Butterglocke statt Tiefkühlpizza: Gen Z entdeckt die Küche neu
Butterglocke, Einmachglas, Vorratsraum: Was wie Nostalgie aussieht, ist für viele junge Menschen eher ein Gegenentwurf. »Nonna-Maxxing« nennt sich das – und trifft einen Nerv.
Es begann unscheinbar. Im Bekanntenkreis wünschte sich jemand eine Butterglocke zum Geburtstag. Der Algorithmus griff das dankbar auf – und spülte ein Video nach dem nächsten in die Timeline. Erst wurde Butter selbst gemacht, dann in kunstvollen Glocken gelagert, wie früher bei Oma. Kurz darauf wurden Saucen stundenlang gerührt – per Hand, nicht mit dem Thermomix. Dann folgten perfekt sortierte Speisekammern mit Regalen voller eingelegtem Gemüse.
Was überrascht: Hinter der Kamera stehen fast immer junge Menschen. Sie lassen Kochtraditionen wieder aufleben, die viele von ihnen selbst nie erlebt haben. Und das nicht aus reiner Nostalgie, sondern als Gegenbewegung zu einem Alltag, der aus endlosem Scrollen, Liefer-Apps und permanenter Erreichbarkeit besteht. Im Netz hat das längst einen Namen: »Nonna-Maxxing« – bei dem das Suffix »-maxxing« für das maximale Ausschöpfen bestimmter Lebensbereiche steht und hier ironisch auf den Lebensstil von Großmüttern übertragen wird. Gemeint sind genau jene Praktiken, die lange als altmodisch galten: langsames Schmoren, Einmachen, Brotbacken, Vorratshaltung.
Weniger Retro-Geste
Auffällig ist, dass es dabei weniger um perfekte Rezepte geht als um Rituale. Kochen wird zu etwas, das sich entzieht. Ein Prozess, der sich nicht beschleunigen lässt, ohne seinen Sinn zu verlieren. Eine Sauce braucht Zeit, egal wie effizient der Tag organisiert ist. Ein Teig geht nicht schneller, nur weil man es möchte. Genau darin liegt der Reiz.
Dazu passen auch die Dinge, die wieder in den Küchen auftauchen. Die Butterglocke ist eines der sichtbarsten Beispiele: ein schlichtes Gefäß mit Wasserreservoir, das Butter ohne Kühlschrank frisch hält. Was früher selbstverständlich war, wirkt heute fast exotisch – sieht aber so schön aus, dass die Generation Z gar nicht anders kann als es zu romantisieren. Ebenso kehren Emailletöpfe, schwere Steinzeugschüsseln oder Einmachgläser zurück. Nicht als Retro-Geste, sondern weil sie sich zudem ästhetisch inszenieren lassen.
Natürlich wird inszeniert
Parallel dazu verändert sich der Blick auf Vorräte. Die Speisekammer – lange ein Sinnbild für Mangel oder Altbackenheit – wird plötzlich wieder praktisch gedacht. Wer Vorräte sichtbar lagert, kocht anders. Kauft anders ein, wirft weniger weg, plant bewusster.
Und doch bleibt eine gewisse Ironie: Ausgerechnet eine Bewegung, die Entschleunigung feiert, entfaltet sich auf Social Media. Natürlich wird inszeniert. Aber anders als früher. Statt Hochglanz dominieren Szenen aus dem Alltag: dampfende Töpfe, beschriftete Gläser, einfache Zutaten, die langsam verarbeitet werden. Die Ästhetik ist ruhig, fast beiläufig – und genau darin liegt ihre Wirkung.
Wie viel Tempo verträgt der Alltag?
Die »Nonna«, auf die sich der Trend bezieht, ist dabei weniger reale Figur als Idee. Niemand lebt tatsächlich wie eine italienische Großmutter. Aber das Bild funktioniert. Es steht für eine Küche, in der nichts nebenbei passiert. In der Essen mehr ist als schnelle Versorgung.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem dieser Trend hängen bleibt. Nicht bei der Butterglocke, nicht beim Einmachglas, nicht einmal bei der Speisekammer. Sondern bei der Frage, wie viel Tempo ein Alltag wirklich braucht – und wo es sich lohnt, es bewusst herauszunehmen.
Dass eine Generation, die mit maximaler Beschleunigung aufgewachsen ist, ausgerechnet darin einen Wert entdeckt, wirkt zunächst widersprüchlich. Ist es aber nicht. Sondern ziemlich folgerichtig.