Komplimente verboten: Café fährt mit Benimmregeln klare Linie
Ein Café in Halle sorgt mit einem ungewöhnlichen Aushang für Aufsehen: Gäste sollen auf Kommentare über andere verzichten – selbst gut gemeinte Komplimente sind tabu. Eine kleine Bitte, die eine große Debatte entfacht.
»Wenn du bei nackter Haut nicht weggucken kannst, solltest du lieber zu Hause Kaffee trinken.«, heißt es deutlich im Aushang für Besucher:innen des Cafés Rosenburg in Halle. Ebenso: »Bitte macht weder uns, noch anderen Gäst:innen körperbezogene Kommentare. Dazu zählen auch lieb gemeinte Komplimente.« Wer bei Inhaber Robert Willing einen Kaffee trinken will, muss sich an »basale Regeln« halten. Doch genau diese sorgen im Netz für Aufruhr.
Die Intention dahinter ist eigentlich klar formuliert. Willing und sein Team möchten eine Atmosphäre schaffen, in der sich alle »pudelwohl fühlen«, ohne bewertet oder beobachtet zu werden. Dass dafür überhaupt klare Benimmregeln formuliert werden mussten, ist wiederholten Situationen geschuldet, in denen sich Mitarbeitende durch Blicke oder Bemerkungen unwohl fühlten. Der Aushang ist somit weniger als Verbot zu verstehen, sondern als Versuch, Grenzen sichtbar zu machen.
Debatte im Netz entfacht
Während die einen die Bitte als nachvollziehbar empfinden, fühlen sich andere regelrecht Angegriffen. Kaum verwunderlich ist auch, dass sich vor allem Männer angesprochen fühlen: »Das ist genau das, was mich so an der heutigen Gesellschaft so müde macht: dieses ständig etwas unterstellt kriegen. Ich kenne dieses Café nicht – und werde dort niemals hingehen!«, schreibt ein User auf Facebook. Ein anderer beschwert sich in den Kommentaren, dass man nicht mal mehr Komplimente machen dürfe, weil das schon als unangebracht empfunden wird.
Andere finden es wiederum befremdlich, dass überhaupt solche Regeln aufgestellt werden müssen, anstatt allgemeiner Konsens zu sein. Die Kommentare im Netz spiegeln somit ein Spannungsfeld wieder, das viele Bereiche des Alltags betrifft. Kommunikation ist immer kontextabhängig – was in einem Moment als freundlich gilt, kann in einem anderen als unpassend wahrgenommen werden. Gerade in beruflichen Situationen, in denen Menschen nicht frei wählen können, ob sie in Kontakt treten, verschieben sich die Maßstäbe.
Fakt ist: Seitdem die »Regeln« aushängen, habe sich der Alltag sein Team gebessert, berichtet Willing zufrieden gegenüber Merkur.de. Und dennoch zeigt der Fall des Rosenburg Cafés ausdrücklich, wie unterschiedlich noch immer die Ansichten darüber ausfallen, was angemessen ist – und was nicht.