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© Anna Rauchenberger

»Wir müssen uns unsere Jagdinstinkte erhalten«

Interview
Jägerball

Maximilian Mayr-Melnhof plädiert für den bedachten Einsatz von Technik und eine gezielte Nachwuchsförderung für eine waidgerechte Jagd der Zukunft.

Der Salzburger Landesjäger­meister Maximilian Mayr-­Melnhof ist ein Mann mit Humor und festen Prinzipien. Dazu gehört eine tiefe Verbundenheit mit der Natur, die ihn erdet und die Jagd zu einem Bestandteil seines gesunden Selbst macht. Den Veränderungen der Natur durch Tourismus und Klimawandel möchte er mit gezielter Unterstützung der Biodiversität begegnen – offen für neue Technik, aber immer mit dem Herz nah am echten Naturerleben.

Falstaff: Das Bundesland Salzburg ist eines der landschaftlich vielfältigsten Jagdgebiete Europas. Was ist die größte Herausforderung für die Jägergemeinschaft?

Maximilian Mayr-Melnhof: Unser Bundesland lebt ganz stark vom Tourismus. Bei uns kommen auf 600.000 Einwohner etwa 30 Millionen Nächtigungen. Das ist unsere größte Herausforderung, ­gerade in Bezug auf Wildarten, die Kulturflüchter sind, also nicht unbedingt mit dieser Kulturlandschaft zurechtkommen. Und da spreche ich einmal primär das Rotwild an, weil es immer mehr in die Berge zurückgedrängt wird und die Bejagung eine immer größere Herausforderung stellt.

Wie reagiert die Jagdpraxis auf diese Veränderungen?

Die Jagd an sich hat sich leider sehr verändert, und ich sage ganz bewusst: leider. Ich bin 55 Jahre alt und habe die Jagd noch im ursprünglichen Sinne kennengelernt. Mittlerweile wird die Jagd sehr stark ­geprägt von Kameras, die überall im Revier hängen. Das heißt, der Jäger muss im Grunde nicht mehr draußen sein. Er beobachtet das Wild vom Handy, von der warmen Stube aus. Und in der Dämmerung schaut er mit Wärmebildferngläsern – das heißt, das Wild wird sichtbarer, und er muss mich nicht mehr so anstrengen. Die ursprüngliche Jagd, die mich unglaublich gereizt hat und noch immer reizt, bedeutet, sehr viel draußen zu sein und zu schauen, was im Revier ist. Das übernimmt mittlerweile häufig die Technik.

Verliert der moderne Jäger das Gefühl für die Natur?

Der Einsatz von Technik bei der Jagd hat natürlich seine Faszination, und wir dürfen uns dem Neuen nicht verschließen. Wir jagen ja heute auch nicht mehr mit Pfeil und Bogen oder Armbrust. Aber es geht gerade sehr viel von unseren jagd­lichen Instinkten verloren.

Wo ist für Sie eine Grenze für den Einsatz moderner Technik?

Diese Grenze muss jeder für sich selbst ziehen, aber meine Meinung ist, dass wir die Technik behutsam nutzen müssen, eine Jagd mit Drohnen möchte ich mir nicht vorstellen. Für mich ist der Maßstab die Waidgerechtigkeit: Was kann ich dem Wild gegenüber noch verantworten? Ich muss es nicht technisch überlisten, denn das Wild kann nicht nachrüsten.

Gibt es da innerhalb der Jägerschaft auch einen Generationsunterschied?

Ich glaube ja. Einige Jungjäger decken sich zuerst mal mit Technik ein, wenn sie die Möglichkeit haben, irgendwo zu jagen. Das wäre für meine Generation nicht in Frage gekommen. Nehmen sie die Fuchsjagd im Winter: Wir haben einen Mond und Schnee gebraucht. Das war vielleicht an 20 Tagen im Jahr möglich. Wir haben gelechzt nach diesen Tagen. Heute, um es mal überspitzt zu sagen, sitzt der Jäger vor dem Kamerabild, und wenn er was sieht, fährt er halt raus.

Wie sorgen Sie dafür, dass die ethischen Werte der Jagd in zukünftigen Generationen erhalten bleiben?

Wir versuchen, bei der Jugend eine gewisse Sensibilität dafür zu schaffen, dass es mehr gibt als Handys und PCs. Wir gehen raus mit einer fahrenden Wildtierschule und sprechen schon die Vier- bis Zehnjährigen an, die noch ein offenes Herz, offene Gedanken, offene Augen haben. Wir probieren, ihr Herz zu erreichen und ihnen die Wichtigkeit einfachster Dinge beizubringen. Jausenpapiere wieder mitzu­nehmen, nicht in Ameisenhaufen herum­zustochern, Respekt vor der Natur in jeder Form zu haben.

In Notzeiten zuzufüttern, gehört zur Bestandspflege.
© Shutterstock
In Notzeiten zuzufüttern, gehört zur Bestandspflege.

Es gibt Menschen, die sagen, die traditionelle Jagd sei mit modernen Naturschutzmaßnahmen nicht vereinbar. Wie stehen Sie dazu?

Wenn wir etwas zu unserer Kulturlandschaft beitragen wollen, müssen wir diese Landschaft nutzen – wenn ich sie einfach nur unter Schutz stelle, verliere ich sie! Die Idee des aktiven Naturschutzes, also Biotopverbesserungen zum Beispiel durch Niederwildreviere, sind für mich der Inbegriff der Biodiversität. Ich passe auch auf mein Wild auf, dass es nicht leidet in der Notzeit. Da rede ich nicht nur vom Winter. Notzeit kann auch eine Trockenheit im Sommer sein, gerade in den Niederwindregionen. Es geht der Jägerschaft doch nicht nur um Gewehre, Autos, Sonstiges – wir investieren auch sehr viel in Futter, Biotopverbesserungen, Wildwiesen, Anlage von Hecken, Teichen und so weiter. Und da profitieren unglaublich viel mehr Wildarten davon, die überhaupt nicht bejagt werden! Die Jägerschaft ist die größte und älteste Tier- und Naturschutzorganisation. Und wir haben unsere Dinge über Jahrzehnte oder fast Jahrhunderte bis heute gut gemacht.

Vor zwei Jahren sagten Sie im Gespräch mit dem Falstaff, dass Sie es total leid sind, dass sich die Jägerschaft immer rechtfertigen muss. Hat sich da etwas ­verbessert?

Da muss man unterscheiden zwischen ­Natur- und Tierschutzorganisationen und radikalen Tierrechtlern. Mit Ersteren haben wir immer eine Gesprächsbasis und werden auch zu Diskussionen eingeladen. Wenn jemand konstruktiv auf uns zugeht, stehen die Türen offen. Aber es gibt auch einzelne Personen oder Gruppierungen, mit denen ein Austausch nicht möglich ist, weil sie einfach zu brutal und radikal vorgehen. Mit Menschenhass und Hetze wollen wir nichts zu tun haben. Ich bin froh über jede Möglichkeit, wo wir uns erklären dürfen, statt uns zu rechtfertigen.

Es gibt auch Tierschützer, die aus ethischen Gründen kein Fleisch essen, aber bei Wild eine Ausnahme machen, weil sie die Art, wie dieses Fleisch gewonnen wird, als eine nachhaltige und moralisch vertretbare Form empfinden.

Ich finde diesen Zugang sehr schön. Er ist auch Teil meiner persönlichen Faszination bei der Jagd. Der archaische Gedanke, meine Familie zu ernähren, ist sicher einer der ältesten Instinkte.

Wie oft gehen Sie selber noch auf die Jagd?

An etwa 250 Tagen im Jahr bin ich  draußen. Oft ganz ohne Waffe. Jagd wird viel zu oft nur mit dem Tod in Verbindung gebracht, mit dem Schießen. Aber das ist ja nur der ganz, ganz kleine Teil, es ist so viel mehr: Wir haben in Salzburg 11.000 Jäger, und wir schießen 24.000 Stück Wild, also nur zwei Stück pro Person. Das heißt, Jagd kann nicht auf das Schießen reduziert werden. Ich habe das Glück, in meinem Revier zu wohnen – und an 250 Tagen muss ich draußen sein, wenigstens für 30 Minuten, sonst laufe ich nicht rund.

Sind Sie ein anderer Mensch, wenn Sie im Revier unterwegs sind, als wenn Sie in Ihrem Büro sitzen?

Wenn ich draußen bin, ist es mein Leben. Wenn ich im Büro bin, ist es ein Muss. Ich will im Leben möglichst wenig müssen, sondern können, dürfen und wollen. Und draußen erfahre ich jede Sekunde ein ­Können, Dürfen und Wollen. Egal, welches Wetter ist, egal, wo ich bin.

Das Rotwild zieht sich immer mehr ins Hochgebirge zurück, wo es weniger Tourismus gibt.
© Shutterstock
Das Rotwild zieht sich immer mehr ins Hochgebirge zurück, wo es weniger Tourismus gibt.

Woran liegt es, dass so häufig ein Trophäen-Narrativ bedient wird, wenn doch ein großer Teil der Existenz als Jäger mit dem Abschuss nichts zu tun hat?

Ich habe gar nichts gegen Trophäen, solange es nicht um größer, dicker, besser geht. Eine Trophäe ist eine Erinnerung. So wie eine Muschel, die Sie sich vom Strand aus dem Urlaub mitbringen. Ich hänge mir eine Erinnerung an die Wand, ich trage eine Lederhose von meinen selbst geschossenen Stücken. Das ist eine sehr persönliche Sache, bei der es nicht darum geht, zu zeigen, was man für ein toller Typ ist, sondern sich zu erinnern: Was habe ich erlebt? Und wenn ein Revier gute starke Trophäen produziert, dann ist das auch ein Zeichen dafür, dass der Wildbestand gesund ist. Denn nur ein gesunder Hirsch, nur ein gesunder Rehbock kann ein großes Geweih schieben.

Von welchem Erleben erzählen ihre stärksten Erinnerungen?

Ich bin ein bekennender Auslandsjäger. Und dann liebe ich ganz speziell das Hochgebirge. Die Hohe Jagd ist die größte Anstrengung. Es ist kalt, es ist nass, man hat kein hartes Dach über dem Kopf. Aber wenn man in Zelten schläft, über Tage oder Wochen bei minus 15 Grad draußen, ist das Erlebnis umso intensiver, man ist wirklich Teil der Elemente.


Erschienen in
Falstaff Jägerball Special 2026

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Stefanie Hellge
Autorin
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