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Darum rettete Kimchi Seefahrer vor Skorbut

Wissenschaft
Fermentation
Südkorea

Kimchi gilt als Seele der koreanischen Küche, Sauerkraut als bodenständiger Klassiker Mitteleuropas. Was beide verbindet, ist nicht nur ihr unverwechselbarer Geschmack, sondern vor allem ein Herstellungsprozess: die Fermentation. Welche Benefits bringt sie?

In allen Kulturen und fast allen Epochen kennt man fermentierte Lebensmittel, und das mit gutem Grund. Fermentation ist ein natürlicher biologischer Prozess, bei dem Mikroorganismen wie Bakterien, Hefen oder Pilze Nahrungsbestandteile umwandeln. Beim fermentierten Gemüse sind vor allem Milchsäurebakterien – sogenannte Laktobazillen – aktiv. Sie verstoffwechseln pflanzliche Kohlenhydrate und Ballaststoffe zu Milchsäure. Dadurch sinkt der pH-Wert, was das Wachstum unerwünschter Keime hemmt und das Lebensmittel auf natürliche Weise konserviert. Gleichzeitig verändern sich Geschmack, Textur und Aroma: Aus rohem, oft schwer verdaulichem Gemüse wird ein säuerliches, komplex schmeckendes und bekömmlicheres Produkt.

Kulturell verankert

Im deutschsprachigen Raum ist Sauerkraut das bekannteste Beispiel für milchsauer vergorenes Gemüse. Doch auch Salzgurken, Kapern, grüne Oliven oder Salzzitronen entstehen durch denselben Prozess. Auf einen Fermentationsprozess gehen auch noch andere bei uns beliebte Produkte zurück. So sind weder Vanille und Schwarztee noch schwarzer Knoblauch von Haus aus schwarz. Ihre Farbe und ihr typisches Aroma entwickeln sie im Zuge der Fermentation. Auch für Kaffee und Kakao ist die Fermentation, bei der Milchsäurebakterien und Hefen im Spiel sind, entscheidend für das spätere Aroma.

In anderen Esskulturen ist fermentiertes Gemüse ebenfalls ein fixer Bestandteil: In Korea gehört Kimchi – meist aus Chinakohl, ergänzt durch Rettich, Knoblauch, Ingwer und Chili – zu nahezu jeder Mahlzeit. Die UNESCO ernannte 2013 die gemeinschaftliche Herstellung von Kimchi sogar zum immateriellen Kulturerbe. In China ist Pao Cai verbreitet – verschiedenes Gemüse, das in Salzlake fermentiert wird –, während in Thailand fermentierter Senfkohl (Som Pak) geschätzt wird. Auch Sojasauce, Miso und Tempeh zählen zu den fermentierten Produkten, wenngleich hier der Prozess nicht auf der Salzzugabe gründet, sondern verschiedenen Schimmelpilzen zu verdanken ist. Trotz regionaler Unterschiede ist all den Lebensmitteln gemeinsam, dass sie regelmäßig und nicht nur als gelegentliche Beilage konsumiert werden – ein Punkt, der auch aus gesundheitlicher Sicht relevant ist.

Für ein vielfältiges Mikrobiom

Der gesundheitliche Nutzen fermentierten Gemüses hängt eng mit dem Darmmikrobiom zusammen. Der menschliche Darm beherbergt Milliarden von Mikroorganismen aus Tausenden verschiedenen Arten. Dieses komplexe Ökosystem erfüllt in gesundem Zustand essenzielle Funktionen: Es hilft bei der Verdauung unverdaulicher Ballaststoffe, produziert Vitamine, Hormone und Botenstoffe und steht in ständigem Austausch mit dem Immunsystem. Ist das Mikrobiom vielfältig und ausgewogen, wirkt es stabilisierend auf die Gesundheit. Gerät es aus dem Gleichgewicht, wird es mit einer Vielzahl von Erkrankungen in Verbindung gebracht – von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen über Allergien und Autoimmunerkrankungen bis hin zu Adipositas, Diabetes und sogar neurologischen Erkrankungen wie Depression oder Demenz.

Die guten Bakterien fördern

Fermentiertes Gemüse kann dieses mikrobielle Gleichgewicht positiv beeinflussen. Es liefert lebende Mikroorganismen, die als Probiotika wirken können, und gleichzeitig Ballaststoffe, die als Präbiotika den bereits vorhandenen Darmbakterien als Nahrung dienen. Laktobazillen aus fermentierten Lebensmitteln produzieren unter anderem kurzkettige Fettsäuren. Diese versorgen die Darmzellen mit Energie, wirken entzündungshemmend und senken den pH-Wert im Darm – Bedingungen, unter denen sich nützliche Bakterien besser vermehren, während potenziell schädliche Keime zurückgedrängt werden.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Wechselwirkung zwischen Mikrobiom und Immunsystem. Darmbakterien bilden eine Art biologische Schutzbarriere, indem sie die Darmschleimhaut besiedeln und Krankheitserregern den Platz streitig machen. Gleichzeitig »trainieren« sie das Immun-system, angemessen auf Bedrohungen zu reagieren. Fermentiertes Gemüse kann diese Schutzfunktion unterstützen, indem es die bakterielle Vielfalt erhöht und stabile mikrobielle Gemeinschaften fördert.

Fermentationsplus

Auch auf der Ebene der Nährstoffversorgung zeigt sich ein klarer Fermentationsvorteil. Durch den mikrobiellen Abbau werden beispielsweise bestimmte Mineralstoffe besser verfügbar. Sauerkraut ist zudem eine bedeutende Vitamin-C-Quelle – historisch ein entscheidender Faktor, um Seefahrer vor Skorbut zu schützen. Für Menschen, die sich vegan ernähren, ist fermentiertes Gemüse ebenfalls relevant, da Vitamin B12 außerhalb tierischer Produkte vor allem in fermentierten pflanzlichen Lebensmitteln vorkommt.

Nicht zuletzt erweitert Fermentation das Aromenspektrum und steigert die Bekömmlichkeit. Viele Menschen vertragen fermentiertes Gemüse besser als unverarbeitetes, da es bereits »vorverdaut« ist.

Ob vergorenes Gemüse, Sojaprodukte oder Tee und Kaffee – regelmäßig konsumiert, können fermentierte Lebensmittel einen wertvollen Beitrag zu einem gut funktionierenden Darmmikrobiom leisten, die Nährstoffversorgung verbessern, die Vielfalt am Teller steigern und in Summe die Gesundheit fördern.


Erschienen in
Falstaff Magazin Deutschland Nr. 2/2026

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Marlies Gruber
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