Diese Küche rettet Leben: Ein Blick ins VinziRast-Restaurant »mittendrin«
Im VinziRast-Lokal »mittendrin« in Wien trifft gutes Essen auf soziales Engagement. Hier arbeiten ehemals obdachlose Menschen, Geflüchtete und Freiwillige Seite an Seite.
»Hier kommen Menschen an wie gestrandet und wir zerren sie aus dem Wasser.« Mit diesen Worten beschreibt Katharina Kielmann, Küchenchefin des VinziRast-Lokals »mittendrin«, den Ort, den sie seit vier Jahren leitet. Für sie ist das Lokal wie eine Art »Boje im Meer« – ein Platz für Menschen, die anderswo keinen Halt gefunden haben.
Das Lokal »mittendrin« verbindet gutes Essen, Gastlichkeit und soziales Engagement unter einem Dach. Hier arbeiten ehemals obdachlose Menschen, Geflüchtete und andere, die lange aus dem System gefallen sind, Seite an Seite mit freiwilligen Helfer:innen. Gleichzeitig ist das Lokal Teil eines Wohn- und Beschäftigungsprojekts: Studierende, Mitarbeitende und ehemals obdachlose Menschen leben, arbeiten und lernen zusammen, unterstützen sich im Alltag und im Lokal. Träger des Projekts ist der gemeinnützige Verein VinziRast, der seit Jahrzehnten Menschen in schwierigen Lebenslagen Perspektiven bietet. Seit 2024 kann man hier zudem eine offizielle Berufsausbildung machen.
Kochen statt kentern
Katharina Kielmann leitet die Küche seit über vier Jahren. Dass sie einmal im sozialen Bereich arbeiten würde, hätte sie selbst nie gedacht. Heute ist sie überzeugt: »Cooking is lifesaving«, denn Kochen bedeutet hier mehr als nur Essen zubereiten. Es gibt Struktur, Halt und führt Menschen Schritt für Schritt zurück in den Alltag. Viele, die im »mittendrin« landen, haben zuvor mehrfach versucht, irgendwo Fuß zu fassen. Oft ohne Erfolg. »Die Leute, die bei uns stranden, konnten woanders nicht landen«, erzählt Kielmann im Gespräch mit Falstaff.
Ein Potpourri an Geschmäckern und Geschichten
Die Vielfalt des Teams prägt auch die Speisekarte des Lokals. Silvia Blahacek, zuständig für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit, erklärt: »Die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe unserer Mitarbeiter:innen machen unsere Gerichte zu einem Potpourri an Geschmäckern und Geschichten.« Wiener Klassiker treffen auf internationale Einflüsse, etwa Linsenragout mit Cranberries und Wurzelgemüse, Falafel-Teller mit Hummus und Caponata oder der Zucchini-Burger mit Tsatsiki und Wedges. Rund 80 Prozent der Gerichte sind vegetarisch oder vegan, Fleisch gibt es nur an ausgewählten Tagen. Ein Teil der Zutaten stammt aus einem eigenen Landwirtschaftsprojekt in Niederösterreich. »Manchmal ruft der Projektleiter der Landwirtschaft an und sagt: Ich habe drei Kisten Mangold. Dann gibt es eine Woche lang Mangold – aber in möglichst vielen Varianten.«
Der Anspruch hier ist ein anderer als an ein »klassisches« Restaurant: wirtschaftlich tragfähig und gleichzeitig ein Ort, an dem Menschen erst wieder lernen, im Alltag anzukommen. Ein Beispiel ist Abdelsalam. Er kam aus dem Irak nach Wien, seine Familie ist über verschiedene Länder verstreut. Er hatte im Haus zunächst einen Wohnplatz, fing dann im Lokal an zu arbeiten und ist heute im zweiten Lehrjahr als Restaurantfachmann und einer der besten seiner Klasse. Oder dann gibt es noch Sary, der über ein Jugendprojekt kam. Er ist neurodivergent und machte zunächst ein Praktikum. Inzwischen ist auch er in Ausbildung. Seine Stärken liegen genau dort, wo andere Schwierigkeiten hätten: »Er ist extrem genau, sehr loyal. Wenn er ein Rezept kann, dann ist es immer gleich perfekt«, sagt Kielmann.
Mit Schwimmring ins Leben
Das »mittendrin« ist ein Ort, der Menschen aufnimmt und gleichzeitig auf das Leben draußen vorbereitet möchte. »Auf der einen Seite muss ich streng sein, auf der anderen offen und verletzlich«, sagt Kielmann. Ziel ist es, Menschen zu stabilisieren und ihnen eine Perspektive zu geben. »Wenn sie ihren Platz gefunden haben, schubsen wir sie wieder raus – aber mit einem Schwimmring, zum Beispiel einer Ausbildung.« Die meisten bleiben ein paar Jahre, sammeln Erfahrungen und starten dann in ein eigenständiges Leben.