Wie ein lautstarker Straßen-Snack das Kino rettete
Eigentlich ist es viel zu laut, es krümelt und war in den edlen Kinosälen der Jahrhundertwende streng verboten. Doch ohne Popcorn wäre die Filmgeschichte heute vermutlich eine andere.
Es ist das wohl bekannteste Geräusch der Filmgeschichte, und es stammt nicht von der Leinwand: das rhythmische Knuspern aus den Polstersesseln. Popcorn ist heute der Duft des Kinos – ein Aroma, das so fest mit einem Filmabend verbunden ist wie die Bilder selbst. Dabei war die Liaison zwischen Kino und Mais keineswegs Liebe auf den ersten Blick. Im Gegenteil: In der Frühzeit des Films galt der Snack als Affront.
In den Anfängen des Kinos um das Jahr 1895 waren Lichtspielhäuser Orte von elitärer Eleganz. Das Publikum war wohlhabend, trug Abendgarderobe und saß in prunkvollen Sälen mit kostbaren Teppichen. Da es noch keinen Tonfilm gab, mussten die Zuschauer die eingeblendeten Zwischentitel lesen können. Ruhe und Konzentration waren oberstes Gebot. In diesem Ambiente war Essen im Saal schlichtweg verpönt. Die Besitzer fürchteten nicht nur den Lärm, sondern vor allem die Verschmutzung ihrer Interieurs. Popcorn war damals ein billiger Straßenimbiss, den man auf Jahrmärkten konsumierte, aber sicher nicht in einem »Palast der Kunst«.
Der Sound des Wandels
Dass wir heute trotz der Geräuschkulisse Popcorn essen, verdanken wir einer technischen Revolution: dem Tonfilm. Mit dem Erscheinen der ersten »Talkies« ab 1926 änderte sich die soziale Struktur des Kinopublikums radikal. Da man nicht mehr zwingend lesen können musste, um der Handlung zu folgen, öffnete sich das Kino den breiten Massen. Plötzlich gab es eine Soundkulisse von der Leinwand, die laut genug war, um ein mögliches Kaugeräusch des Nachbarn zu übertönen.
Während der Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren wurde Popcorn schließlich zum Retter der Branche. Während Champagner und Austern für die meisten unerschwinglich wurden, blieb der gepuffte Mais regelrecht günstig. Und der verlockende Duft der mobilen Popcornmaschinen, die Charles Cretors bereits Jahrzehnte zuvor erfunden hatte, zog die Menschen seit Jahren schon magisch an. Die Kinobesitzer erkannten schnell das enorme Gewinnpotenzial: Wer den Verkauf im eigenen Foyer erlaubte, konnte die Verluste an den Kinokassen ausgleichen.
Warum ausgerechnet Mais?
Die Frage, warum sich gerade das Popcorn gegen Kartoffelchips oder andere Knabbereien durchsetzte, hat handfeste Gründe. Popcorn ist federleicht und lässt sich – anders als raschelnde Chipstüten – relativ diskret aus einer Papiertüte entnehmen. Zudem verströmte das Rösten mit Butter im Vergleich zu fettigem Frittiergut einen fast schon wohlriechenden Duft, der die Vorfreude steigerte, statt den Saal nach einer Imbissbude riechen zu lassen. Auch die Reinigungsfrage spielte eine Rolle: Popcornkrümel lassen sich leichter wegsaugen als klebrige Süßigkeiten oder fettige Rückstände anderer Snacks.
Der Siegeszug war nach dem Kinoerfolg nicht mehr aufzuhalten. In den 1940er-Jahren eroberte das Fernsehen die Wohnzimmer, und die Industrie reagierte prompt auf das neue Heimkino-Gefühl. Der entscheidende technologische Sprung gelang jedoch erst 1981 mit der Markteinführung des ersten Mikrowellen-Popcorns. Was früher eine dampfbetriebene Maschine auf dem Jahrmarkt erforderte, war nun in wenigen Minuten in der eigenen Küche fertig.
Heute hat sich der Snack längst emanzipiert. In der Gourmet-Welt finden wir Varianten mit Trüffelsalz, Piment d'Espelette oder edler Zartbitterschokolade. In den USA hat der Mais sogar eine dekorative Tradition: Zu Weihnachten werden dort seit dem späten 19. Jahrhundert Girlanden aus Popcorn und Preiselbeeren geflochten. Wenn man also das nächste Mal im Kinosessel sitzt und die Hand in die Tüte gleiten lässt, genießt man ein Stück Sozialgeschichte, das einst als Bedrohung für die Hochkultur galt und heute die wichtigste Nebensache der Filmwelt ist.