Wie eine flüssige Trauerfeier: der »Black Velvet« Cocktail
Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr ist bei manch einem auch eine der Melancholie. Was könnte dazu besser passen als ein Drink, der einst als Nachruf auf einen Prinzen entstand?
Dem britischen Königshaus verdankten wir nicht nur zuverlässig unterhaltsamen Gossip, sondern historisch gesehen auch erstaunlich viele Cocktails. So sagt man Queen Elisabeth II. nach, dass sie vor dem Mittagessen regelmäßig einen »Gin Dubonnet« (Gin und Dubonnet im Verhältnis 2:1, eine Zitronenscheibe) genossen haben soll. Dieser Lieblingsdrink der Queen erlangte dann rund um ihr 70. Thronjubiläum und ihren kurz darauffolgenden Tod 2022 nochmal eine gewisse Berühmtheit. Auch einem ihrer berühmten Vorfahren, dem 1902 gekrönten König Edward VII., wird ein Drink zugeschrieben, denn dieser soll während seiner ausschweifenden, 59 Jahre währenden Zeit als »Prince of Wales« den gleichnamigen Cocktail erfunden haben, den man noch heute auf gut sortieren Barkarten findet. Basis dieser royalen Mixtur ist selbstverständlich Champagner. Doch mit dieser Idee, den edlen Prickler zu vermixen, war Edward nicht der Erste, denn bereits 1861 entstand im Londoner Brocker’s Club anlässlich des Todes seines Vaters, Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg und Gotha und Ehemann von Königin Victoria, der »Black Velvet«, ein eigentümlicher Zweiteiler, welcher der Idee zu folgen schien, selbst den Champagner trauern zu lassen. Hierfür kippte man einfach dunkles Stout darüber. Das Ergebnis ist zwar eigenwillig, aber aromatisch durchaus spannend, denn die herben, röstigen Noten des Stouts und die trockene, spritzige Eleganz des Champagners ergeben ein einzigartiges Geschmackserlebnis.
Ein Sonderling, gestern und heute
Die Idee, dass der Champagner gefälligst in das Beklagen des an Typhus gestorbenen Prinzgemahlen einzustimmen habe, bediente der Drink seinerzeit auch optisch, denn dank der damals vergleichsweise süßen Champagner – Zuckeranteile von 50 bis 100 Gramm waren die Regel – ließ er sich wunderbar schichten. Aufgrund seiner höheren dichte setzte sich der Champagner unten im Glas ab, das dunkle Stout oder Guinness waberte darüber. Diesen Farbverlauf bekommt man heute aber aufgrund der oftmals verwendeten Brut oder Zero Dosage-Champagner kaum noch so hin. Zu den Anekdoten des Drinks gehört aber auch eine etwas makabere, denn über das Ableben des königlichen Gatten soll sich seinerzeit ein großer Prominenter der Weltgeschichte derart gefreut haben, dass er den Drink kurzerhand zu seinem neuen Liebling erklärte: Otto von Bismarck. So geht kondolieren auf preußische Art.
Wem die heute etwas homogenere Kombination von Champagner und Guinness nicht zusagt, hat aber durchaus mehrere Optionen – jenseits davon, die beiden Zutaten einfach getrennt zu konsumieren. So lässt sich der Champagner etwa durch Cider ersetzten (»Poor Mans Black Velvet«) oder aber man versenkt im Stile eines »Submarino« 4 cl Portwein in einem Pint Guinness. Egal wie, Trauer kommt beim Genießen jedenfalls eher selten auf.