Im Airfryer-Fieber: Heißluft für Fortgeschrittene
Der Air Fryer galt lange als Kapitulation vor dem richtigen Kochen. Trotzdem steht schon in jeder zweiten Küche einer. Warum eigentlich? Unser Autor hat es erst verstanden als er Vater wurde – und verrät seine Lieblings-Heißluftgerichte.
Lange habe ich den Air Fryer mit jener stillen Überlegenheit verachtet, die man sich leistet, wenn man das Ansetzen einer Beurre blanc beherrscht. Das ist eine klassische französische Buttersauce, bei der man Weißwein reduziert und eiskalte Butter einarbeitet, bis eine samtige Emulsion entsteht, die auf dem Teller aussieht wie großes Können. Ich beherrsche das. Ich habe eine Meinung über Carbonstahl-Pfannen. Kurz: Ich nehme Kochen ernst. Oder nahm es. Dann kam mein Sohn auf die Welt.
Genauer gesagt: ein Kind, das um 18 Uhr weder Beurre blanc noch eine Meinung über Pfannenmaterial akzeptiert, sondern einfach essen will. Sofort. Wer dieses Gefühl kennt, ein erschöpftes Kleinkind im Arm, einen leeren Kühlschrank im Blick und irgendwo tief in sich noch die Hoffnung auf ein halbwegs anständiges Abendessen, der weiß, was dann passiert. Man greift nicht zur Pfanne. Man greift zum Air Fryer. Und ist überrascht.
Der bessere Mensch in der Küche?
Das Gerät tut so, als wäre jede Idee eine gute. Tiefkühlpommes? Gerne. Halbgefrorene Hähnchenbrust? Moment, ich mach das. Er stellt keine Fragen. Er seufzt nicht. Er schaut einen nicht mit jenem leisen Vorwurf an, den eine heiße Pfanne entwickelt, wenn man kurz wieder Instagram checkt. Er ist, mit einem Wort, der bessere Mensch in der Küche. Dabei ist er technisch schlicht ein kompakter Umluftofen: Heiße Luft zirkuliert mit hoher Geschwindigkeit im kleinen Garraum, erzeugt gleichmäßige Bräunung, braucht kaum Fett. Was es davon abhebt, ist Temperament: Es hat keines.
Gourmetküche aus dem Airfryer
Lachsfilet mit Misoglasur, Ingwerschaum und geröstetem Sesam
• Einen Esslöffel weißes Miso mit einem Teelöffel Mirin (süßem Reiswein), einem Teelöffel Reisessig und einem halben Teelöffel Sesamöl verrühren.
• Zwei Lachsfilets ohne Haut (je etwa 160 Gramm) damit bestreichen und 15 Minuten ziehen lassen. Auf Backpapier bei 200 Grad zehn bis zwölf Minuten garen: außen karamellisiert, innen noch rosig.
• Für den Ingwerschaum 150 Milliliter Fischfond mit einem Teelöffel frisch geriebenem Ingwer aufkochen, zwei Esslöffel kalte Butter einrühren und mit dem Stabmixer aufschäumen: sofort servieren. Dazu Jasminreis und Pak Choi, den man einfach fünf Minuten bei 180 Grad ebenfalls im Air Fryer zubereitet und mit Sesamöl beträufelt.
• Schwarzen und weißen Sesam rösten, über alles streuen. Garzeit 15 Minuten.
Und er liefert nahezu alles. Semmeln aufbacken? Drei Minuten, kein Vorheizen, besser als der Ofen. Gestrige Pizza? Besser als frisch. Schokoküsse? Man legt sie rein, wartet 90 Sekunden, und erhält etwas, das zwischen Nachtisch und Kindheitserinnerung liegt.
Es ist auch durchaus möglich, dass der Air Fryer das einzige Gerät der Welt ist, das aus einem Schokokuss ein Dessert macht. Ich habe darüber nachgedacht, ob das ein Argument für oder gegen ihn ist. Ich bin zu keinem Ergebnis gekommen.
Ist das Ergebnis nun gesünder?
Jeder zweite Haushalt in Deutschland besitzt inzwischen eines dieser Geräte. Die Tendenz ist weiter steigend, allein 2024 wuchsen die Verkaufszahlen um 83 Prozent. In den USA haben sogar zwei Drittel aller Haushalte einen Air Fryer. Auf TikTok haben Air-Fryer-Inhalte über 570 Millionen Aufrufe gesammelt – 570 Millionen!!
All-Time-Favorite
Hähnchenschenkel mit Zitrone, Thymian (oder Rosmarin) und Kapernbutter
• Vier Hähnchenschenkel trocken tupfen: Das ist entscheidend für die Kruste, kein optionaler Schritt. Mit einem Esslöffel Olivenöl, Zitronenabrieb, einem Teelöffel frischem Thymian (wahlweise Rosmarin), Fleur de Sel und Pfeffer einreiben und mindestens 30 Minuten marinieren.
• Air Fryer auf 180 Grad, Schenkel mit der Hautseite nach oben, 30 Minuten. Keine weitere Aufmerksamkeit nötig. Wirklich keine. Für die Kapernbutter 50 Gramm Butter schmelzen, einen Esslöffel grob gehackte Kapern, etwas Zitronensaft und glatte Petersilie einrühren und kurz vor dem Servieren über die Schenkel löffeln. Dazu geröstetes Weißbrot oder Polenta und das Gefühl, man hätte sich mehr Mühe gegeben als tatsächlich nötig.
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Ist das Ergebnis nun gesünder? Gegenüber der klassischen Fritteuse: ja, klar. Im Vergleich entsteht bis zu 90 Prozent weniger Acrylamid, jene Verbindung, die beim Erhitzen von Stärke entsteht und als potenziell krebserregend gilt. Gegenüber dem Backofen: kaum. Wer glaubt, Tiefkühlpommes werden durch Heißluft zu einem Salat, irrt sich. Sie werden nur etwas weniger ungesund: kein Freifahrtschein, aber immerhin. Der eigentliche Vorteil liegt woanders: keine Fettspritzer, kein Rauch, kein panisches Fensteraufreißen. Und die Erkenntnis: Nicht jede Mahlzeit bedarf großer Kochkunst.
Vegetarisch
Blumenkohl mit Ras el Hanout, Granatapfel und Feta-Creme
• Einen kleinen Blumenkohl in gleichmäßige Röschen teilen, mit zwei Esslöffeln Olivenöl, eineinhalb Teelöffeln Ras el Hanout, Salz und einer Prise Chili-Flocken vermengen. Bei 200 Grad rund 18 Minuten garen, nach der Hälfte einmal schütteln.
• Die Röschen brauchen dunkelgoldene Ränder: das ist kein Unfall, das gehört so. Für die Feta-Creme 100 Gramm Feta mit zwei Esslöffeln griechischem Joghurt, einem Esslöffel Olivenöl und etwas Zitrone glatt pürieren, auf einem Teller ausstreichen und den Blumenkohl darauf anrichten.
• Granatapfelkerne und gehackte Minze drüber, ein guter Schuss Olivenöl zum Schluss. Sieht aus wie im Restaurant, dauert maximal 25 Minuten.