Mallorca im Wandel: Die besten Orte, um Ruhe im Trubel zu finden
Berüchtigt und doch unterschätzt: Die größte der Baleareninseln bietet auch Raum für exklusive Erholung. Von luxuriösen privaten Hideaways bis hin zu nachhaltigem Genuss.
Noch vor wenigen Jahren blickte Mallorca mit einigem Neid auf die kleine Schwester Ibiza – galt doch die andere Baleareninsel als die kultiviertere. Die mit dem gehobenen Nachtleben, den Superstars, der guten Kulinarik. Mallorca wartete fast zu lange, um dem Ballermann-Image etwas entgegenzusetzen. Erst in den frühen 2010er-Jahren wandelt sich das Image des Eilands. Aus vielen Gründen: Es werden Milliarden Euro in die Infrastruktur investiert. Es entstehen moderne Autobahnen und Schnellstraßen. Die Strand- und Hafenpromenaden werden aufwendig saniert, Luxushotels entstehen auf der gesamten Insel. Die Gebirgskette Tramuntana wird zum Weltkulturerbe, ebenso wie die Küche der Balearen, deren Aromen, Techniken und Rezepte nun als Teil des immateriellen Kulturerbes der Menschheit gewürdigt werden. Palma gilt mittlerweile als eine der attraktivsten Kulturstädte im Mittelmeerraum, und die einheimischen Köche sind die Stars. Für sie steht Nachhaltigkeit und Regionalität im Zentrum ihrer Kunst. Zehn Michelin-Restaurants zählt die Insel heute.
KÜCHE AUF SPITZENNIVEAU
Die meisten der kulinarischen Köpfe findet man in den Restaurants von Palma. Einer der wichtigsten ist Santi Taura. Der 48-jährige Insel-Sohn hat Mallorcas Haute Cuisine revolutioniert – indem er sie zu ihren Wurzeln zurückführte. Sein Restaurant, das »DINS Santi Taura«, verbirgt sich im verwinkelten Altstadtviertel Calatrava, nur einen Steinwurf von Palmas Kathedrale entfernt, im Erdgeschoss des eleganten Boutiquehotels »El Llorenç Parc de la Mar«.
Bei den Bauarbeiten stieß man auf einen alten Töpferofen aus dem 11. Jahrhundert – aus jener Epoche, als Mallorca unter arabischer Herrschaft stand. Der Ofen wurde behutsam in das Interieur integriert und von Santi Taura zum Symbol seines Schaffens erhoben: eine Rückbesinnung auf die Wurzeln der balearischen Küche. Während andere Hotelrestaurants vor allem Touristen anziehen, bleibt Tauras »DINS« selbst zur Hochsaison fest in einheimischer Hand.Für viele Mallorquiner sind seine Gerichte eine Reise zurück in die eigene Kindheit. Und wer einmal seine Empanadas gekostet hat – die traditionellen, gefüllten Teigtaschen, meisterhaft zubereitet – wird sie nie wieder vergessen.
Die Kunst liegt im Einfachen
Zu den spannendsten Aufsteigern der letzten Jahre zählt das Restaurant »Fera« in der Altstadt von Palma – unter der Leitung des Kärntner Küchenchefs Simon Petutschnig. Spektakulär nicht nur wegen der Lage in einem aufwendig renovierten Stadtpalast, sondern vor allem wegen des ungewohnten Kochstils, den Petutschnig »Mediterrasian« nennt. Die Produkte stammen allesamt von der Insel, bei der Zubereitung lässt sich der Küchenchef von fernöstlicher Esskultur inspirieren. Ein Beispiel: Seine Seegras-Canelloni, gefüllt mit Rindfleischtatar – inspiriert vom katalanischen Nationalgericht »Mar y Montaña« (Meer und Berge). Dessen Besonderheit: Fleisch und Fisch werden für eine gewisse Zeit gemeinsam gegart, sodass sich die Aromen verbinden.
Eher unter der Rubrik Geheimtipp läuft die »Casa Maruka« – ein Traditionsbetrieb, nur wenige Gehminuten vom Plaza de España entfernt. Das Interieur ist zwar ein wilder Stilmix, doch die Gerichte überzeugen umso mehr: spanische Produktküche im besten Sinne mit frischen Zutaten vom Markt und exzellenter Qualität bei Fisch und Fleisch. Unbedingt probieren: die frisch zubereitete Apfel-Tarte mit Vanilleeis. Sie braucht rund 30 Minuten und Kenner bestellen sie gleich zu Beginn, um sie zum Abschluss zu genießen.
Ein überzeugendes Beispiel dafür, dass die Kunst der mallorquinischen Küche auch in der lebendigen Hauptstadt der Insel aber oft im Einfachen liegt, ist »La Bodeguilla«. Der Gast sitz hier eingerahmt von deckenhohen Weinregalen Schulter an Schulter mit Einheimischen und Eingeweihten. Es gibt Tapas – ursprünglich eine Scheibe Brot, die auf ein Glas Wein oder Bier gelegt wurde, um Insekten fernzuhalten, heute köstliche Kleinigkeiten aus Fisch, Fleisch, Meeresfrüchten oder Gemüse.
Auch die Playa de Palma, lange ein Ort, der vor allem für den Ballermann bekannt war, verändert sich. Noch thront die Partyhochburg in der Mitte des Strandes, aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Denn jenseits der Bierseligkeit erlebt man zwischen Balneario 8 und 13 Mallorca von seiner besten Seite: gute Infrastruktur, viel Platz und atemberaubende Sonnenuntergänge. Am stilvollsten genießt man sie auf den Rooftops der neuen Luxushotels, die fast alle nach den Coronajahren entstanden, als man begriffen hatte, dass die Zukunft Mallorcas nicht mehr im Massentourismus liegt. Das Boutiquehotel »The Hype« etwa, hat nur acht Suiten, bietet aber puren Designluxus und den besten Blick auf die untergehende Sonne. Auch kulinarisch bietet die Playa de Palma inzwischen Erstklassiges: Etwa Austern, Kaviar oder Chateaubriand im »Al Faro Beach«, dem derzeit angesagtesten Restaurant am Balneario. Unter Palmenschirmen, in erster Meereslinie, umweht den Gast karibisches Flair mit Balearenblick. Mit dem »Al Faro Beach« hat sich Wirt Axel Schneider einen lang gehegten Wunsch erfüllt: anspruchsvolle, gastorientierte Gastronomie an einem Ort, der einst als Hochburg des Billigtourismus galt.
DIE STILLE FINDEN
Das vergangene Jahr war ein Jahr der Extreme auf den Balearen. 18,7 Millionen Urlauber landeten auf der Inselgruppe, die meisten davon auf Mallorca. Und doch gibt es inzwischen Möglichkeiten, dem Trubel zu entfliehen und zur Ruhe zu kommen. Am exklusivsten gelingt das mit einer eigens gemieteten Villa oder Finca. »The Private Hideaway« gehört zu den exklusivsten Anbietern auf der Insel und bietet moderne Designer-Fincas und Villen für acht bis zwölf Personen mit 24-Stunden-Full-Service. Das Motto: grenzenloser Komfort.
Kunden sollen sich über nichts den Kopf zerbrechen, alles wird organisiert: Shuttle, Golfplatz inklusive Ausrüstung, Fahrräder, Private Chef, Jacht, Restaurant- oder Show-Reservierungen, Hubschrauber. Sogar ein elektrisches Kart steht bereit – für die Fahrt zur nahe gelegenen Golfanlage oder für einen kleinen Ausflug ans Meer.
Grenzen verschmelzen
Waren vor Corona viele Gäste noch jeden Abend in einem anderen Restaurant unterwegs, wächst das Bedürfnis nach Ruhe und Abgeschiedenheit – es gibt inzwischen etwa 300 private Köche auf der Insel, die für Gäste in ihren Fincas kochen. Ein privates Hideaway hat auch Janina Zweig für sich und ihre Gäste erschaffen. Es liegt im noblen Puerto Portals im Südwesten der Insel und ist das kleinste Restaurant im Jachthafen. »Janina« bietet in erster Meereslinie gerade einmal mal Platz für 30 Gäste – eine echte Rarität auf Mallorca.
Der Betrieb ist so klein, dass es nicht einmal ein Kühlhaus gibt. »Wir kaufen jeden Tag frisch ein«, sagt Zweig. Für Gruppen ab zehn Personen wird das Restaurant zur geschlossenen Gesellschaft. Der Zubereitung der Speisen kann der Gast direkt beiwohnen. Der »Master-Tisch« liegt direkt neben der Kochstätte und so verschmelzen im Laufe des Abends die Grenzen zwischen Koch, Kellner und Gast. Nach einer kulinarischen Reise durch die Küchen Japans, Thailands und Spaniens wird es zum Schluss bodenständig österreichisch. Kaiserschmarren und Salzburger Nockerln schließen den Magen auf zünftige Weise.
Feiern in der Abgeschiedenheit
Noch etwas weiter westlich liegt Port d’Andratx. Das besondere an dem kleinen Yachthafen: Es gibt kaum Touristen, höchstens Tagesausflügler. Dieses Kuriosum ist so zu erklären, dass es um das Fischerdorf keine großen Hotels gibt, dafür aber unzählige Villen und Häuser im Besitz ausländischer Residenten. Im Nachbarort Camp de Mar liegt die Restaurant-Legende »Campino« direkt neben dem Golfplatz. Das komplett in weiß gehaltene Restaurant ist das einzige auf der Insel mit Hubschrauber-Landeplatz. Seit 25 Jahren gibt es hier gehobene italienische Küche, die sich der spanischen und deutschen nicht verschließt. Herausragend: Wassermelonen-Gazpacho als beste Abkühlung an heißen Tagen. Wenn es kälter wird, kommen auch schon mal Gänsebraten oder Rouladen auf den Tisch.
Eine Bucht weiter, in der Cala Llamp, in der es keinerlei Hotelbauten gibt, lässt sich der Abend hervorragend im »Gran Folies« ausklingen, einem Beachclub, zu dem Jeff Bezos gerne einen kulinarischen Abstecher macht, wenn er auf der Insel ist. Das »Gran Folies« ist der wohl abgelegenste Beachclub der Insel, aber auch einer der ältesten. In diesem Jahr wird auch hier der 25. Geburtstag gefeiert.
RUHIGE GASSEN, GUTER WEIN
Hoch im Norden, im Städtchen Pollença und weit weg von den Partyhochburgen treffen sich vor allem Menschen, die ein entspanntes Urlaubserlebnis suchen. Die Plaça Major ist das Herz der Gemeinde. Der weitläufige Platz wird von kleinen Lokalen gesäumt, wo Menschen ein Glas Wein genießen oder ein paar Tapas teilen. Ein Stück außerhalb liegt ein besonderer Ort für Weinliebhaber: die Bodega Can Axartell. Bis Ende der 1990er-Jahre bestand das Gelände – abgesehen von einigen Oliven- und Mandelbäumen – lediglich aus Brache, dominiert von einem stillgelegten Steinbruch, der wie eine offene Wunde in der Landschaft klaffte. Dann entdeckte der Hamburger Kosmetikunternehmer Hans-Peter Schwarzkopf das Gelände am Fuß des Penya Mascorda – und entwickelte darauf eines der nachhaltigsten Weingüter Mallorcas.
Can Axartell
Im einem Alter, wo andere in Ruhestand gehen, gründete Hans-Peter Schwarzkopf die Bodega Can Axartell – ein Weingut, das Maßstäbe in puncto Nachhaltigkeit setzt. Der Hamburger Unternehmer Hans-Peter Schwarzkopf, 91, hat mit der Bodega Can Axartell eines der nachhaltigsten Weingüter Mallorcas geschaffen. Nachdem er 1997 aus der Geschäftsführung seines Kosmetikunternehmens ausgeschieden und in den Ruhestand trat, hat der hanseatische Visionär ein neues Kapitel aufgeschlagen – und beweist, dass Unternehmergeist keine Altersgrenze kennt.
Falstaff: Herr Schwarzkopf, Sie haben 1997 ein Stück wildes Land nahe Pollença gekauft – das heutige Weingut. Doch ursprünglich wollten Sie dort Landwirtschaft betreiben …
Schwarzkopf: Während des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach lebte meine Familie auf dem Land. Nach der Schule half ich oft auf den umliegenden Höfen. Seitdem hat mich die Landwirtschaft nie wieder losgelassen. Mit dem Kauf von Can Axartell stand mir dann eine große Fläche Land zur Verfügung. So konnte ich mir den lang gehegten Wunsch erfüllen, mich einmal selbst als Landwirt zu versuchen. Gemeinsam mit meiner Familie spielte ich verschiedene Möglichkeiten durch: von Schafzucht bis zum Anbau von Kräutern. Bei historischen Recherchen fanden wir dann heraus, dass hier auf dem Gelände schon vor mehreren Jahrhunderten Wein angebaut wurde – das war für uns der Anstoß, es selbst zu versuchen.
Sie haben die Produktionsstätte in einen stillgelegten Steinbruch auf dem Gelände integriert. Wie hat sich das bewährt?
Nach der Integration der Bodega in den alten Steinbruch wurde der ursprüngliche Hang wiederhergestellt, indem der Bau mit Erde bedeckt wurde. Sichtbar bleiben nur die Eingangsfront und die Zufahrt – der Rest fügt sich nahezu unsichtbar in den Berg ein. Der einstige Schandfleck ist verschwunden, die Architektur in die Landschaft eingebettet. Die von Hand gelesenen Trauben gelangen direkt nach der Ernte in die Bodega und werden bei optimal kühler Temperatur verarbeitet – eine unerwünschte Vorgärung wird so vermieden. Im Inneren herrschen dank der natürlichen Gegebenheiten konstant 16 bis 18 °C – ideale Bedingungen für die Vinifikation und Lagerung, ganz ohne zusätzliche Kühlung.
Nachhaltigkeit spielt bei Ihnen eine große Rolle. Woran lässt sich das konkret ablesen?
Zum Beispiel werden bei uns alle Weine nach dem Gravitationsprinzip – der »Mètode Gravetat« – hergestellt. Trauben und Maische bewegen sich allein durch Schwerkraft. Auf mechanische Pumpen wird vollständig verzichtet, um die Trauben so schonend wie möglich zu verarbeiten und ihre feinsten Aromen zu bewahren.
Neben ökologisch zertifiziertem Anbau setzt die Bodega auf eine auf Mallorca einzigartige Gravitationskelterung. Anstatt mechanischer Pumpen folgen Trauben und Maische ausschließlich der natürlichen Schwerkraft – ein besonders schonender Prozess. Auch wenn Schwarzkopf mit dem Weinbau eine neue Branche betrat, verzichtete er nicht auf eine augenzwinkernde Reminiszenz an seine Wurzeln im Familienunternehmen: Seine Weinflaschen ziert ein Konterfei – ähnlich wie man es von den Shampooflaschen aus dem Hause Schwarzkopf kennt.
Wer die Ruhe auf Mallorca sucht, wird sie finden. Auch wenn wirkliche Exklusivität wie überall ihren Preis hat. Die Zukunft der Insel liegt jedenfalls nicht mehr bei Freibier und überfüllten Stränden. Mallorca kehrt zu seinen Wurzeln zurück.
Zu den schönsten Rückzugsorten und Genussadressen