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Kann eine mathematische Formel das bekannteste Restaurant-Dilemma lösen?

Restaurant

Diese Frage hat wohl jeden schon einmal am Restauranttisch beschäftigt: Wieder das vertraute Lieblingsgericht bestellen oder doch etwas Neues wagen? Die Mathematik hat darauf eine erstaunlich klare Antwort.

Dass Menschen Gewohnheitstiere sind, zeigt sich meist anhand kleiner Alltagsszenarien. Beispielsweise, wenn man morgens seinen Kaffee gezielt aus der gleichen Tasse trinkt oder im Büro lieber auf demselben Platz sitzt, obwohl offiziell eine Shared-Desk-Policy herrscht. Im Restaurant folgen Gäste ebenfalls gern vertrauten Mustern: Da wird nicht lange über der Karte gebrütet, sondern direkt das Gericht angesteuert, das schon beim letzten Besuch überzeugt hat.

Doch manchmal schleicht sich eben doch eine bekannte Frage ein, während man die Speisekarte studiert: Wählt man sein Standardgericht, das niemals enttäuscht, oder probiert man etwas Neues und geht das Risiko ein, im Nachhinein mit seiner Wahl unzufrieden zu sein? Ein echtes Dilemma! Aber eines, das sich mathematisch lösen lässt.

Lohnt sich kulinarische Treue?

Ende der 1970er-Jahre zückte der Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman in einem thailändischen Restaurant einen Stift und kritzelte kurzerhand eine Formel auf ein Papier, mit der er das besagte Problem mathematisch löste. Danach wurde bestellt, gegessen – und die Notiz geriet in Vergessenheit.

Was zunächst wie eine skurrile Anekdote klingt, entwickelte sich Jahrzehnte später zu einem ernsthaften Forschungsgegenstand. Kognitionsforscher entzifferten Feynmans handschriftliche Notizen und kamen zu dem Schluss: Hinter der Frage nach dem richtigen Gericht verbirgt sich ein grundlegendes Entscheidungsproblem des menschlichen Lebens.

In der Forschung wird dieses Spannungsfeld als »Explore versus Exploit« beschrieben: Soll man Neues entdecken (explore) oder lieber Altbewährtes ausnutzen (exploit), das sich bereits bewährt hat? Die entscheidende Variable in Feynmans Überlegung war dabei nicht der Hunger, sondern die Zeit. Genauer gesagt: Wie oft wird man noch in diesem Restaurant sitzen?

Wer ein Lokal gerade erst entdeckt hat und plant, häufiger wiederzukommen, fährt mit Neugier meist besser. Jede neue Bestellung erweitert das eigene Wissen über die Karte. Vielleicht wartet dort noch ein Gericht, das den bisherigen Favoriten vom Thron stößt.

Anders sieht die Sache aus, wenn der Aufenthalt begrenzt ist. Der letzte Abend im Urlaub etwa. Oder der Abschiedsbesuch in einer Stadt, die man so schnell nicht wiedersehen wird. Dann verändert sich die Rechnung. Die Chance, von einer Neuentdeckung zu profitieren, sinkt, wohingegen das Risiko einer Enttäuschung bleibt. Anders gesagt: Wer morgen abreist, sollte vielleicht einfach die Pasta bestellen, von der er schon seit dem ersten Abend schwärmt.

Theorie vs. Praxis

Die Forscher wollten jedoch nicht nur wissen, was mathematisch optimal wäre. Sie interessierte auch, wie Menschen tatsächlich entscheiden. In einer Untersuchung mit mehr als 2000 Teilnehmer:innen zeigte sich: Die meisten handeln nicht exakt nach Feynmans Formel – kommen ihr aber erstaunlich nahe.

Offenbar besitzen viele Menschen ein intuitives Gespür dafür, wann sich ein Experiment lohnt und wann nicht. Wer also gerade »zufälligerweise« die Formel nicht im Kopf hat, darf getrost auf sein Bauchgefühl hören. Doch spätestens wenn die Kellner:innen mit der Bemerkung »Und für Sie wieder die Nummer 16« auf Sie zukommen, ist es vielleicht Zeit für ein neues kulinarisches Abenteuer.


Célin Röser
Célin Röser
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