Essay: Der Dritte Ort - eine Ode an den After-Work-Drink
Der After-Work-Drink in der Bar gehört für viele Menschen zum festen Ritual, ob allein oder nicht. Was macht die Magie des Ortes aus, den man nach einem anstrengenden Tag immer noch lieber aufsucht als die heimatliche Couch? Ein Plädoyer für den wohlverdienten Absacker.
Es war der US-amerikanische Soziologe Ray Oldenburg, der den Begriff des »third place« geprägt hat. Sein bekanntestes Buch dazu, namentlich »The Great Good Place«, trug damals den Untertitel »Cafes, Coffee Shops, Community Centers, General Stores, Bars, Hangouts, and How They Get You through the Day«. Bars gehören demnach zu den Orten, die uns durch den Alltag bringen. Das verwundert uns natürlich nicht.
Merkmale, die diese sogenannten dritten Orte auszeichnen gibt es zwar, doch welche das am Ende genau sind, darüber streitet man sich bis heute. Konsens herrscht lediglich darüber, dass sie die Bereiche des häuslichen Lebens einerseits und den Bereich der Arbeit andererseits um einen Ort ergänzen, der weder mit dem einen noch mit dem anderen zu tun hat. Er ist vielmehr ein Ort, an dem das soziale Leben kultiviert, an dem ein Ausgleich geschaffen und ein Treffpunkt gebildet wird. Nun haben wir unsere über die Jahrzehnte lieb gewonnenen Dritten Orte während der Pandemie ziemlich vernachlässigt, allen voran die Gastronomie. Das war nicht nur unerfreulich, sondern geradezu ungesund. Die Zahl an Depressionen ist spürbar gestiegen und die an problematischem Alkoholkonsum und chronischen sozialen Störungen nicht minder.
Endlich mal nichts leisten
Inzwischen haben wir zudem bemerkt, dass Remote Work besser funktioniert als gedacht, was einerseits die sozialen Kontakte weiter beschränkt und andererseits die Bar als kulturelles und soziales Etablissement noch wichtiger macht als je zuvor. Abgesehen von der eigentlich nützlichen Wegdistanz vom Job nach Hause – die Zeit, in der man sich mental auf die Familie vorbereiten kann, sich möglicherweise aber auch vor dem Alleinsein drückt – ist die Bar eine etablierte Art des Auffangens. Es muss diesen kontemplativen Ort zwischen Arbeit und Familie geben. Am besten bei einem Schluck aus dem Weinglas oder Tumbler. Der kann auch alkoholfrei sein, bloß muss er in dieser Art nirgendwo stattfinden, weder hier noch dort. Wo man unverbindlich auf Menschen trifft, deren sozialer und emotionaler Kontext neutral ist; wo ein Gastgeber und nicht Chef, Partner oder WG-Gefährte die Stimmung beherrscht und wo einfach mal nichts geleistet werden muss. Außer vielleicht einer Bestellung. Der After-Work-Drink ist der Inbegriff dessen, was die Bar als Dritter Ort leistet. Er liegt auf dem Weg zwischen zwei mit Aufgaben belasteten Säulen, die das Leben tragen.
Die Bar ist eine etablierte Art des Auffangens, ein Ort, an dem einfach mal nichts geleistet werden muss, außer vielleicht einer Bestellung
Die Bar belohnt für Vieles
Nur, es fehlt ihnen das verdiente Lob des Müßiggangs – der Tätigkeit, die von einer wirklichen Funktion und einem »um zu …« befreit ist. Es sei denn, man möchte den Mensch hinter dem Tresen mit seinem massiven Gin- oder Tonic-Wissen bezirzen – was für alle Beteiligten äußerst anstrengend sein kann und dem eigentlichen Zweck eines After-Work-Drinkings irgendwie widerspricht. Laura Maria Marsueschke ist Inhaberin der Neuköllner »Thelonious Bar« und hat dazu einen ganz speziellen Blinkwinkel – nämlich den von der anderen Seite der Bar »Auch nach zehn Jahren am Tresen dieser Bar weiß ich, weshalb ich Gastronomin geworden bin: Ich will Menschen eine schöne und wertvolle Zeit bereiten. Schön ist die Zeit auf der Arbeit für viele Gäste nicht unbedingt, und so richtig wertvoll fühlt es sich auf dem Sofa auch nicht immer an. Aber in der Bar passiert etwas, man kann sich belohnen für den Arbeitstag und dennoch seine Freizeit aktiv gestalten.«
Verlockung der Zwischenwelt
Es ist also diese Zwischenform von Fremdbestimmung und Selbstkontrolle, die am Tresen auf die bestmögliche Weise stattfindet. Der Selbstbestimmungsfaktor auf der Arbeit ist – je nach Job – nicht besonders hoch. Wir sind abhängig von Zahlen aller Art, ob sie nun in Fristen oder Geldern daherkommen. Auch die Familie wird man schwerlich los, wenngleich es einen gewissen Gestaltungsspielraum gibt. Aber auch einen ganzen Haufen an Verantwortung. Letztere reduziert sich im Falle der Bar auf ein freundliches Wesen und vernünftigen Alkoholkonsum, beides ist für die meisten Menschen machbar.
Natürlich bedeutet die heimatliche Couch Entspannung. Aber sie schmeckt und riecht nicht nach Holz, Torf und Leder und sie kommuniziert nicht über professionell kuratierte Musik und Worte. Auf der Couch bleibe ich mir restlos selbst überlassen – in guter wie auch in schlechter Hinsicht. Verantwortung ist eine schöne Sache, aber doch bitte gerne nicht immerzu so viel davon. Die Bar und der Raum, den sie schafft, versammelt jedoch das Beste zweier Welten – und schließt ihr Unangenehmes aus. Einen besseren Dritten Ort als sie gibt es nicht.
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