Warum ein Thunfisch in Japan 1,3 Millionen Dollar wert ist
Die erste Thunfisch-Versteigerung im neuen Jahr gilt in Japan als Glücksbringer. Doch hinter dem Symbolismus steckt auch eine geschickte Marketingstrategie – und das nicht nur zu einem wirtschaftlich hohen Preis.
Am frühen Morgen des 5. Januar 2025 fiel auf dem Toyosu-Markt in Tokio, dem größten Fischmarkt der Welt, der Hammer für einen Thunfisch. Dieser Fisch war kein gewöhnlicher: »Er war so fett wie eine Kuh«, sagte der 73-jährige Fischer Masahiro Takeuchi laut der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo.
Der Fang des 276 Kilogramm schweren Blauflossen-Thunfischs, am Samstagmorgen vor der Küste von Oma im Norden Japans, sei für ihn ein Traum gewesen. Für viele wird auch sein Preis wie einer vorkommen: 1,3 Millionen Dollar (rund 207 Millionen Yen). Es war die zweitteuerste Versteigerung in der Geschichte des Markts – und wie jedes Jahr weckte der hohe Preis große Aufmerksamkeit.
Symbol für Wohlstand und Erfolg
Die jährliche Neujahrsauktion, die internationale Käufer, Sushi-Köche, Gastronomen und Schaulustige gleichermaßen anzieht, hat eine tiefere symbolische Bedeutung. In Japan gilt Fisch allgemein als Symbol für Wohlstand und Erfolg. Besonders der Blauflossen-Thunfisch (Maguro) wird als luxuriöses Lebensmittel geschätzt und ist eng mit besonderen Anlässen und Festlichkeiten verbunden.
Der Kauf des ersten Thunfisches des Jahres fungiert deshalb als Omen für Wohlstand und Glück im neuen Jahr, was ihm in der japanischen Kultur eine fast mystische Bedeutung verleiht. »Der erste Thunfisch des Jahres bringt Glück«, bestätigt auch der Käufer dieses Jahres, Shinji Nagao, CEO der Sushi-Restaurantkette »Sushi Ginza Onodera«, gegenüber der Nachrichtenagentur Kyodo. Das Unternehmen plant, den Fang in mehreren seiner mit Michelin-Sternen ausgezeichneten Restaurants zu servieren – und hat sich damit die beste Werbung für sein Sushi schon gleich zu Jahresbeginn gesichert.
Keine Frage der Fischqualität
Das beweist: Die hohe Summe, die bei diesen Auktionskäufen gezahlt wird, ist keine Frage der Fischqualität, sondern vor allem ein Marketinginstrument. Der Preis wird nicht nur durch den tatsächlichen Wert des Fisches, sondern auch durch die damit verbundene Symbolik bestimmt. Zum Vergleich: Der gängige Auktionspreis für hochwertigen Blauflossen-Thunfisch liegt bei etwa 70–200 Euro pro Kilogramm. Ein Fisch dieses Gewichts würde also normalerweise 2,8 bis 8,3 Millionen Yen (ca. 18.000–55.000 Euro) kosten.
Für Gastronomen wie Nagao bedeutet die Teilnahme an der Auktion vor allem, sich als Teil einer jahrhundertealten Tradition zu präsentieren. Die Neujahrsauktion wird live im Fernsehen und über das Internet übertragen und sorgt für eine enorme Medienpräsenz, sodass das Versteigerungsergebnis binnen Sekunden in den Medien des ganzen Landes – und darüber hinaus – gefeiert wird.
Und das, obwohl der Preis in diesem Jahr »nur« den zweiten Platz in der Geschichte der Auktionen einnahm. 2019 etwa wurde ein fast identisch schwerer Blauflossen-Thunfisch für rund 3,1 Millionen Dollar versteigert – ein bisheriger Rekord. In den Jahren darauf, insbesondere während der Pandemie, gingen die Preise zurück, was den wirtschaftlichen Druck auf die Branche widerspiegelte – und dem Beinamen des Markts »Wallstreet des Fischhandels« alle Ehre machte.
Zentrum des japanischen Fischhandels
Der heutige Schauplatz dieser Auktion, der Toyosu-Markt, wurde 2018 nach dem Umzug vom legendären Tsukiji-Markt eröffnet. Der Tsukiji-Markt war jahrzehntelang das Zentrum des japanischen Fischhandels und lockte sowohl lokale Käufer als auch internationale Besucher an. Der Toyosu-Markt setzt diese Tradition fort, jedoch mit modernster Technik und digitalisierten Auktionssystemen, die es internationalen Käufern ermöglichen, aus der Ferne zu bieten – und das schon vor Sonnenaufgang.
Die Neujahrsauktion ist vor allem ein Prestige-Event das gleichzeitig als Werbung und Hommage an die Fischereiindustrie dient. Während die Rekordpreise bei dieser Auktion weltweite Aufmerksamkeit erregen, werden im übrigen Jahr Blauflossen-Thunfische zu vergleichsweise moderateren Summen gehandelt. Größere Exemplare erzielen dann in der Regel Preise im fünfstelligen Bereich, deren Marktwert jedoch vom ersten Fisch des Jahres beeinflusst wird.
Für Sushi und Sashimi
Doch was macht den Blauflossen-Thunfisch so besonders? Spitzenköche und Gastronomen weltweit schätzen den Fisch wegen seines einzigartigen Geschmacks und seiner zarten Textur. Der Schlüssel liegt im Fettgehalt, der insbesondere im Bauchbereich des Fisches, dem »O-Toro«, konzentriert ist. Dieser Teil ist besonders marmoriert und besitzt eine hohe Fettdichte, die ihn für Sushi und Sashimi besonders begehrt macht.
Die Qualität des Thunfischs hängt zudem von mehreren Faktoren ab. Traditionelle Fangmethoden wie das Fischen mit der Langleine, bei dem der Fisch einzeln gefangen wird, gelten als besonders hochwertig. Diese schonende Methode sorgt dafür, dass der Fisch in bester Verfassung den Markt erreicht – ein entscheidender Faktor für die hohe Preisgestaltung. Fische aus der Region um Oma, wie der diesjährige Rekordfang, sind besonders geschätzt. Das kalte Wasser und die Ernährung mit fettigen Tintenfischen und Saury-Fischen begünstigen eine außergewöhnliche Fettmarmorierung.
Überfischung und illegale Fangmethoden
Doch auch die Seltenheit der Tiere treibt die Preise in die Höhe. Obwohl der Blauflossen-Thunfisch 90 Prozent des weltweiten Sushi-Marktes bedient, macht er nur ein Prozent des globalen Fischfangs aus. Überfischung und illegale Fangmethoden haben die Bestände über Jahrzehnte stark dezimiert. Der WWF und andere Umweltorganisationen warnen, dass der Blauflossen-Thunfisch bis 2050 ausgerottet sein könnte.
Internationale Schutzmaßnahmen haben die Bestände in den letzten Jahren zwar stabilisiert, doch der hohe Preis dieses Jahres erinnert auch daran, wie kostbar dieser Fisch ist – nicht nur kulinarisch, sondern auch ökologisch.
Nichts mehr verpassen!
Melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an.