Zum Inhalt springen
© Shutterstock

Kaffee am Morgen: Muntermacher oder Stressfaktor?

Kaffee
Wissenschaft

Wach oder einfach nur gestresst? Der morgendliche Kaffee wirkt wie ein biochemisches Abenteuer: Studien zeigen, was im Körper tatsächlich passiert.

Der erste Kaffee des Tages hat für viele wenig mit Genuss zu tun, sondern gleicht einer Notwendigkeit. Ohne ihn läuft nichts. Doch genau da beginnt die eigentliche Frage: Hilft uns Kaffee wirklich in den Tag – oder bringt er den Körper von Anfang an nur in Alarmbereitschaft?

Seine Wirkung setzt zumindest nachgewiesen schnell ein. Koffein blockiert im Gehirn den Botenstoff Adenosin, der Müdigkeit signalisiert. Stattdessen gewinnen aktivierende Neurotransmitter wie Dopamin und Noradrenalin die Oberhand – wir fühlen uns wacher, fokussierter, präsenter. Genau dieser Effekt macht Kaffee zum verlässlichen Muntermacher.

Wach oder gestresst?

Doch parallel passiert noch etwas anderes – und das ist weniger offensichtlich. Der Körper schüttet Cortisol aus, unser zentrales Stresshormon. Dass Koffein diesen Prozess beeinflusst, beweist unter anderem der US-Forscher William Lovallo von der University of Oklahoma: In seinen Untersuchungen stieg der Cortisolspiegel nach Koffeinaufnahme messbar an, besonders dann, wenn Proband:innen zusätzlich mental gefordert waren. Der Körper reagiert also nicht nur mit Wachheit, sondern auch mit einer leichten Stressantwort.

Und genau hier wird es interessant: Am Morgen ist der Cortisolspiegel ohnehin auf seinem Tageshoch – ein natürlicher Mechanismus, der uns überhaupt erst wach werden lässt. Wer jetzt direkt Kaffee trinkt, verstärkt diesen Effekt. Der »Kick«, den viele spüren, ist also nicht nur Wachheit, sondern auch ein biologisches Signal von Aktivierung – oder zugespitzt: ein sanfter Stressimpuls.

Stresst Kaffee nur die Ungeübten?

Dass dieser Effekt nicht bei allen gleich stark ausfällt, zeigt ein Blick auf das Herz-Kreislauf-System. Forschende der Duke University konnten bereits Anfang der 2000er-Jahre nachweisen, dass Koffein Blutdruck und Adrenalinspiegel steigen lässt. Besonders deutlich fällt das bei Menschen aus, die selten Kaffee trinken. Bei regelmäßigen Konsument:innen hingegen reagiert der Körper gelassener – eine Anpassung, die auch Michael Kennedy und sein Team 2008 beschrieben haben: Wer täglich Kaffee trinkt, zeigt deutlich geringere Schwankungen bei Puls und Blutdruck als Gelegenheitskonsumenten.

Heißt das also: Kaffee stresst nur die Ungeübten? So einfach ist es nicht. Neuere Untersuchungen, etwa von der University of North Carolina, deuten darauf hin, dass auch Gewohnheitstrinker unter bestimmten Bedingungen eine stärkere Cortisolreaktion auf Stress zeigen können – allerdings nicht durch den Kaffee allein, sondern durch das Zusammenspiel aus Koffein und Alltagssituationen.

Richtiges Timing

Und trotzdem: Kaffee bleibt ein Stimmungsbooster. In derselben Studie berichteten viele Teilnehmende, dass sie sich nach der ersten Tasse deutlich motivierter und positiver fühlten. Ein Effekt, der sich biochemisch erklären lässt – und vielleicht auch psychologisch. Denn der Kaffee am Morgen ist nicht nur ein Wirkstoff, sondern ein Ritual.

Was bleibt also von der Ausgangsfrage? Kaffee ist beides: Muntermacher und potenzieller Stressfaktor. Er macht wach, steigert die Konzentration und hebt die Stimmung – kann aber gleichzeitig physiologische Prozesse anstoßen, die den Körper in erhöhte Aktivität versetzen.

Der Unterschied liegt im Detail: im Timing, in der Menge, in der Gewohnheit. Wer seinen Kaffee bewusst trinkt, nutzt seine Stärken. Wer ihn reflexartig zum falschen Moment einsetzt, bekommt vielleicht mehr Aktivierung, als ihm lieb ist.


Redaktion
Mehr zum Thema
1 / 12