Steak statt Salat? Trump-Regierung kehrt die Ernährungspyramide um
In den neuen US-Ernährungsempfehlungen rücken Fleisch, Käse und Vollmilch an die Spitze der Pyramide. Die ungewöhnliche Priorisierung von gesättigten Fetten sorgt für Diskussionen.
Viele kennen sie noch aus der Schulzeit: die Ernährungspyramide, meist auf einem vergilbten Plakat im Biologie- oder Hauswirtschaftsraum. Unten Gemüse und Obst, oben Fett und Süßes – möglichst wenig davon. Sie galt lange als einfache Antwort auf die komplizierte Frage, was gesund ist. Genau dieses Modell wird nun in den USA neu interpretiert. Die Trump-Administration hat nämlich neue Ernährungsrichtlinien veröffentlicht, und die sehen aus, als hätte jemand die alte Pyramide einmal kräftig geschüttelt: Oben landen plötzlich Steak, Käse und Vollmilch.
Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. bringt es auf eine einfache Formel: »Eat real food.« Gemeint ist damit vor allem mehr Protein und weniger Zucker, weniger stark Verarbeitetes, weniger Softdrinks, Kekse und Chips. Zucker wird zum erklärten Feind erklärt, ultraverarbeitete Lebensmittel sollen möglichst gemieden werden. Klingt erst einmal nach Konsens – darüber sind sich Ernährungsexpert:innen seit Jahren erstaunlich einig.
Fett, Fleisch und kleine Widersprüche
Überraschender wird es bei den Details. Nach Jahrzehnten, in denen rotes Fleisch und gesättigte Fette eher als Problem galten, rücken sie nun wieder ins Zentrum der offiziellen Empfehlungen. Erwachsene sollen künftig 1,2 bis 1,6 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht zu sich nehmen – deutlich mehr als bisher empfohlen. Das Steak bekommt damit quasi amtlichen Rückenwind, obwohl viele Menschen schon jetzt ausreichend Protein essen.
Ganz so radikal, wie es die Bilder der neuen, umgedrehten Pyramide vermuten lassen, sind die Leitlinien dann aber doch nicht. Obst und Gemüse bleiben gesetzt, gesättigte Fette sollen weiterhin maximal zehn Prozent der täglichen Kalorien ausmachen. Gleichzeitig wird jedoch empfohlen, Lebensmittel zu bevorzugen, die genau davon reichlich enthalten – etwa rotes Fleisch oder Vollfett-Milchprodukte. Rein rechnerisch passt das nicht immer zusammen: Ein großes Rib-Eye-Steak kann das Tageslimit schnell sprengen.
Auf Pflanzenprotein setzen die neuen Richtlinien übrigens nur am Rande. Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen werden zwar erwähnt, aber nicht ausdrücklich bevorzugt – obwohl viele Studien nahelegen, dass ein höherer Anteil pflanzlicher Proteine das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken kann.
Zucker unter Beschuss
Deutlich schärfer ist der Ton beim Zucker. Zuckerhaltige Getränke sollen vermieden werden, zugesetzter Zucker insgesamt stark begrenzt. Kinder sollen idealerweise bis zum zehnten Lebensjahr gar keinen zugesetzten Zucker bekommen – ein ambitioniertes Ziel in einer Welt aus Frühstücksflocken und Fruchtjoghurts. Alkohol wird ebenfalls kritischer gesehen, allerdings ohne klare Mengenangaben. »Weniger« lautet die Empfehlung, was viel Interpretationsspielraum lässt.
Kritik kommt vor allem wegen des Entstehungsprozesses. Statt auf das Expertengremium der Vorgängerregierung zu setzen, ließ Kennedy ein neues Team im Hintergrund arbeiten. Mehrere Beteiligte haben Verbindungen zur Fleisch- oder Milchindustrie, was den Vorwurf der Interessenkonflikte befeuert. Ausgerechnet Kennedy, der frühere Richtlinien als industriegesteuert kritisiert hatte, muss sich nun ähnliche Fragen gefallen lassen.
Fest steht: Die neuen Leitlinien werden nicht nur private Kühlschränke betreffen. Sie bestimmen, was in Schulen, Krankenhäusern, Gefängnissen und beim Militär auf den Tisch kommt. Ob sie die Gesundheit der Amerikaner:innen tatsächlich verbessern oder vor allem neue Fronten im alten Ernährungskrieg eröffnen, wird sich erst zeigen.