Food Shaming: Wenn jeder Bissen kommentiert wird
Man kennt es: In der Mittagspause oder beim Restaurantbesuch wird nicht nur ausgewählt, sondern – ganz nebenbei – auch bewertet. Besonders beliebt sind Kommentare wie »Das hätte ich jetzt nicht genommen« oder das leicht irritierte Augenbrauenzucken, das mehr sagt als tausend Worte. Willkommen in der feinsinnigen Welt des Food Shaming.
Ob bei Familienfeiern, im Freundeskreis oder im Büro – kaum etwas scheint so beliebt zu sein wie das ungefragte Kommentieren fremder Essensentscheidungen. Was als harmloser Smalltalk wirkt, hat allerdings eine erstaunliche Nebenwirkung: Plötzlich fühlt sich der eigene Teller an wie unter dem Mikroskop.
Dabei ist die Ausgangslage eigentlich simpel: Essen ist Geschmackssache. Was für die eine Person ein kulinarisches Highlight ist, wirkt auf die andere wie ein gewagtes Experiment. Trotzdem scheint es ein beinahe menschliches Grundbedürfnis zu sein, die Wahl des Gegenübers zu kommentieren – bevorzugt in einem Tonfall zwischen neugierig und subtil urteilsfreudig.
Dabei sind diese kleinen Kommentare oft gar nicht als Kritik gedacht, sondern als kleiner Hinweis – oder schlicht als Einstieg in den Smalltalk. Das Problem dabei? Selten bleibt es bei einem beiläufigen Kommentar. Wer sich immer wieder für seine Essenswahl erklären muss, verliert die Unbeschwertheit beim Essen – aus Genuss wird Reflexion und eine Rechtfertigung.
Alles wird bewertet
Ein klassisches Alltagsszenario: Eine Gruppe steht in der Juicebar, die Bestellungen gehen reihum, alle wirken zufrieden mit ihrer Wahl. Bis die letzte Person bestellt. Ein kurzer Einwurf: »Eigentlich sind diese Säfte ja total ungesund« – und plötzlich ist nicht mehr nur die Getränkeauswahl Thema, sondern gleich die gesamte Entscheidung. Insgeheim fragt man sich dann doch, ob die Entscheidung richtig oder falsch war und ob man sich den Smoothie nicht vielleicht doch lieber verkniffen hätte. Schwer zu sagen. Klar ist nur: Man fühlt sich dezent aufgefordert, Stellung zu beziehen – wenn nicht direkt, zumindest innerlich.
In der Situation, dass die eigene Essensentscheidung kommentiert wird, war bestimmt schon jeder von uns einmal. Manchmal in subtiler Form, manchmal aber auch direkter – vom Aussehen über die Bezeichnung bis hin zum Geruch – alles wird »bewertet«. Genau darin liegt der Kern von Food Shaming – auch wenn es von der anderen Person nicht bewusst als solches betrachtet wird.
Wie kommt es überhaupt dazu?
Aber warum verspüren manche Menschen überhaupt das Bedürfnis, das Essen anderer zu kommentieren? Laut der amerikanischen Psychologin Dr. Ninoska Peterson kann das viel mit frühen Prägungen zu tun haben. Essgewohnheiten, die wir in der Kindheit beobachten, übernehmen wir oft unbewusst – ebenso wie Einstellungen dazu, was als »gut« oder »schlecht« gilt. Auch Traditionen und Ernährungsweisen, die über Generationen weitergegeben werden, prägen unsere Haltung zum Essen und beeinflussen, wie wir das Essverhalten anderer bewerten.
Ein weiterer Faktor: soziale Medien. Plattformen, auf denen selbsternannte Ernährungsexpert:innen ihre Überzeugungen teilen, tragen dazu bei, dass bestimmte Vorstellungen von »richtigem« und »falschem« Essen ständig präsent sind. All das zusammen kann dazu führen, dass manche Menschen sich ebenfalls dazu berufen fühlen, die Teller anderer zu kommentieren.