Zum Inhalt springen
© Restaurant Fink

Südtirol für Ruhesuchende: Die charmantesten Rückzugsorte

Südtirol
Südtirol Spezial
Italien

Abseits des Massengeschmacks beherbergt Südtirol besondere Juwelen der Gastlichkeit – Orte, die eine Brücke schlagen zwischen moderner Hotellerie und uralter Tradition; verborgene Schätze, die Geist, Geschmack und Gefühl gleichermaßen anregen. Ein Besuch.

Seinem klangvollen Namen wird der beschauliche Ort »­Unsere Liebe Frau im Walde« voll und ganz gerecht – einmal wegen seiner Lage auf einer von dichten Wäldern umgebenen Lichtung auf über 1.300 Metern Höhe, und auch dank seiner imposanten, das Ortsbild prägenden Wallfahrtskirche aus dem 15. Jahrhundert. Der Geschichte als Wallfahrtsort und der Nähe zum Gampenpass, der das Etschtal mit dem Nonstal und somit Südtirol mit dem Trentino verbindet, ist zu verdanken, dass hier bereits seit dem 12. Jahrhundert Gäste empfangen werden. Damals errichteten ­Mönche ein kleines Hospiz für Pilger und Reisende; heute ist daraus das Hotel »Gasthof Zum Hirschen« geworden.

»Ab dem 16. Jahrhundert verpachteten die Benediktiner­mönche das Gasthaus über Jahrhunderte, und im Jahr 1972 übernahm es schließlich mein Großvater«, erzählt Mirko Mocatti während seiner Führung durch den Betrieb, den er gemeinsam mit seiner Schwester Ingrid und mit Unter­stützung seiner Mutter, Seniorchefin Edith Kofler, leitet.

Beim letzten Umbau habe man darauf geachtet, der Geschichte des Hauses als Wallfahrtshospiz gerecht zu werden, und sich bemüht, viel Unnötiges und Überflüssiges aus ­älteren Umbauten loszuwerden. Tatsächlich sind Interieur und Einrichtung auffällig schlicht und schnörkellos, aber zugleich elegant; alles vermittelt Ruhe, Besinnung, innere Einkehr. In den Zimmern steht nur das Wesentlichste: ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch – kein Fernseher. Edles Lärchenholz sorgt für warme Atmosphäre. In den Fluren: Naturstein­böden sowie Ruhe- und Leseecken mit Bücherregalen.

Reduktion und Tradition als Prinzip

Das WLAN werde nachts abgedreht, betont Mocatti, fügt aber an, dass man es sehr wohl angedreht lassen könne, wenn der Gast es denn ausdrücklich wünsche. Reduktion beherrscht auch den Gastraum: eine hübsche, dank großer Fenster von Sonnenlicht geflutete Veranda, in der alles in Weiß gehalten ist. In der Küche fährt Mirkos Schwester ­Ingrid ein Programm, das sich geradezu perfekt in die all­gemeine spirituelle Ausrichtung des Hauses eingliedert.

»Wir verbinden die Tradition unseres Wallfahrtsorts mit dem Kräuterwissen von Hildegard von Bingen, der bekannten natur- und heilkundigen Nonne aus der Zeit des Mittelalters«, ­erklärt Mocatti, »und zudem mit den Erkenntnissen des Kräuter­pfarrers Hermann-Josef Weidinger rund um die ­Essenzen und Aromen des Waldes.« Doch nicht nur den Lehren der beiden Kirchenleute huldigt die Küchenlinie: Zur Anwendung kommt auch die Philosophie der in Italien entstandenen Slow-Food-Bewegung. Und das bedeutet, dass in erster Linie saisonale und lokale Zutaten verkocht werden.

»Davon haben wir hier sehr viele und ganz hervor­ragende«, betont Mocatti – darunter das Fleisch des ­Tiroler Grauviehs, einer alten Rinderrasse, das von einer lokalen Metzgerei stammt; dazu Gemüse, Obst und Kräuter von benachbarten Bauern sowie Pilze, Beeren und Wild aus den umliegenden Wäldern. Außerdem gibt es hausgemachtes Dinkel-­Sauerteigbrot, lokaltypisches Paarlbrot aus Bio­roggen, selbst gemachte Konfitüren und lokalen Honig.

Das alles verarbeitet die Küchenchefin in traditionellen Südtiroler Gerichten, die sie – der Lage des Hauses am Schnittpunkt zweier Kulturen entsprechend – mit medi­terranen Elementen anreichert; wie etwa Löwenzahn-Tortelloni mit Frischkäse, Tomatenschalen-Krokant und darübergehobeltem Trentin-Grana. Dazu trinkt man möglichst naturbelassene Bioweine aus Südtirol und dem Trentino oder hausgemachte Limonaden, Kräuter- oder Fruchtsirupe.

Im Takt mit der Geschichte des Hauses

Eine ganz andere Atmosphäre herrscht im Zentrum von Brixen – und dennoch finden sich einige Gemeinsamkeiten zwischen dem »Gasthof Zum Hirschen« und dem »Fink – Restaurant & Suites« in der Brixner ­Altstadt.

Zum einen ist da das Alter des Hauses, in dem das Stadthotel untergebracht ist – wie auch der Gasthof im Wallfahrtsort stammt es aus dem Mittelalter und hat einst zu ­einem Kloster gehört. Zum anderen fällt die betont puris­tische und minimalistische Inneneinrichtung auf. Im »Fin wirkt diese erwartungsgemäß weniger ländlich, dafür urbaner und designorientierter, nimmt jedoch gleichfalls Rücksicht auf die Geschichte des Gebäudes. Besonders eindrucksvoll: die prachtvollen mittelalterlichen Fresken, die in einigen Zimmern in den Fenstererkern sichtbar sind.

»Seit 1896 ist das Haus im Besitz der Familie und war seitdem ein Gasthaus und Café«, erzählt Chefin Petra Fink. »2023 haben wir überlegt, wie wir auch die oberen Räume mit Leben füllen könnten, und entschlossen uns, es zu einem Boutiquehotel mit 18 Junior-Suiten umzubauen.« Beauftragt wurde damit das Architekturbüro Gamper aus ­Klausen. ­Parallel zum Umbau wurde behutsam restauriert, die his­torischen Mauern und Gewölbe wurden wieder freigelegt. Das moderne Design hebt die alte Struktur stilvoll hervor.

Pflanzlich, aber bewusst

Eine weitere Gemeinsamkeit zum »Hirschen« findet sich in der spirituell aufgeladenen Küchenlinie. »Mein Mann hat sich intensiv mit der Klosterküche und den Lehren von Hildegard von Bingen beschäftigt«, sagt die Hotelière, »deswegen ist unsere Küche auch stark auf pflanzliche, vege­­tarische und vegane Speisen ausgerichtet.«

So kommt im »Fink« etwa ein ­Tatar vom Wurzelgemüse mit Mayo vom Gemüsegrün und Kamut-Briochebrot auf den Tisch, oder Klosterschlutzer mit Brennnessel und ­Ricotta. Angeboten werden aber auch Gerichte mit Fleisch, allerdings nur von artgerecht gehaltenen Tieren aus der ­Region be­ziehungsweise Wildtieren.

 

Bestand bewahren und beleben

Ein weiteres Juwel Südtiroler Gastlichkeit ist das »1477 Reichhalter« in Lana bei Meran – ein traditionsreiches Haus, das behutsam restauriert und mit feinem Gespür in ein stilvolles Hotel verwandelt wurde. »Seit seiner Errichtung im Jahr 1477 war das Haus schon Metzgerei, Bäckerei, Mühle, Stadel, Stall, Kaffee- und Gasthaus«, sagt Klaus Dissertori. »Als wir es 2017 übernahmen, war es ein waschechtes Dorfgasthaus, geleitet von einer älteren Dame, die kochte, ­servierte und überhaupt alles allein machte.« 

Mit dem Umbau beauftragte Dissertori – selbst Teil ­einer erfolgreichen Hoteliersfamilie aus Lana – den Architekten Zeno Bampi und die Innenarchitektin Christina ­Biasi-von Berg, beide aus Südtirol.

 

»Es war kein einfacher Job«, sagt der Hotelier. »Die gesamte Haustechnik musste erneuert werden, und um Platz für die Zimmer zu schaffen, wurde ein zusätzliches Stockwerk aufgesetzt.« Heute zählt das Haus acht Gästezimmer – allesamt schlicht und zugleich geschmackvoll eingerichtet: mit alten Holzböden, ausgewählten Vintagemöbeln, ­warmen Erdtönen und edlen Stoffen.

Unter Einheimischen

»Wir wollten so viel wie möglich vom Bestand erhalten, denn es ist die Geschichte, die das Haus so besonders macht«, erklärt Dissertori. Gelungen ist das vor allem in den Gaststuben im Erdgeschoss: Holzvertäfelungen und Wand­verputz sind original erhalten und vermitteln zusammen mit der schlicht-eleganten Einrichtung den Eindruck eines alteingesessenen Dorfgasthauses mit zeitgenössischem ­Anspruch.

Das spiegelt sich auch im Speisenangebot wider – Küchen­chef Andreas Heinisch serviert Gerichte, die auf exzellenten Zutaten, feinem Gespür und präziser Technik basieren, etwa ein knuspriges Spargel-Tempura mit Bozner Sauce und Chimi­churri oder ein Rindertatar mit Kräutermayonnaise und hausgemachter Focaccia. Hausgemacht sind auch die fluffigen Croissants beim Frühstück, bei dem sich immer wieder Hotelgäste mit Einheimischen mischen.

 

Im Jahr 2021 übernahm Klaus Dissertori gemeinsam mit seinem Bruder auch das »Parkhotel Mondschein« in ­Bozen, baute es über den Winter um und eröffnete es im Mai 2022 neu. Auch hier achtete man darauf, möglichst viel vom Bestand zu bewahren, ergänzt durch liebevoll ausgesuchte Vintagemöbel und Details, um das charmante Sixties-­Feeling und den Geist des Ortes zu erhalten. Hinzu kommen eine auch bei Einheimischen äußerst ­beliebte Bar mit DJ-Sound an jedem Freitagabend, Yogaklassen sowie eine hauseigene Pizzeria.

»Unser Ziel ist es, ein Haus zu schaffen, das nicht nur für Hotelgäste da ist, sondern auch die Bozner hereinholt«, betont Klaus Dissertori. Und das ist etwas, das angesichts des vielfältigen Angebots, der hervorragenden Lage und der liebevollen Gestaltung auch ganz wunderbar gelingt.

 

 

Orte zum Verweilen und Genießen

Hotel Gasthof zum Hirschen (1)
Ein puristisch-eleganter Gasthof mit jahrhundertealter Geschichte und spirituellem Anspruch, in einem abgelegenen Wallfahrtsort, tief drinnen im Wald. Das beinahe sakrale Ambiente trifft auf eine Küche, die auf wohltuende Weise Körper und Geist in Einklang bringt.
zumhirschen.com

Fink – Restaurant & Suites (2)
Ein neu gestaltetes Boutiquehotel in einem historischen Gebäude im Herzen von Brixen, mit reduziertem, stilvollem Design und einer von den Prinzipien der traditionellen Klosterkost inspirierten Küche.
fink1896.it

1477 Reichhalter (3)
Originelle und äußerst stimmige Kombination aus Boutiquehotel und modernem Dorf­gasthaus in einer Fußgängerzone im Zentrum von Lana mit ansprechendem Design und exzellenter Küche.
1477reichhalter.com

Parkhotel Mondschein (4)
Kürzlich wiederbelebtes Traditionshotel inmitten eines weitläufigen Parks im Zentrum von Bozen mit hipper urbaner Atmosphäre, Outdoorpool, Yogaklassen und beliebter Bar mit DJs an Freitagabenden.
parkhotelmondschein.com


 

Georges Desrues
Autor
Mehr zum Thema
1 / 12