»Qualität beginnt beim Ursprung«: Mit Vincenzo Andronaco auf Sizilien
Vincenzo Andronaco hat mit seinen Supermercatos ein wahres sizilianisches Imperium in Deutschland geschaffen. Auf einer Reise in seine Heimat zeigt er, mit welcher Hingabe er die Produkte auswählt, die er importiert. Für ihn geht es dabei nicht nur um den Geschmack, sondern auch um die Verantwortung, die wahre Qualität mit sich bringt – selbst wenn das bedeutet, schwierige Entscheidungen zu treffen.
Er will uns zum Ursprung führen – dem »Kilometer 0«, wie Vincenzo Andronaco ihn nennt. Glaubt man ihm, befindet sich dieser auf Sizilien, dort wo auch seine Wurzeln liegen. Die meint er aber nicht. Sizilien ist zwar immer noch seine Heimat, vor allem aber die seiner Produzenten, die bis heute den Kern seines Erfolgs bilden. »Meine Wurzeln sind hier, aber auch die Seele meiner Produkte«, erklärt er.
Geboren 1952 in einem kleinen Dorf im Norden Siziliens mit Blick auf das Meer, wuchs Vincenzo Andronaco in einfachen Verhältnissen auf. Seine Mutter kochte mit wenigen, aber hochwertigen Zutaten, das gemeinsame Essen war der Mittelpunkt des Familienlebens. Mit gerade einmal 18 Jahren wagte er den Schritt ins Ungewisse und verließ schweren Herzens seine Familie. Ein Bekannter hatte ihm von Hamburg vorgeschwärmt, und so stieg er in den Zug – mit 2,50 Mark in der Tasche und großen Träumen im Gepäck.
Unermüdlicher Wille
Die Anfangsjahre waren hart. Andronaco jobbte zunächst in einer Aluminiumfabrik, später auf dem Bau, wo er es bis zum Vorarbeiter brachte. Doch schon damals war ihm klar, dass er mehr aus sich machen wollte. Die italienische Küche in Deutschland wurde damals noch auf Pizza und Spaghetti Bolognese reduziert. »Die Menschen kannten nicht den wahren Reichtum unserer kulinarischen Tradition.«, erinnert er sich.
1983 bot sich schließlich die Chance: Am Hamburger Barmbeker Bahnhof pachtete er einen kleinen Obst- und Gemüsestand. Ohne viel Erfahrung, aber mit einer großen Portion Neugier und dem unermüdlichen Willen zu lernen, begann er, die italienischen Restaurants seiner Bekannten mit frischen Zutaten zu beliefern. Die Nachfrage wuchs – und mit ihr seine Ambitionen.
Mutiger Schritt
Am Bahnhof in Barmbek wurde es bald zu eng. Zum richtigen Zeitpunkt ergab sich die Gelegenheit, einen größeren Stand auf dem Hamburger Großmarkt zu übernehmen. Dort expandierte Andronaco kontinuierlich, bis der gesamte Gang schließlich nach ihm benannt wurde. Sein Sortiment wuchs stetig: Neben frischem Obst und Gemüse führte er Delikatessen aus Italien ein, die hier kaum jemand kannte – grüner Spargel, Mangold, Rucola. Regelmäßig rollten Lkw über die Alpen, beladen mit Spezialitäten, die später ganze kulinarische Trends in der deutschen Küche prägen sollten.
Doch Andronaco strebte nach mehr. Im Jahr 2000 eröffnete er seinen ersten großen Supermercato in Hamburg-Billbrook. Was als mutiger Schritt in ein wenig frequentiertes Industriegebiet begann, entwickelte sich zu einem Erfolg – dank einer einfachen, aber wirkungsvollen Formel: authentische Produkte, faire Preise und das Flair eines traditionellen italienischen Marktplatzes. Heute betreibt Andronaco zehn Filialen in ganz Deutschland, darunter auch Bistros, die das Einkaufserlebnis in eine kulinarische Reise verwandeln.
Persönlich, nachhaltig, kompromisslos
Um zu verstehen, wie sehr Vincenzo Andronaco in seiner Mission für Qualität aufgeht, begleitet man ihn am besten nach Sizilien. Mehrmals im Jahr reist er mit seinem Team, darunter sein Neffe und Chefeinkäufer Giovanni, auf die Insel, um einige seiner Produzenten zu besuchen – so auch Anfang Oktober. Diese Reisen spiegeln eindrucksvoll die Philosophie seines Unternehmens wider: persönlich, nachhaltig und vor allem kompromisslos.
Im kleinen Fischerdorf Torrenova, am Fuße der Nebrodi-Berge, liegt die Heimat der Industria Ittica Torrenovese – oder einfacher gesagt: der Familie Castrovinci. Seit rund 15 Jahren widmet sich die Familie mit Leidenschaft der Verarbeitung von Sardellen. Sohn Salvatore, der seit fast ebenso vielen Jahren als Bürgermeister die Geschicke des rund 4500 Einwohner zählenden Dorfes lenkt, hat zusammen mit seinem Bruder Stefano die Tradition des Fischfangs von ihrem Vater geerbt. Auf das Meer hinaus fahren sie heute aber nur noch zum eigenen Vergnügen; die eigentliche Arbeit findet in den Hallen ihrer Firma statt. Hier werden Sardellen eingelegt und verpackt: »Jedes Glas Sardellen, das wir verkaufen, bringt ein Stück Sizilien in die Welt hinaus«, erklärt Salvatore Castrovinci stolz. Vincenzo Andronaco nickt zustimmend. Beide verfolgen immerhin das gleiche Ziel.
Das »Grüne Gold« von Bronte
Italienische Lebensmittel stehen für Andronaco als Synonym für Qualität und Authentizität. Die italienische Küche sei aber weit mehr als nur Essen: »Sie ist ein Lebensgefühl, eine Philosophie.« Sie repräsentiere auch die italienische Lebensweise, die Familie, Geselligkeit und eine tiefe Verbundenheit mit der Natur und den Zutaten – und das auf der ganzen Welt.
Hätte Vincenzo Andronaco Anfang Oktober gewusst, dass eines seiner Produkte nur wenige Wochen später Teil eines weltweiten Hypes werden würde, hätte er seinen Koffer wohl noch vor Ort randvoll gepackt. In Bronte, am Fuße des Ätnas, wird in der Konditorei Brontedolci nämlich das »Grüne Gold« hergestellt, das man zur Herstellung der mittlerweile berühmten Dubai-Schokolade benötigt. In den sozialen Medien kursieren unzählige Rezepte, die alle eine unverzichtbare Zutat gemeinsam haben: Pistaziencreme.
Der wahre Ursprung
Dabei machen die Pistazien aus dem kleinen italienischen Örtchen weniger als ein Prozent der weltweiten Pistazienproduktion aus. Marktführer ist der Iran, gefolgt von den USA, insbesondere Kalifornien sowie der Türkei. Auf Sizilien wachsen die Nüsse jedoch unter speziellen Bedingungen in der mineralreichen Vulkanerde der Insel, was ihnen ihren unvergleichlich nussigen Geschmack und ihre kräftige grüne Farbe verleiht. Genau diese Qualität hebt sie von der Massenware ab – und macht sie so begehrt.
Bei Andronacos Besuch standen die Zeichen hingegen schon auf Weihnachten. In der hauseigenen Backstube lief die Panettone-Produktion bereits auf Hochtouren – und die Pistaziencreme floss noch in gewohnter Geschwindigkeit in die Gläser, die nur wenige Wochen später im rund 3.000 Kilometer entfernten Hamburg ausverkauft sein würden.
Nur einen Katzensprung von der Fabrik entfernt stehen die etwa 100 Jahre alten Pistazienbäume – der wahre Ursprung, der »Kilometer 0«, von dem aus die Nüsse ihren Weg in die ganze Welt finden – und der Andronaco so wichtig ist.
»Die Menschen sehnen sich nach echtem Geschmack«
»Als ich vor über 30 Jahren begann, italienische Produkte nach Deutschland zu importieren, war es mein Traum, die echten, unverfälschten Aromen meiner Heimat hierher zu bringen«, erklärt er. Nun kann man viel von Aromen erzählen, aber wie sollen seine Kunden wirklich den Unterschied lernen?
Wohl kein Gemüse verkörpert Italien mehr als die Tomate. Doch leider hat das, was wir im Supermarkt finden, wenig mit der Tomate gemein, die unsere Vorfahren genossen. Die heutigen Industrietomaten sind zwar preiswert, bezahlt wird jedoch neben Geld auch mit fehlendem Geschmack. Das hat sogar ein internationales Forscherteam der Universität Valencia bestätigt. Die Gene der Tomaten wurden auf Massenware getrimmt, wodurch vor allem der Geschmack erheblich leidet.
Vincenzo Andronaco ist mit der traditionellen Tomate aufgewachsen und weiß genau: »Die Menschen sehnen sich nach echtem Geschmack, nach authentischem Essen, das nicht nur den Gaumen, sondern auch das Herz berührt.«
Zwischen Tradition und Innovation
Sein wichtigster Partner, um diesen Wunsch zu erfüllen, ist zweifellos die Familie Arestia. Mit ihrer Marke »Agromonte« haben sie sich als globaler Akteur im Tomatenbusiness etabliert, doch an erster Stelle steht nach wie vor ein unverrückbares Prinzip: die Familie.
Sie schafft beinahe mühelos den Spagat zwischen Tradition und Innovation. Ihre Tomate, die sie hier anbauen, genießt sogar seit 2003 mit dem Herkunftssiegel I.G.P. geografischen Schutz. Angebaut werden darf die Pachino-Kirschtomate nur in den Provinzen Siracusa und Ragusa. In letzterer ist Andronaco zu Gast. »Die echte Tomate schmeckt nach Sonne«, sagt Vincenzo Andronaco mit einem Schmunzeln, während er auf den Feldern der Familie Arestia steht und die leuchtend roten Früchte bewundert.
»Diese Tomaten sprechen für sich«
Die Produktion beginnt bereits beim Samenkorn: Die Arestias überlassen nichts dem Zufall. Reihenweise stehen die Pflanzen, von der Sonne verwöhnt, auf den Feldern. Sobald die Tomaten ihren perfekten Reifegrad erreicht haben, werden sie geerntet, sortiert und schonend gereinigt. Ab hier trennt sich ihr Weg: Einige werden vorsichtig getrocknet, andere finden ihren Platz in der berühmten Salsa di Ciliegino, einer der Spezialitäten des Hauses – sowohl hier als auch im Grande Mercato. »Die Menschen in Deutschland sollen wissen, wie echte Tomaten schmecken – nicht die Massenware aus dem Supermarkt, sondern ein Produkt, das nach Heimat und Tradition schmeckt«, erklärt Andronaco.
Der Besuch bei den Arestias ist einer der Höhepunkte seiner Reise. »Wenn meine Kunden den Unterschied schmecken, haben wir unser Ziel erreicht. Und diese Tomaten – sie sprechen für sich«, lobt er das Werk der Familie.
Der Kritiker
Man könnte nun annehmen, dass Vincenzo Andronaco über all seine Produzenten und Zulieferer nur in höchsten Tönen spricht. Doch am letzten Tag seiner Rundreise durch Sizilien zeigte sich eine andere Seite des sonst so herzlichen und charmanten Sizilianers: der Kritiker.
Bevor es für Andronaco zurück ins herbstliche Hamburg geht, steht noch ein Besuch eines Milchbauernhofs auf dem Programm, der die Rohmilch für die Mozzarella-Produktion von Zappalà liefert. Die Erwartungen waren hoch, schließlich gilt Zappalà als einer der renommiertesten Käsehersteller der Region und ist berühmt für seine exzellenten Mozzarella- und Ricotta-Produkte. Doch während die Verkostung der Produkte die hohen Erwartungen erfüllte, offenbarte der Blick hinter die Kulissen ein anderes Bild.
»Die Menschen vertrauen mir, dass ich ihnen nur das Beste biete«
Die Haltungsbedingungen der Kühe entsprachen nicht den Standards, die Andronaco von seinen Partnern erwartet. Enttäuscht und sichtlich aufgebracht verließ er das Gelände. »So geht das nicht«, sagte er entschlossen und stellte noch vor Ort ein Ultimatum an seinen langjährigen Partner Zappalà: Entweder die Zusammenarbeit mit diesem Bauernhof wird beendet, oder er zieht sich als Abnehmer zurück.
»Qualität beginnt nicht bei der Verarbeitung, sondern beim Ursprung – bei den Menschen und den Tieren, die sie ermöglichen«, betonte er nachdrücklich. »Die Menschen vertrauen mir, dass ich ihnen nur das Beste biete. Dieses Vertrauen darf ich nicht enttäuschen.«
Für Andronaco war dieser Moment ein klares Signal dafür, dass er trotz seines Erfolgs niemals den Anspruch verlieren darf, die Standards, die er sich selbst gesetzt hat, kompromisslos zu verteidigen – selbst wenn es unangenehm wird.
Respekt vor der Natur
Die Reise durch Sizilien endet also nicht nur mit einem Blick auf die Schätze der italienischen Küche, sondern auch mit einer Erinnerung daran, dass wahre Qualität immer Verantwortung mit sich bringt. Eine Verantwortung, die Andronaco voll und ganz übernimmt.
Für ihn steht die italienische Küche nicht nur für außergewöhnlichen Geschmack, sondern auch für Respekt – vor den Zutaten, den Menschen, die sie mit Hingabe produzieren, und vor der Natur, die sie hervorbringt.
»Die italienische Küche ist einfach, aber sie muss echt sein«, sagt er – genau wie sie in ihrem Ursprung ist. Es ist diese Philosophie, die ihn nach wie vor antreibt und die Grundlage für all das, was er geschaffen hat.