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Froschschenkel: Quakendes Unrecht?

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Als Kind waren Froschschenkel die Lieblingsspeise des Autors. Was ihm damals nicht bewusst war: Für den europäischen Markt werden jährlich Millionen Fröschen bei lebendigem Leib die Beine abgetrennt. Würde ihm das Gericht angesichts dieser Tatsache heute noch schmecken? Ein Selbstversuch.

Als ich klein war, gab es für mich kaum etwas Schöneres, als mit meiner Familie zum Essen ins Elsass zu fahren. Unser Stammlokal hieß »Cheval Noir«, was für mich in Ermangelung von Französischkenntnissen wie eine Verheißung klang. »Schwarzes Pferd« hätte meine Fantasie wohl kaum so beflügelt.

Dort gab es ein Gericht, das aufregender war als alles, was bis dahin in meiner Vorstellung existierte: Froschschenkel. Und zu meiner großen Freude durfte ich die zarten Beinchen sogar mit den Händen essen. Ob dieser Genuss moralisch vertretbar war, darüber machte ich mir in meiner kindlichen Unschuld natürlich keine Gedanken.

Appetit auf Hinterbeine

Tierschutzorganisationen wie Pro Wildlife zufolge verzehren wir Europäer jährlich rund 4000 Tonnen Froschschenkel, was dem Leben von etwa 200 Millionen Fröschen entspricht. An der Spitze des Konsums steht, wenig überraschend, Frankreich. Vittel, ein Kurort in den Vogesen, der den meisten durch sein Mineralwasser bekannt ist, bildet das Zentrum dieses umstrittenen Genusses.

Während des dortigen »Jahrmarkts der Frösche« wandern jährlich innerhalb von nur drei Tagen ganze sieben Tonnen Froschschenkel über die Verkaufstheken – als Füllung von Pasteten oder Quiches, als Suppeneinlage, Frikassee, knusprig frittiert oder klassisch in Knoblauchsoße.

Auf dem »Jahrmarkt der Frösche« werden Froschschenkel am liebsten frittiert gegessen.
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Auf dem »Jahrmarkt der Frösche« werden Froschschenkel am liebsten frittiert gegessen.

Hierzulande sind Froschschenkel meist in Spezialitätenrestaurants, bei ausgewählten Fischhändlern oder über das Internet erhältlich. »Fisch Gruber« etwa, das älteste Fischgeschäft auf dem Wiener Naschmarkt, bietet über seinen Online-Shop 800 Gramm tiefgekühlte Froschschenkel für stolze 39,50 Euro an, importiert aus Indonesien.

Folgen für die Umwelt

Das südostasiatische Land ist der weltweit größte Exporteur von Froschschenkeln, gefolgt von Vietnam, Taiwan, China und der Türkei. Dort werden Fröschen bei lebendigem Leib die Wirbelsäule durchtrennt und die Hinterbeine abgehackt. Der vordere Teil des Tieres verblutet qualvoll, während die Schenkel gehäutet und für den Export vorbereitet werden. Regionales Froschfleisch hingegen sucht man vergeblich.

 

Die Umweltfolgen des massenhaften Froschfangs werden damit einfach auf andere Kontinente verlagert.

 

Als die Froschpopulation in Europa einen alarmierenden Tiefstand erreichte, kamen die Parlamentarier in Brüssel nämlich auf eine raffinierte Idee: mit der Fauna-und-Flora-Habitat-Richtlinie ersannen sie ein Gesetz, das zwar die Jagd auf einheimische Kröten verbot, den Import und den Verzehr von Froschschenkeln jedoch unberührt ließ. So konnte sich der europäische Artbestand erholen, ohne dass die Essgewohnheiten eines einzigen EU-Bürgers eingeschränkt wurden. Ein politisches Meisterwerk – oder, anders gesagt, ein ziemlich unsauberer Trick: Denn die Umweltfolgen des massenhaften Froschfangs wurden damit einfach auf andere Kontinente verlagert.

Indonesien ist der weltweit größte Exporteur von Froschschenkeln.
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Indonesien ist der weltweit größte Exporteur von Froschschenkeln.

Folgen für die Umwelt

Die Brutalität der Tötungsmethoden ist zwar ein schwerwiegender Grund, weshalb der Verzehr von Froschschenkeln so problematisch ist. Noch bedenklicher sind jedoch die ökologischen Folgen des Froschfangs. Die quakenden Amphibien übernehmen als Insektenvernichter eine wichtige Aufgabe für Mutter Natur – wo sie verschwinden, steigt der Einsatz giftiger Pestizide, die unbemerkt durch die Nahrungskette in unsere Lebensmittel und schließlich in unseren Körper gelangen.

Und damit nicht genug: Mit dem Rückgang der Froschpopulation wächst auch die Gefahr von Krankheiten, die durch Mücken übertragen werden, zum Beispiel Malaria. Die heimtückische Tropenkrankheit fordert bis heute pro Jahr über 600.000 Tote. Der Großteil davon: Kinder unter fünf Jahren.

Würde mein Lieblingsgericht aus Kindertagen heute noch schmecken, wenn ich es mit dem feinjustierten moralischen Kompass eines 33-Jährigen bewerte?

»comme les faisait Papa«

Um das herauszufinden, wende ich mich an eine Bekannte im Elsass, die mir das Traditionslokal »Au Cerf« in Roeschwoog empfiehlt, nur etwa 15 Kilometer von der deutsch-französischen Grenze entfernt. Hier, so verspricht die Speisekarte, sind Froschschenkel eine Hausspezialität und werden »nach Papas Art« zubereitet – »comme les faisait Papa«, wie es im Französischen so schön heißt: paniert, in Knoblauchbutter, verfeinert mit Petersilie und Röstzwiebeln. Zu einem Preis von 21 Euro.

Froschschenkel »nach Papas Art« zubereitet: paniert, in Knoblauchbutter, verfeinert mit Petersilie und Röstzwiebeln.
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Froschschenkel »nach Papas Art« zubereitet: paniert, in Knoblauchbutter, verfeinert mit Petersilie und Röstzwiebeln.

Doch bereits mit dem ersten Bissen stellt sich bei mir Ernüchterung ein. Die Konsistenz erinnert an Hähnchen, vielleicht etwas zarter. Geschmacklich ist das Froschfleisch hinter der knusprigen Hülle und dem intensiven Mantel aus Knoblauch und Butter jedoch nicht auszumachen – ähnlich wie bei Chicken-Nuggets, deren Reiz mehr in der Panade als im eigentlichen Inhalt liegt.

Vielleicht war es ja genau das, was mich als Kind so begeistert hat. Aber rechtfertigt das wirklich das Töten von Fröschen?

Lebensmittelkonsum und Moral

Deutschland-Chefredakteur Sebastian Späth schreibt ab sofort regelmäßig über umstrittene Delikatessen und unethisch gewonnene Lebensmittel, ihren Ursprung und Alternativen – ohne erhobenen Mahnfinger, dafür mit überraschenden Hintergründen und Perspektiven.

 

Sebastian Späth
Sebastian Späth
Chefredakteur
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