Sommer-Hit: Glaubt man den Statistiken, sind 40 Prozent aller Cocktail-Bestellungen ein »Spritz«.
© Marti Sans/Stocksy
Äußerst Spritz-findig: Wie der Aperitivo die Getränkewelt eroberte
Die lange Vorgeschichte des »Spritz« macht Entdeckungen möglich. PROFI hat die neuen Geschmacksrichtungen ebenso wie die historischen Servierarten: Ob mit Passionsfrucht, Bier oder Eiweiß – beim Sommer-Regenten der Bar ist vieles möglich!
von Roland Graf
13. Juli 2026
Es war ein denkwürdiger Frühlingsabend in der renommierten Wiener Brauerei »Ottakringer«. Denn die für die sattgelben Bierdosen, das »16er-Blech«, bekannten Brauer zogen eine andere Farbe auf: Orange. »Der Aperitivo ist aus den Kühlschränken nicht wegzudenken, aber er muss nicht zwingend mit Soda oder Prosecco gemischt werden«, begründete Geschäftsführer Florian Hochebner eine komplett neue Getränkekategorie, den »Bier Spritz«. Mit 80 Prozent Bier-Anteil und vier Prozent Alkohol hat man eine deutlich merkbare Bieranmutung, anders als beim »Radler«. Die Botschaft des Bitterorangen-Bier-Mixes aus Wien-Ottakring ist klar: Auch wir können Aperitivo! Lesen Sie auch dazu den PROFI-Bericht HIER.
Österreichische Erfindung?
Womit witzigerweise eine Geschichte ihre Fortsetzung in Wien findet, die jenseits der Alpen in Italien so erzählt wird: Die Soldaten der k. u. k.-Armee seien die kräftigen italienischen (Rot-)Weine nicht gewohnt gewesen und verlängerten sie daher im 19. Jahrhundert mit Wasser – so lernen es die Bartender bis heute in der »Academia Campari« in Mailand. Den »Spritzer«, der auch in Kroatien bis heute nach dem österreichischen Wort »Gemišt« heißt, gab es zwar schon vor Feldmarschall Radetzky. In einem Punkt aber stimmt die Geschichte durchaus: Der moderne Siegeszug begann rund um die italienische Unabhängigkeit. Und das nicht nur in »bella Italia«. Auch in Frankreich verlangten die heimgekehrten Soldaten nach den erfrischenden und meist bitteren Getränken, mit denen man ihnen Chinin als Malaria-Wirkstoff in Afrika und Indochina schmackhaft gemacht hatte.

Eines der berühmtesten Kulinarik-Bücher dieser Zeit, das »Grand dictionnaire de cuisine« (1873) von Alexandre Dumas, dokumentierte den Bedeutungswandel des »apéritive« – wie er es schreibt – vom öffnenden Abführmittel zum Genussmoment. Er geht einher mit der neuen Art des Servierens: Statt dem wie ein Buffet aufgetragenen »Service à la Française«, bei dem alle Gerichte zugleich angerichtet wurden, etabliert sich nun eine Speisen-Abfolge. Und erst mit dem »Service à la Russe« nimmt der Apéritif wirklich am Tisch Platz. Davor war er allenfalls eine Medizin für den Magen. Und noch für Dumas benötigte man ihn speziell, »um verlorenen Appetit wiederherzustellen«.
Der Reiz der Soda-Brunnen
Schnell entkoppelt sich dieses Ritual aber vom Menü, der Apéritif wird selbst zu einer Bestellung. Und erst spät gehört dazu wieder eine Kleinigkeit zu essen. Erst in den 1960ern wird aus dem schnellen »Spritz« oder »Americano« in der Bar die »Apericena«. Zur kleinen Mahlzeit gehören seither Taralli, Oliven, Chips, Salami oder Haselnüsse. Doch zuvor kommt noch das Soda als wichtige Zutat ins Spiel. Vor allem in den USA gehören die »Soda Fountains« zum Inventar der Bars bis in die 1960er-Jahre hinein. Hier wird nicht nur eine Vielzahl an alkoholfreien »Ice-Cream Sodas« verkauft, sondern auch so mancher »Fizz«.

Während der »Fizz« aber ein mit Zitronen- oder Limettensaft gestreckter »Sour« war, liebt man in Europa bittersüße Basisspirituosen mit prickelndem Soda. Auch hier schließt sich im Sommer 2026 ein Kreis. Denn längst gibt es alkoholfreie Alternativen zu den Bitterlikören und weinbasierten Apéritifs (wie »Lillet«, »Cocchi« oder »Rinquinquin«). Sieht man sich die Platzierungen in der Falstaff-Aperitivo-Trophy an, dann sind sie gleichauf mit den Vorbildern auf Spirituosen- oder Weinbasis zu sehen. Mit 95 Punkten hat etwa LÚVO von Brennerei und Weingut Wild die gleiche Wertung erhalten wie die franko-italienischen Platzhirsche »Select«, »Chandon« oder »Nonino Aperitivo«.
Passion für Passionsfrucht
Das Rezept der Schwarzwälder umfasst auch Passionsblüte, den neuen Star der Aperitivo-Szene. Seit dem Siegeszug des »Porn Star Martini« ist man auf den Geschmack der Passionsfrucht gekommen. Auch die »Spritz«-freundlichen Produkte von »Gamondi« (94 Punkte) oder »Chinola« (93 Punkte) locken mit der süß-säuerlichen Maracuja-Note. Doch wenn es um ausgezeichnete Aperitivi geht, ist da auch noch die Koproduktion »JoJo« von Johanna Markowitsch und Hansi Reisetbauer. Der bitter-süße Aperitivo aus Österreich erhielt ebenfalls 95 Punkte. Aber schließlich stammt er ja auch aus dem Ursprungsland des »Spritz«!

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