Mark Ruiz Hellin ist Inhaber der Konditorei »Hüftgold«. © Hüftgold

Mark Ruiz Hellin ist Inhaber der Konditorei »Hüftgold«.

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Praxisbeispiele: So geht die verkürzte Arbeitswoche bei vollem Lohnausgleich

Gleiches Geld, aber weniger Arbeitszeit? Falstaff PROFI hat sich bei zwei Unternehmen, einer Wiener Konditorei und einem Salzburger Hotel, umgehört, wie die verkürzte Arbeitswoche bei vollem Lohnausgleich erfolgreich umgesetzt werden kann.

von Alexandra Embacher
26. September 2023

In der Wiener Konditorei »Hüftgold« hat man seit Juli diesen Jahres der 38,5-Stunden-Woche in der Backstube den Rücken gekehrt. 34 Stunden gilt seitdem für das vierköpfige Team, und das bei vollem Lohnausgleich. »Als kleiner Betrieb mit ›normalen‹ Löhnen und Gehältern muss man andere Angebote an potentielle Mitarbeiter:innen machen«, nennt Inhaber Mark Ruiz Hellin als einen der Beweggründe. Doch nicht nur die Initiativ-Bewerbungen haben sich mit dem neuen Modell wesentlich erhöht,  die Qualität ist durch weniger Beschwerden und mehr Produktweiterentwicklungen stark gestiegen, auch die Produktivität konnte man leicht anheben – wie das? »Wir haben eine sehr kleine Backstube und hatten zu viele Stehzeiten an fünf Arbeitstagen der Woche«, erklärt er. »Nun haben wir sechs Arbeitstage und wesentlich weniger unproduktive Zeiten.«

»Durch die 34-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich ist die Qualität stark gestiegen.«
Mark Ruiz Hellin, Inhaber Konditorei »Hüftgold«

Voraussetzung war, dass sich alle Mitarbeiter:innen im Vorhinein bereit erklärt hatten, einen Samstag im Monat zu arbeiten. Eine Zusage, die sie im Nachhinein aber nicht bereuen dürften, wie Ruiz Hellin von den Rückmeldungen seines Personals weiß. Da mit der Umstellung auch mehr Freizeit auf dem Plan steht, »schwärmen die Mitarbeiter:innen extremst von der Umstellung«. Und auch für den Unternehmer rechnet sich die 34-Stunden-Woche. Die Personalkosten seien nur in Bezug auf die Stunde gestiegen, nicht aber in Bezug auf die Produktivität. »Diesbezüglich sind sie sogar gesunken.«

Die Konditorei »Hüftgold« in Wien. © Hüftgold
Die Konditorei »Hüftgold« in Wien.
© Hüftgold

Qualitätsbooster

Andernorts in Salzburg setzt das Arbeiterkammer geführte Parkhotel Brunauer seit Anfang Mai 2022 auf eine Vier-Tage-Woche mit 36 Stunden bei vollem Lohnausgleich. Wie ist das Resümee nach gut 1,5 Jahren Praxis? »Wir haben seit Einführung der verkürzten Arbeitszeit nur positive Erfahrungen gemacht«, betont Geschäftsführer Manuel Uguet. Auch er spricht von einer Vielzahl qualifizierter Bewerbungen, die man auf ausgeschriebene Stellen erhält. Die Zeiten, in denen man bei der Suche nach einem Koch über mehrere Wochen keine Bewerbung verzeichnen konnte, sind vorbei. Heute gehen innerhalb von einer Woche nach Veröffentlichung der Stelle bis zu zehn qualifizierte Bewerbungen ein.

Doch nicht nur bei der Personalsuche profitiert man von dem verkürzten Arbeitszeitmodell. Die Mitarbeiter:innen bleiben seither auch länger im Betrieb, die Krankenstände haben sich reduziert. Gesteigerte Zufriedenheit, ein Hauptziel, wie Uguet beschreibt: »Wir wollten und wollen erreichen, dass das Leben unserer Mitarbeitenden verbessert wird und dazu beitragen, dass ein ausgeglichenes und zufriedenes Leben möglich ist.« Nicht zuletzt wirken sich zufriedenere Mitarbeiter:innen auch auf die Gäste aus, Servicequalität und Freundlichkeit haben sich erhöht.

Im Parkhotel Brunauer lebt man die Vier-Tage-Woche mit 36 Stunden bei vollem Lohnausgleich bereits. © Parkhotel Brunauer
Im Parkhotel Brunauer lebt man die Vier-Tage-Woche mit 36 Stunden bei vollem Lohnausgleich bereits.
© Parkhotel Brunauer

Organisatorischer Brocken

Klar ist aber auch: Eine verkürzte Arbeitszeit je Mitarbeiter:in bedeutet eine Umstrukturierung der bisherigen Arbeitsabläufe. Beispiel Rezeption: Von dreimal Acht-Stunden-Schichten wurde im Parkhotel Brunauer auf dreimal eine Stunde mehr geändert, somit mussten drei Stunden Überlappung organisiert werden. General Manager Uguet hält trotz der Herausforderung bei der Verteilung, aber keinen enorm gestiegenen Lohnkosten oder Überstunden am Modell fest, empfiehlt es gar: »Ich denke, dass eine verkürzte Arbeitswoche bei vollem Lohnausgleich für viele Betriebe umsetzbar ist, wichtig ist dabei jedoch, die Mitarbeitenden ›mit ins Boot‹ zu nehmen.« Nach seinen bisherigen Erfahrungen funktioniert das Modell nur, wenn sich die Mitarbeiter:innen zum Thema bekennen und dazu bereit sind, auch Tätigkeiten auszuführen, die normalerweise nicht zu ihrem herkömmlichen Aufgabenfeld gehören.

»Die anfänglichen Bedenken über enorme Lohnkosten oder Überstunden haben sich als nicht zutreffend erwiesen.«
Manuel Uguet, Geschäftsführer Parkhotel Brunauer

Manuel Uguet ist Geschäftsführer des Parkhotels Brunauer. © Parkhotel Brunauer
Manuel Uguet ist Geschäftsführer des Parkhotels Brunauer.
© Parkhotel Brunauer

Ruiz Hellin aus der Wiener Konditorei empfiehlt das Modell vor allem für Betriebe, die durch Maschineneinsatz und effizienterer Personalverteilung von Qualitäts- und auch Produktivitätssteigerungen profitieren. In seinem zugehörigen Kaffeehaus ist eine verkürzte Arbeitswoche bei vollem Lohnausgleich aktuell kein Thema, weil man an klare Öffnungszeiten gebunden sei. »Hier kann es ohne finanziellen Ausgleich nicht funktionieren«, lautet sein Fazit und er richtet zeitgleich einen Appell an die Politik: Die Lohnnebenkosten gehörten reduziert.

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