vereinigung Zürcher Bahnhofstrasse
Die Vereinigung Zürcher Bahnhofstrasse wurde am 27. Oktober 1955 gegründet. Der Zusammenschluss von Geschäften, Dienstleistern und Institutionen steht auch hinter der legendären Weihnachtsbeleuchtung «Lucy», die jedes Jahr unzählige Besucherinnen und Besucher an die Strasse lockt. Zum Jubiläum wird auf der Bahnhofstrasse im August eine lange Tafel aufgestellt und die Gäste von Mitgliedern der Vereinigung bekocht: Mit dabei sind etwas das «Baur au Lac», das «Carlton», die Gastrofamilien Bindella und Hiltl sowie das «Mandarin Oriental Savoy».