Sternekoch Tim Raue: »Wir haben viel Scheiße gebaut«
Zwei Michelin-Sterne, internationale Bekanntheit und ein Platz an der Spitze der deutschen Gastronomie: Tim Raue hat es weit gebracht. Nun sprach er offen über die Zeit vor seinem Erfolg – und erzählte von Gewalt, Zusammenhalt und dem Wunsch, endlich irgendwo dazuzugehören.
Wer Tim Raue heute kennt, kennt ihn vermutlich als einen der erfolgreichsten Köche Deutschlands. Doch in den 1980er-Jahren sah sein Leben noch ganz anders aus – ebenso wie sein Heimatbezirk Kreuzberg. Das Viertel war damals kein Hotspot für Foodies und Kreative, sondern ein rauer Mikrokosmos, geprägt von sozialen Spannungen und dem Gefühl vieler Jugendlicher, von Politik und Gesellschaft übersehen zu werden.
In diesem Umfeld entstand die Jugendgang »36 Boys«, benannt nach dem damaligen Postbezirk SO 36. Für viele ihrer Mitglieder war sie weit mehr als eine Bande: Sie bot Halt, Zugehörigkeit und Identität. Auch Tim Raue schloss sich der Gruppe an – als einziger Deutscher und im Alter von 14 Jahren.
Der Journalist Paul Christoph Gäbler hat nun dieser Straßengang ein Buch namens »36 Boys. Wie eine Kreuzberger Gang zur Legende wurde« gewidmet. Bei der Buchvorstellung in Raues Kreuzberger Restaurant sprach der Sternekoch ungewöhnlich offen über diese prägende Zeit. Was ihn damals anzog, sei vor allem das Gefühl gewesen, endlich irgendwo dazuzugehören.
»Wir haben viel Scheiße gebaut«
Dass dieser Zusammenhalt eng mit Gewalt verbunden war, verschweigt Raue nicht. Im Gegenteil. »Wir können ja über alles sprechen, es ist alles strafrechtlich verjährt«, fügte er schmunzelnd hinzu. Die Aufnahme in die Gang erfolgte über eine Prügelei, Straßenschlachten mit rivalisierenden Gruppen gehörten zum Alltag rund um das Kottbusser Tor. Heute blickt er mit deutlicher Distanz darauf zurück. Gewalt lehne er inzwischen vollständig ab.
Die Geschichte der »36 Boys« erzählt jedoch nicht nur von Gewalt. Sie erzählt auch von einer Generation junger Menschen, deren Familien oft zwischen zwei Welten lebten. Viele Kinder von Einwanderern fühlten sich weder richtig angekommen noch willkommen. Auch er ist als Kind in großer Armut aufgewachsen und habe oft von den türkischen Müttern Essen bekommen. Rückblickend kritisiere er, dass Politik und Gesellschaft diesen Jugendlichen kaum Perspektiven angeboten hätten. Niemand habe ihnen gezeigt, wie sie Teil dieses Landes werden könnten. Das Thema habe »unser Land komplett verkackt«, sagt der Sternekoch.
So entstand eine eigene Welt – mit eigenen Regeln, eigenen Codes und einem starken Gemeinschaftsgefühl. Kreuzberg wurde zur Heimat einer Generation, die sich ihre Identität selbst schuf. Dass aus den ehemaligen Gangmitgliedern später völlig unterschiedliche Menschen wurden, zeigt auch das neue Buch. Einige machten Karriere, andere scheiterten. Raue selbst schaffte den Sprung aus schwierigen Verhältnissen bis an die Spitze der deutschen Gastronomie.
Wenn Tim Raue heute auf seine Zeit bei den »36 Boys« blickt, spricht daraus weder Stolz noch Verklärung. Eher das Bewusstsein, wie prägend Zugehörigkeit sein kann – besonders für junge Menschen, die sonst das Gefühl haben, nirgendwo wirklich dazuzugehören.