»Fleisch« im Wien Museum: Vom Wiener Schnitzel zum Laborsteak
Eine neue Sonderausstellung von 2. Oktober bis 22. Februar im Wien Museum zeigt, wie Fleisch die Stadt Wien und seine Bewohner:innen seit jeher prägt.
Zu Beginn der neuen Ausstellung im Wien Museum muss man sich die Frage stellen: Was ist Fleisch? Mit dieser simplen, aber schwer zu beantwortenden Frage eröffnen die Kurator:innen Jakob Lehne und Sarah Pichlkastner die Ausstellung »Fleisch« im »Wien Museum«. »Wir wollten am Anfang nicht gleich mit Bildern von Schlachthöfen beginnen, sondern mit einer Definitionsfrage«, sagt Lehne.
Die Ausstellung führt Besucher:innen in sieben Kapiteln durch die Geschichte und Gegenwart des Fleischkonsums. Von der Jagd im frühen Wien über höfische Tafeln, bürgerliche Sonntagsbraten, industrielle Schlachtprozesse bis zu den heutigen Debatten um Klimawandel und Tierschutz spannt sich der Bogen. Pichlkastner betont: »Uns war wichtig, zu zeigen, wie vielschichtig die Rolle von Fleisch in der Gesellschaft ist.«
Originalobjekte aus den Sammlungen des »Wien Museums« – darunter alte Fleischhauerwerkzeuge, Werbeplakate oder historische Kochbücher – treffen auf zeitgenössische Kunstwerke, die sich mit dem Thema auf eine neue Art und Weise auseinandersetzen. Ergänzt wird die Ausstellung durch audiovisuelle Installationen, die zeigen, wie Fleisch inszeniert und vermarktet wurde – und immer noch wird.
Fleisch als emotionales Terrain
Warum ist es heute so emotional, über Fleisch zu reden? Lehne sieht mehrere Gründe: »Einerseits die ökologische Dimension – Fleischproduktion ist ein Treiber des Klimawandels. Andererseits ethische Fragen: Wie gehen wir mit Tieren um? Und dann die sozialen Unterschiede: Wer kann sich welches Fleisch leisten?«
Die Ausstellung versucht, all diese Ebenen sichtbar zu machen, ohne mit erhobenem Zeigefinger aufzutreten. »Wir wollten bewusst Ambivalenzen zulassen«, so Pichlkastner. »Viele Menschen verbinden Positives mit Fleisch – etwa das Schnitzel bei der Oma. Gleichzeitig gibt es heute starke moralische Einwände gegen Fleischkonsum.«
Wien als Fleischstadt
Gerade in Wien hat Fleisch eine besondere Rolle gespielt. Über Jahrhunderte galt die Stadt als Drehscheibe für Viehhandel und Schlachtung. Die Fleischbänke am Wiener Graben, später die großen Schlachthöfe in St. Marx, prägten das Stadtbild. »Wien war eine Fleischstadt. Das zeigt auch Anteil an Fleischgerichten in der Wiener Küche«, erklärt Lehne.
Über die Rolle Wiens als Fleischstadt hinaus erzählt die Ausstellung auch von den großen Handelsrouten, die Rinder aus allen Teilen der Monarchie nach Wien brachten. Bis ins 19. Jahrhundert wurden ganze Herden aus Ungarn zu Fuß in die Stadt getrieben. »Die Wege des Fleisches zeigen, wie eng Landwirtschaft, Infrastruktur und Stadtentwicklung miteinander verwoben sind«, sagt Lehne. Dieser Viehtrieb hat auch das Stadtbild geprägt: Das Ungarische Steppenrind findet man oft auf alten Abbildungen.
Auch heute lebt die Tradition weiter, wenn auch in veränderter Form: Das Wiener Schnitzel ist längst globales Symbol geworden, Würstelstände gehören zum Stadtbild. »Man kann Wien ohne Fleisch kaum denken«, sagt Pichlkastner.
Die Ausstellung erinnert auch an jene Berufe, die mit dem Wandel der Fleischwirtschaft verschwunden sind. In Wien gab es etwa Fleischselcher:innen oder Flecksieder:innen. »Selcher:innen waren für die Wurstproduktion zuständig, heute gibt es diese eigene Berufssparte nicht mehr. Flecksieder:innen waren für den Verkauf von Innereien zuständig, die vor allem von der ärmeren Bevölkerungsschicht gegessen wurden«, so das Kurator:innen-Team. Auch Pferdefleisch wurde nur von der ärmeren Bevölkerung gegessen und lange Zeit landete es gar nicht am Tisch. Dafür, dass Pferde schlussendlich auch gegessen wurden, waren ausgerechnet Tierschützer:innen zuständig: Anstatt die Tiere bis zu ihrem Tod arbeiten zu lassen, setzen sie sich dafür ein, sie früher von ihrem Leid zu erlösen. Den Höchststand an Pferdeschlachtungen gab es in der Zwischenkriegszeit.
Zwischen Alltag und Zukunft
Ein Highlight der Schau ist der Blick in die Zukunft: Laborfleisch, pflanzenbasierte Ersatzprodukte und neue Ernährungsformen. »Wir zeigen, dass Fleisch gerade neu definiert wird«, so Lehne. »Vielleicht isst die nächste Generation schon ein ganz anderes Fleisch als wir – Stichwort Insekten.« So wird auch die vegetarische Kochlehre thematisiert.
Ziel ist, die Ausstellung mit vielen Fragen und Diskussionsmaterial zu verlassen: Fleisch ist eben nicht nur ein Stück Nahrung.
Infos:
- Wien Museum, Karlsplatz 8, 1040 Wien
- Ausstellungszeitraum: 2. Oktober 2025 bis 22. Februar 2026
- wienmuseum.at