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© Roland Graf

Vielfalt in 15 Jahrgängen: Vertikale von Triebaumers Kult-Wein »Mariental«

Burgenland
Weingut

Nur die ältesten Rebstöcke der zwei Hektar großen Ruster Lage »Mariental« kommen für den Parade-Wein der Familie Triebaumer in Frage. Alter, als Reife verstanden, war auch bei der Vertikale der Jahrgänge 2001 bis 2013 das zentrale Thema.

Die Schafe, die im Weingarten von Gerhard und Herbert Triebaumer weiden, durften bei der Einstimmung auf die Vertikal-Verkostung nicht fehlen. Sie sind Teil der »enkeltauglichen Landwirtschaft«, der sich die Ruster Familie verschrieben hat. »Eine gekühlte Halle auf die grüne Wiese zu stellen«, wie es Herbert Triebaumer nennt, sei dabei undenkbar. Der Gewölbekeller vollzieht das Wechselspiel der Natur mit und bildet dabei auch die Auf und Abs des Lebens ab. Die unterschiedlichen Temperaturen und Niederschläge wurden so bereits zum Thema, ehe in Rust der erste der 13 Weine eingeschenkt war.

In einem Jahrzehnt an die Spitze

Je zwei Flaschen hatte man aus dem Keller geholt, um mit rund 20 Freunden des Hauses den Blaufränkisch zu verkosten, mit dem 1988 eine Art neues Zeitalter im burgenländischen Weinbau begann. Der »Mariental 1986«, der da so enthusiastisch bewertet wurde, war dabei ein früher Erfolg für Ernst »E.T.« Triebaumer. Denn erst 1972 hatte man mit rund 2,5 Hektar Weinbau begonnen. Noch vier Jahre später wurde die kalkreiche Riede »Mariental« zum Besitz der Triebaumers. Der neue Weingarten des kleinen Betriebs begründete also nach zehn Jahren den Ruf des kleinen Erzeugers aus der Freistadt.

»I entscheid‘ gar nichts«, gab Weinlegende »E.T.« aber wortkarg wie eh und je seinen Söhnen die Bühne. Sie haben den Betrieb wieder zur gemischten Landwirtschaft zurückgeführt. Die Schafe im Weingarten sind dafür nur ein Beispiel. Das selbst gebackene Brot, das am Rande der Verkostung gereicht wurde, stellte einen weiteren köstlichen Beleg dafür dar.

Bewährungsprobe mit dem 2003er

Doch im Fokus am langen Esstisch der Winzer-Familie standen die Weine. Und die Wahl des Jahrgangs 2001 als Start der Blaufränkisch-Parade erwies sich als ideal. Was keineswegs abzusehen war: »In dem Jahr gab es vielleicht zwei oder drei trockene Lesetage«, gab Ernst Triebaumer seinen einzigen Kommentar zu den eingeschenkten Weinen. Doch dieser Jahrgang verblüffte mit einer jugendlichen Säure, die ihn alterslos erscheinen ließ.  Es sollte nicht die einzige Überraschung einer Probe bleiben, die sich wenig um ein platonisches Ideal, einen erkennbaren Haus-Stil, drehte. Sondern um die Art, wie eine herausragende Lage und eine Rebsorte nach ihrer Liebesheirat durch die Jahrzehnte gehen.

Darunter fand sich auch der erste große Hitze-Jahrgang dieses Jahrtausends: 2003. Herbert Triebaumer räumte taxfrei ein, dass dieser Wein »eine schwierige Kindheit gehabt hat«. Immerhin fielen in diesem Jahr nur 230 Millimeter Regen im ganzen Jahr (im Schnitt erhält Rust 550 mm Niederschlag). Für den ehemaligen ÖWM-Chef Willi Klinger, ebenfalls zu Gast in Rust, war dieser Jahrgang auch stets »der kalifornischste Mariental ever«. Doch der 2003er fand sich am Ende bei vielen Verkostern in der Top 3 dieses Abends. Florale Duftnoten und eine immer noch erkennbare Säure machen ihn zu einem herausragenden Vertreter dieses ominösen Jahres, aus dem sogar viele Cuvées mittlerweile viel zu »breit« geworden sind. »Die Gnadenlosigkeit und die Säure sind geblieben«, kommentierte Triebaumer verschmitzt die hohe Zustimmung zu diesem der Hitze abgetrotzten Blaufränkisch.

2005, die Ausnahme von der Regel

Das ebenfalls nicht kühle Jahr 2006 stellte einen weiteren Liebling dieser Vertikale dar. Dass zehn Jahre zu kurz sind für einen »Mariental«, darf als »Commonsense« unter österreichischen Weinfreunden gelten. Dass eher 20 Jahre das Ideal darstellen, unterstrich der ebenso saftig-anschmiegsame wie lebendige Blaufränkisch. Dabei zeigte er in der Jugend »Wärme, aber auch ein gnadenloses Tannin«, wie sich Gerhard Triebaumer beim Einschenken erinnerte. Eher weniger gut hat er den Folgejahrgang in Erinnerung, auch wenn die Trauben optisch in Top-Form waren, »hätten wir uns ein Grad mehr erwartet beim Messen der Werte«. Die kompakte Frucht und die Säurestruktur, die den 2007er so lebendig wirken lässt, kam erst mit der Reife richtig zum Vorschein.

Dies fiel umso mehr auf, als die Runde noch den Jahrgang 2005 in frischer Erinnerung hatte. Der feuchte und schwierige Jahrgang stellt den einzigen Ausreißer unter der durchwegs großartigen Serie dar. Selbst die ansonsten gefürchteten Jahrgänge wie 2010 ergaben einen bemerkenswerten Rotwein. Ganz anders als der stoffige 2011er »Mariental«, ist es hier die schlanke Art, die einen Reiz entwickelt, dem auch Burgunder-Trinker verfallen könnten.

Von Kümmel-würzig bis Karamell-süß

Mit den 13 Weinen des offiziellen Teils ließ man es am Familientisch der Triebaumers nicht bewenden. Als Beispiel der 2001 gestarteten Serien »10 Jahre danach« kam der gerade für den Handel freigegebene Jahrgang 2015 ins Glas. Er ist gerade in der Metamorphose begriffen und bestätigte, dass zehn Jahr für das erste Genussplateau eines »Mariental« fast zu kurz bemessen sind. Als Schluck zum Essen – einem grandiosen Lammbraten von Claudia und Herbert Triebaumer – serviert, zeigte der 2022, wie verführerisch er als aktueller Jahrgang ist. Die große Anlage dieses Weins, der noch dunkel und jugendliche Noten aufweist, zeichnete sich aber unter diesen Unschärfen recht deutlich ab. 2035 findet sich sicher ein guter Anlass, um diesen Jahrgang zu entkorken!

15-mal »Ried Mariental«: Die Weine im Detail

Wir haben jeden davon unter ein Motto gestellt, das den Kost-Eindrücken am Weingut in Rust entspricht.

2001 – Die totale Überraschung

Der recht helle Wein bereitet mit dem Geruch nach Brombeeren – als einzigem Frucht-Akkord – und einer fast steinigen Würze (Mu-Err-Pilze und Lorbeer) nicht auf das Erlebnis am Gaumen vor. Da nämlich ist der älteste Wein des Abends leichtfüßig von Beginn weg. Die taktile Qualität von -Seide, wird von einer hellen Frucht begleitet. Man denkt an Preiselbeer, aber mehr deren Säure, als den Gerbstoff. Denn dieser Wein ist überraschend jung, hat immer noch Potential. Belebende Frische!

2002 – Das verlängerte Leben

Zart rostbraune Reflexe zeigen hier das Alter bereits an. Die Nase allerdings ist tief dunkel – vor allem Amarena-Kirsche der reifen Art ist zu erkennen. Zarter kommt auch blättrige Würze, Nusslaub und Eukalyptus, zum Vorschein. Lebhaft ist auch dieser Wein nach 23 Jahren noch, das Tannin zeigt sich sogar recht kantig. Der Mix aus roten und schwarzen Früchten lässt auch floralen „Beifang“ wie Hibiskus erkennen. Dezent sind auch noch Reste der anfangs wohl hohen Säure zu merken.

2003 – Ein Triumph des Winzers

Irrwitzige Düfte! Minze, extreme florale Noten von Wildrose, dahinter Tomatenkraut und Grüner Kaffee. Etwas Josta-Beere ergänzt diesen Reigen. Die gewaltige Welle an Schwarzer Johannisbeere erinnert an Cabernet-lastigen Bordeaux, dahinter ein satter Eindruck von Nougat und Pfeffer. Fleischige Textur und ein großes Trinkvergnügen. Die größte Überraschung dabei: Selbst die Säure, die dieses Kunstwerk trägt, ist noch da!

2004 – Die ätherische Schönheit

Karminrot attraktiv im Glas. Die Nase verbindet Steinpilz und Bitterschokolade mit dem ebenfalls „dunklen“ Duft schwarzer, eingelegter Nüsse. Alles sagt: Struktur! Frucht-Aromen sind kaum da. Im Mund dann richtig seidig von der Textur her. Nicht nur hier sind Pinot Noir-Ähnlichkeiten zu spüren. Auch der rotfruchtige Ausdruck, der an kühle Erdbeeren anstößt, und die ätherisch Art nähren diese Analogie. Ein feiner hellfruchtiger Nachhall trägt dazu ebenfalls bei.

2005 – Der kleine Ausreißer

Fast als Shiraz verkleidet tritt der Ruster Blaufränkisch hier auf! Eukalyptus-Duft und Trauben-Kerne geben eine herbe Duftnote vor. Erdbeer-Konfit steht für die sanftere Seite. Dieses Yin und Yang findet seine Fortsetzung im Geschmack. „Sportgummi“ steht über der roten Frucht (diesmal: Kirsche) und wird von etwas Vanille abgeschmirgelt. Breit und strömend ist hier der taktile Eindruck. Doch im Vergleich zu allen anderen Weinen der Serie ist der Wein im Abgang deutlich kürzer. Ein Indiz, diesen Jahrgang eher bald zu trinken.

2006 – Der massiv Gebaute

Ein Wechselbad der Düfte zeichnet sich zwischen Rindbouillon, Kakao und auch Kirsch-Mus ab. Etwas mehr Luft lässt auch die pfeffrigen Noten klarer hervortreten; sie erinnern mit der leichten Säure an Timut-Pfeffer. Saftig ohne Ende und mit einer feinst aufgelegten Vanille durch die Fassreifung präsentiert sich ein im Verlauf immer präziser werdender Wein. Vor der Kirschfrucht tritt der Gerbstoff wie eine Ader hervor. Die Lebendigkeit der Würze-Einsprengsel hat etwas vom Biss auf Piment- und Pfefferkörner. Sehr frisch hinter all der Kraft und definitiv noch mit langem Leben vor sich!

2007 – In bester Form präsentiert

Nach vorne hin prägt einer ausgesprochen kräutrige Würze den nasalen Eindruck: Thymian vor allem legt sich über Bitterschokolade, Kirsch-Macarons und ein feines Mandel-Tönchen, das zur weiteren Komplexität auch von Pfingstrosen-Duft gekörnt ist. Extreme Frische von Beginn weg ist hier der auffallende Charakterzug. Gut abgeschliffene Tannine und ein fein zerstäubt wirkender Pfeffer-Geschmack begleiten den Kern aus saftiger Preiselbeere. Auch die floralen Noten kommen wieder durch, sie geben dem Finale eine Eleganz mit, die zum Glück auch noch lange haften bleibt. Momentan ganz groß!

2008 – Der zupackende Rote

Süße und Röstnoten machen ein Oxymoron aus diesem Duftbilds. Zarte Vanille, ein Touch Kirschen-Strudel und auch Blätterteig-Gebäck („Sfogliattini“) ist zu erkennen. Saftig nach Cranberry, womit auch die Säure angesprochen wäre. Sie prägt auch in Form von Sauerkirsche die Frucht-Seite. Ergänzt wird sie von Tee-artigem Gerbstoff; der Druck wird vom pfeffrigen Eindruck auf der Zunge unterstützt. Lang und pikant, mit Anklängen an Mokka, zeigt dieser Jahrgang eine hohe Lebendigkeit. Fast vibrierend und lang noch nicht auf seinem Höhepunkt.

2009 – Das helle Erblühen

Helles Duftbild, das von Ziegelstaub bis Himbeeren reicht. Am Gaumen sehr präsent und von einer ausgeprägt saftigen Art. Kirsche und Cranberry sind hier vereint am Werk. Der engmaschige Charakter der Frucht-Akkorde wird von der Struktur des Gerbstoffs förmlich umhüllt. Sehr kompakt und erkennbar knapp vor der vollen Entfaltung stehend! Das zeigt auch die vorerst nur angedeutete Pikanz, die den letzten Nachklang dieses „Mariental“ auszeichnet.

2010 – Der zugängliche Strahlemann

Die Frucht springt hier regelrecht aus dem Glas – sie erinnert an reifen Cabernet Franc in ihrer beerigen Art, die auch von Veilchen und mit Luft auch Piment begleitet wird. Cremig und erneut floral – diesmal sind es Hibiskus und Malve – zeigt er sich auch am Gaumen. Die Säure wirkt dem gegenüber fast versteckt, sie gibt diesem Wein aber hohes Trinkanimo mit. Es gibt de facto keine Kanten und Ecken, hier herrscht wirkliche Strahligkeit vor. Aktuell ein Trinkvergnügen mit Niveau.

2011 – Trinkfreudig mit zwei Gesichtern

Karmesinrote Robe und ein ausgesprochen pikanter Grundton in der Nase; man denkt an „Erős Pista“ und andere Paprika-Pasten. Die Würze wird von grünem Kaffee weitergeführt, für die Fruchtseite steht Weichsel-Duft. Ein weiterer zugänglicher „Mariental“ entpuppt sich dann am Gaumen; hier sind es Kirsch-Kompott-Eindrücke, die samt einem Alzerl Nelke zu gefallen wissen. Ein insgesamt hellfruchtiger Charakter, der kaum Gerbstoff zeigt, allenfalls ein wenig Nougat begleitet die fein-säurige Kirschfrucht.

2012 – Die anschmiegsame Variante

Es beginnt mit Röstaromen, ehe eine – ebenfalls recht expressive – Kirsche zu erschnuppern ist. Kandierte Orangen, frische Lorbeerblätter und Nougat spannen einen breiten Bogen. Die feine Süße zeigt sich auch im Eindruck von kandierten Kirschen im Mund. Das Tannin ist nicht abgeschliffen, sondern wirkt wie regelrecht weggezaubert. So kann der Wein dem Gaumen so richtig schmeicheln. Ein nahezu anschmiegsamer „Mariental“ – und ungewöhnlich, da bereits ziemlich am Punkt gereift.

2013 – Der sichere Lagertipp

Herbe und an Laubhaufen im Herbst erinnernde Würzigkeit im Duft, ehe sich die konkreten Noten entfalten: Lorbeer, Heidelbeeren und Steinpilz. Es bleibt dunkel, wenn auch weniger „waldig“, am Gaumen. Da sind die dunklen Beeren ausgeprägt, die von einer gerbstoffigen Power beflügelt werden. Röstig wie eine Maroni-Schale aus dem Ofen legt sich das Tannin über den Brombeer-satten Geschmack. Mit dieser Kombination wird daraus aber ein sicherer Tipp zum weiteren Weglegen im Keller!

2015 – Der noch warten sollte

Hier ist Zeit gefragt. Anfangs sind es nur herbe Noten, die an die Nase kommen: Artischockenblätter, Kastanien-Laub und auch etwas Thymian. Die Frucht-Aromen lassen sich etwas bitten, dafür darf dann aber im Mund der Schwall junger Kirschen umso mehr auftrumpfen. Den Mittelteil prägt eine Schokolade-Torten-Masse mit wärmenden Eindrücken. Erst im Finale gesellt sich Säure zu diesem engmaschigen Typus. Dieser Rote ist (noch) zum Beißen dicht und liefert im Rückaroma Malabar-Pfeffer und eine angenehm trockene Art. Einer, den man beobachten sollte!

2022 – Das deutliche Versprechen

Preiselbeere und Graphit ergeben einen dunkelfruchtigen, aber auch klar jugendlichen Duftkern. Kaffeemehl und auch Rote Paprika flankieren ihn, auch dezente Trompetenpilz-Düfte. Es ist also viel da. Das zeigt auch der Kostschluck. Hier vermengen sich Heidelbeere und Thymian zu einer saftig-würzigen Mischung. Saftig und zugänglich ist dieser Wein, vor allem im Mittelteil. Nach hinten hinaus darf man die Jugend spüren – die blättrige Kräuterwürze (z. B. Salbei) wird sich ein wenig abschleifen. Doch erkennbar sind bereits die großen Anlagen dieses Jahrgangs.


 

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