Daniel Spoerri

Daniel Spoerri
© Ivo Saglietti

Tischgespräch mit Daniel Spoerri

Der schweizer Künstler und Kosmopolit über die Kunst des Essens und Kochens.

FALSTAFF: Herr Spoerri, Sie wurden vor allem durch Ihre »Fallenbilder« weltbekannt – ein Stück Alltagswirklichkeit als Moment eingefroren. Welche Rolle spielt Zeit für Sie im kulinarischen Alltag?
Daniel Spoerri: Ich lasse mir mehr Zeit zum Kochen als zum Essen. Ich habe ein sehr positives Verhältnis zum Kochen, es ist eine Form von Meditation, die ich liebe – im Gegensatz zur Zeit, die ich zum Fixieren von Objekten auf ihre Unterlage aufwende, also zum Herstellen von Bildern. Diese Tätigkeit macht mich nervös und kribbelig.
Vor fast fünfzig Jahren begründeten Sie die Eat-Art und hatten ein Lokal in Düsseldorf. Essen und Kochen – ein Lebenszyklus? 
In meinem Restaurant wollte ich zeigen, dass es viel mehr Essbares gibt, als man normalerweise isst. Es gab Bärenfleisch, Termiten oder Schlangenragout, das sich vom Aal geschmacklich gar nicht so sehr unterscheidet. Der Speiseplan der Menschen, als sie noch Jäger und Sammler waren, war sicher vielfältiger, aber auch unregelmässiger als jetzt. Mit der Sesshaftigkeit haben wir uns sowohl bei der essbaren Pflanzenvielfalt als auch bei tierischen Produkten eingeschränkt.
Brot ist einerseits zu einem Wegwerfprodukt verkommen, auf der anderen Seite gibt es einen Trend zum Brotbacken und zur Qualität: Im urbanen Raum gibt es wieder vermehrt gute Bäcker. Eine Schere zwischen Arm und Reich?

In Brotteig habe ich 1960, also schon vor über fünfzig Jahren, Abfall eingebacken und die Serie »Tabubrote« genannt. Heute werden allein in der Stadt Wien viele Tonnen Brot jeden Abend nach Geschäftsschluss als Müll weggeschmissen. Was Arm und Reich betrifft, so können sich die Armen die guten Bäcker weniger leisten als die Reichen.

»Es gibt mehr Essbares, als man normalerweise isst.« – Daniel Spoerri

Wie sehen Sie die heutige Mainstream-Ernährung?
In meinen Ernährungsalbträumen, denen wir leider schon ganz nahe gekommen sind, stelle ich mir verglaste Tiefkühltruhen wie Bibliotheksschränke vor, in denen Fertiggerichte tiefgefroren eingeordnet sind. Ebenfalls eingebaut ist ein Mikrowellenherd, in dem das ausgewählte Gericht gleich aufgewärmt wird. Vieles spricht dafür, dass sich in Zukunft unsere Menschheit in etwa auf diese Weise ernähren wird. Gott sei Dank sind wir noch nicht ganz so weit, aber da auch Gott inzwischen gestorben ist …
Wie muss ein Teller für Sie aussehen, damit Sie Lust aufs Essen bekommen?
Es waren immer die vielfältigsten Hors d’oeuvres und Amuse-Gueules, die mich mehr begeisterten und mehr belustigten als die Hauptspeisen. Im Übrigen liebe ich einfache und unkomplizierte Speisen. Von japanisierenden Dekors, sprich dem Tüpfelchen Balsamico neben einem Schnittlauch­stängelchen, halte ich wenig.

Daniel Spoerri

ist bildender Künstler, Tänzer, Regisseur und Kosmopolit. Der Schweizer ist einer der bedeutendsten Vertreter der Objektkunst und beschäftigte sich in seiner Arbeit immer wieder mit dem Essbaren und der Ernährung. Er begründete die Eat-Art, veröffentlichte Kunstkochbücher und führte bis 1972 das »Restaurant der Sieben Sinne« in Düsseldorf.

Interview: Alex Hesse
Aus dem Falstaff-Magazin 02/2016

Alex. Hesse
Redakteurin
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