Heimliche Perle: Die Sieger der Müller-Thurgau Trophy
Leicht, fruchtig, unkompliziert – die Rebsorte Müller-Thurgau gilt als Inbegriff des charmanten Alltagsweins. Wie die diesjährige Falstaff Trophy beweist, schlummert in ihr aber mehr: In den richtigen Händen entstehen aus der Sorte überraschend tiefgründige Weine mit Charakter.
Vor 175 Jahren kam ein Mann in Tägerwilen auf die Welt, der die Schweizer Weinwelt nachhaltig prägen sollte: Hermann Müller-Thurgau. Ein wahrer Tausendsassa, der Zeit seines Lebens als Pflanzenphysiologe, Lebensmittelmikrobiologe und Rebenzüchter aktiv war. Bekannt ist er vor allem für die nach ihm benannte Rebsorte, die er 1882 aus Riesling und Madeleine Royale kreuzte. Müller-Thurgau wird heute weltweit auf über 20.000 Hektaren kultiviert – 480 davon in der Schweiz, was etwa 3,3 Prozent der gesamten Rebfläche des Landes entspricht.
Die zweitwichtigste weisse Rebsorte der Schweiz hinter Chasselas reift früh, liefert in der Regel hohe Erträge und süffige, feinfruchtige, unkomplizierte Weine. Über 100 Jahre lang ging man davon aus, es handle sich beim Müller-Thurgau um eine Kreuzung aus Riesling und Silvaner, bis 2000 genetische Tests zeigten: Es war Riesling mit Madeleine Royale! Diese beiden Rebsorten zieren treffenderweise auch das Etikett des Erstplatzierten der Falstaff-Müller-Thurgau-Trophy 2025, vinifiziert von Lüthi Weinbau in Männedorf am Zürichsee. Übrigens direkt gegenüber von Wädenswil, wo heute im Rebberg des Weinbauzentrums, über 100 Jahre nach der Züchtung, noch immer der Urrebstock steht – die Urrebe Stock 58. Wie spannend die Sorte sein kann, zeigt Lüthis Riesling x Madeleine Royale aus dem Jahr 2023, der aromatisch zwischen Frucht und rauchiger Kräuterwürze pendelt und am Gaumen durch Filigranität und Ausgewogenheit glänzt.
Beim Riesling-Sylvaner der Adanks, dem zweitplatzierten Wein der Trophy, überzeugte die Verkoster vor allem die cremig-saftige Säure und das dezent herbe, salzig-mineralisch anmutende Finale. Eine Interpretation, die der Sorte Müller-Thurgau ungeahnte Tiefe verleiht. Bei Erich Meiers Müller-Thurgau aus dem Jahr 2024 notierten die Degustatoren: «Macht Lust auf den nächsten Schluck». Und das macht der drittplatzierte Wein dieses Tastings auch. Frische Fruchtaromatik, ein gewisser phenolischer Grip im Abgang. Hermann Müller-Thurgaus Erbe ist also auch 175 Jahre nach seiner Geburt noch quicklebendig.
Müller-Thurgau
Der Rebenschmuggler
In den 1920ern war der Weinbau am Bodensee in einem desolaten Zustand. Johann Baptist Röhrenbach, Verwalter des Schlossgut Kirchberg, erkannte jedoch Potenzial in der Sorte Müller-Thurgau und wollte diese anpflanzen. Da er keine Genehmigung erhielt, griff er zu drastischen Mitteln und schmuggelte in einer Aprilnacht 400 Stecklinge per Ruderboot vom Schweizer Arenenberg nach Deutschland – die Rettung für den maroden Weinbau.