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© Rainer Zenz / CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Das Jägerlatein: Warum bei der Jagd so gern geflunkert wird

Jägerball 2025
Wild

Ob wilde Heldentaten oder fantastische Jagderfolge: Im »Jägerlatein« wird geflunkert und übertrieben, was das Zeug hält. So hält es nicht nur alte Traditionen – wie etwa die Fabelwesen des Waldes – am Leben. Es erfüllt ganz nebenbei auch eine wichtige soziale Funktion.

Der ägyptische Pharao Thutmosis III muss ein Teufelskerl gewesen sein. Als der Herrscher, der das Land am Nil ab 1479 vor Christus regierte, von einem seiner jährlich stattfindenden Feldzüge nach Vorderasien zurückkehrte, hatte er den Daheimgebliebenen fast Unglaubliches zu berichten: Thutmosis war es auf der Jagd gelungen, 120 Elefanten zu erlegen. Beeindruckend.

Und wohl die erste schriftlich belegte jagdliche Prahlerei, die damit als Ursprung des heutigen »Jägerlateins« gelten kann. Gemeint sind damit – im Gegensatz zum Jägerjargon mit seinen Fachausdrücken und Redewendungen, die heute längst Teil der Alltagssprache sind – jene mehr oder weniger glaubwürdigen, aber charmanten Übertreibungen, die die Jäger bei ihrer Rückkehr gerne zum Besten geben. »Nie wird so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd«, lautet ein geflügeltes Wort, das dem deutschen Staatsmann Otto von Bismarck zugeschrieben wird.

Wer kennt es nicht: Angestachelt von den Übertreibungen der anderen, lässt man sich nur zu gerne zu immer neuen, noch bunter ausgeschmückten Erzählungen hinreißen. Das mag sich etwa auch der assyrische König Tiglat-Pileser I. gedacht haben, der einige Jahrhunderte nach Thutmosis Anleihen an dessen gekonnter Flunkerei nahm: Tiglat-Pileser, der sich dafür rühmte, dass seine Pfeile stets »jedes Tier und jeden Vogel« treffen, erlegte nämlich auf der Jagd zufällig nicht nur ebenfalls exakt 120 Elefanten, sondern zudem auch noch 800 Löwen. Viele tötete er heroisch im Zweikampf mit einem kleinen Messer.

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Die Kraft der Vorstellung

Tatsächlich ist das Jägerlatein auch psychologisch gesehen ein »komplexes Phänomen«, sagt die Psychologin und Jägerin Claudia Breit, die unter @hunting.tales als »Waldfluencerin« auf Instagram eine wachsende Community für die Jagd begeistern will. »Das Jägerlatein spiegelt den Wunsch nach Anerkennung, kognitive Verzerrungen sowie die soziale Kraft von Geschichten wider – ein spannendes Zusammenspiel von Psychologie und Tradition«, sagt sie. Das Ausschmücken von Erlebnissen diene nicht selten der Selbstinszenierung und dem Bedürfnis nach sozialer Anerkennung. »Studien zeigen, dass Menschen vor allem in kompetitiven Umgebungen – wie es die Jagd nicht sein sollte, aber sein kann – dazu neigen, Erfolge zu betonen, um sich als besonders fähig darzustellen«, sagt Breit. Hinzu kommt ein Phänomen, das Experten als »False Memory Theorie« kennen: Erlebnisse werden subjektiv verfälscht und ausgeschmückt, besonders wenn Emotionen wie Aufregung oder Stolz im Spiel sind. »Die Forschung zeigt, dass Menschen sich an Dinge erinnern, die so nie passiert sind – vor allem, wenn sie Geschichten darüber hören, die lebhaft erzählt oder wiederholt werden.«

Und nicht zuletzt sei da die identitätsstiftende Kraft von Geschichten, sagt Breit. »Geschichten erfüllen eine verbindende Funktion innerhalb von Gruppen. Jägerlatein schafft Unterhaltung, stärkt die Gruppenkohäsion und wird zu einem Teil der sozialen Identität. Es ist also weniger die »Wahrheit«, die zählt – sondern der soziale Zweck der Erzählung.«

Jägerin, Psychologin und »Waldfluencerin«: Claudia Breit sieht im Jägerlatein ein »spannendes Zusammenspiel von Psychologie und Tradition«.
©Matthias Schultner
Jägerin, Psychologin und »Waldfluencerin«: Claudia Breit sieht im Jägerlatein ein »spannendes Zusammenspiel von Psychologie und Tradition«.

Der mystische Wolpertinger

So lassen sich vielleicht auch die fantastischen Geschichten erklären, die es rund um die Fabelwesen gibt, die nur echte Jäger je zu Gesicht bekommen haben: Legendär ist der Wolpertinger. Er ist ein Mischwesen und wird meist als Hase mit Geweih und oft auch Flügeln dargestellt. Dass er so selten in freier Wildbahn gesichtet wird, liegt nicht nur an seiner scheuen Natur. Wie Jäger wissen, kann er nur von jungen, gutaussehenden Frauen entdeckt werden, wenn sie in der Abenddämmerung bei Vollmond in Begleitung eines »zünftigen Mannsbildes« an den abgelegensten Stellen des Waldes unterwegs sind...

Wer weiß, wie der hase läuft?

Durch die Lappen gehen

In früheren Zeiten wurden bei der herrschaftlichen Treibjagd oft Seile zwischen den Bäumen gespannt, an denen große Stofflappen hingen. Diese sollten den Tieren die Fluchtwege versperren und der Jagdgesellschaft den Abschuss erleichtern. Wenn doch ein Tier durch die Barrieren entkam, dann ging es den Jägern »durch die Lappen«.

Wissen, wie der Hase läuft

Die Haken, die der Hase auf der Flucht schlägt, sind berühmt. Nur, wer weiß, »wie der Hase läuft«, wird am Ende beim Schuss erfolgreich sein. Wer eine Ahnung von Abläufen und Entwicklungen hat, kann diese zu seinem Vorteil nutzen.

Etwas abblasen

Wenn heutzutage etwas »abgeblasen« wird, findet es nicht statt. Auch bei der Jagd wurde und wird abgeblasen – und zwar mit dem Jagdhorn: Eine ganz bestimmte Tonfolge kündigt da das Ende der Jagd an.

Ein echtes Sauwetter

Zumeist sind wir über »Sauwetter«, also feucht-regnerische Tage, nicht glücklich. Anders der Jäger: Beim nassen »Sauwetter« kommen Regenwürmer und Larven aus dem Boden, die den Wildschweinen als Delikatesse gelten. Somit steigt die Chance, dass einem eine der Säue vor die Flinte läuft.

Jemandem auf den Leim gehen

Wer einem anderen »auf den Leim geht«, fällt auf ihn herein. So wie es (früher, heute ist die Praxis verboten) so manchem Vogel passierte: Vogelfänger beschmierten Äste mit Leim und platzierten tote Lockvögel (noch ein bekannter Begriff!) auf ihnen. Setzte sich ein anderer Vogel dazu, blieb er kleben und war gefangen.

Lunte riechen

Wer »Lunte riecht«, erkennt eine Falle frühzeitig. So wie früher so manches Wild, als die Vorderladergewehre mittels Zündschnur – also Lunte – entzündet wurden. Die Tiere erkannten den Geruch und konnten fliehen. Ähnlich verhält es sich, wenn wir »von etwas Wind bekommen«. Manches Tier kann dank seines Geruchssinns Menschen über hunderte Meter Entfernung riechen, wenn der Wind richtig (oder eben falsch) weht.


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Erschienen in
Falstaff Jägerball Special 2025

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Christoph Schwarz
Christoph Schwarz
Chefredakteur a.D.
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