Victoria Berger, Foto beigestellt

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»Unsere Motivation war es, so schnell wie möglich so viel Abfall wie möglich einzusparen«

Innovative Mehrwegverpackungen, die Abfall reduzieren und gleichzeitig Betriebskosten sparen – das bietet »and-less«. Im Interview erzählt Victoria Berger, Gründerin des von PROFI als Start-up des Jahres ausgezeichneten Unternehmens, wie die Idee für nachhaltige Mehrwegverpackungen speziell für die Systemgastronomie während eines Auslandssemesters in Südkorea entstand.

von Alexandra Gorsche
19. September 2024

Die steigenden Verpackungsabfälle durch Take-Away-Speisen sind ein globales Problem. Mit einem klaren Fokus auf Umweltschutz und Effizienz hat Victoria Berger mit »and-less« eine ganzheitliche Lösung entwickelt, die nicht nur Abfall reduziert, sondern auch wirtschaftliche Vorteile für die Gastronomie bringt. Innovative Verpackungen, die den Markt revolutionieren. »and-less« wurde nicht umsonst 2023 von Falstaff PROFI zum besten Start-up in der Kategorie »Produzent« ausgezeichnet.

PROFI: Können Sie uns etwas über den Gründungsprozess von »and-less« erzählen und wie die Idee speziell für die Systemgastronomie entstanden ist?

Victoria Berger: Die Idee zu »and-less« ist im Zuge eines Auslandssemester in Südkorea entstanden. Das Erlebnis war wie ein Blick in die Glaskugel: Dort war bereits 2017 stark erkennbar, dass regelmäßiger Konsum vom Take-Away-Speisen großen Einfluss auf unser Alltagsleben nehmen wird. Überall quoll sowohl im städtischen als auch im privaten Haushalt der Abfall über. Zurück in Österreich sah ich das gleiche Szenario, nur zeitverzögert: Trotz unseres modernen Verwertungs- und Sammelsystem, verzeichnen wir während der Corona Pandemie einen 53-prozentigen Anstieg an Verpackungsabfälle (Quelle: Interview Bundesverband der Systemgastronomen, 16.03.2022) innerhalb eines Jahres! Und das war erst der Anfang. Es musste dringend eine Lösung her. 2021 haben wir relevante Stakeholder in der Systemgastronomie als Entwicklungspartner gewonnen. Gemeinsam hatten wir das Ziel, eine ganzheitliche Mehrwegverpackung für Speisen zu entwickeln. Wir haben einen speziellen Fokus auf die System- und Gemeinschaftsgastronomie gelegt, da dort täglich mehrere tausend Verpackungen entsorgt werden. Jedes Jahr entstehen hierbei pro Betrieb (!) 60 Tonnen an Abfall (Berechnung Abfall: bei 2.000 Verpackungen täglich, bei 5-Tage-Woche) – das entspricht einem Müllberg so schwer wie zwölf Elefanten.

Was waren die Hauptmotivationen und Ziele bei der Gründung von »and-less«?

Unsere Motivation war es, so schnell wie möglich so viel Abfall wie möglich einzusparen. Wir wollen zeigen, dass Mehrweg nicht kompliziert sein muss und dass sich ein Umstieg langfristig nicht nur für die Umwelt, sondern auch wirtschaftlich lohnt.
Damit dies großflächig gelingt, wollen wir einen ganzheitlichen Standard für Lebensmittelverpackungen kreieren – so wie die Euro-Glasflaschen im Supermarkt. Mir ist es aber wichtig keine willkürlichen Produkte in den Markt einzuführen, sondern Produkte zu schaffen, die einen effizienten Mehrwegkreislauf ermöglichen. Der Schlüssel lag hierfür in der Standardisierung. Denn je mehr Varianten an Produkten im Kreislauf sind, desto komplexer wird das System. Da sich unsere Produkte nahtlos in bestehende Gastronorm-Infrastrukturen integrieren können, vereinfachen wir Prozesse und steigern die Effizienz von Kreisläufen. Dadurch schaffen wir Mehrweg mit Mehrwert.

»Unsere Produkte sind abgestimmt auf die System- und Betriebsgastronomie sowie die Gemeinschaftsverpflegung, finden aber auch Anwendung im Lebensmitteleinzelhandel und bei Food-Vending-Maschinen.«

Welche Arten von Mehrwegverpackungen produziert »and-less« für die Systemgastronomie?

Wir haben spezielle Take-Away-Mehrwegverpackungen für Speisen entwickelt. Diese eignen sich sowohl zur Mitnahme und Lieferung von frischen Speisen als zum luftdichten Verpacken von vorgefertigten Speisen und Convenience-Produkten. Unser minimalistisches Produktportfolio deckt mit vier Größen von Sushi bis Schnitzel alles ab, ist vielseitig einsetzbar und kann für verschiedenste Verfahrensprozesse, wie zum Beispiel Cook’n’Chill, genutzt werden. Unsere Produkte sind abgestimmt auf die System- und Betriebsgastronomie sowie die Gemeinschaftsverpflegung, finden aber auch Anwendung im Lebensmitteleinzelhandel und bei Food-Vending-Maschinen.

Wie unterscheiden sich Ihre Produkte von anderen Mehrwegverpackungen auf dem Markt?

»and-less«-Mehrwegprodukte sind die perfekten Begleiter für den gesamten gastronomischen Verpackungsprozess: Unsere Produkte sind hochwertig, vielseitig und flexibel einsetzbar. Wir setzen auf Qualität und nicht auf Quantität. Im Gegensatz zu anderen Anbietern verwenden wir hochwertigen PBT-Kunststoff (Polybutylenterephthalat) anstelle von herkömmlichem Polypropylen (PP) für unsere Schalen. PP hält lediglich Temperaturen bis 90 Grad Celsius stand und ist empfindlicher bei vielen Industriespülmaschinen. PBT hingegen ist kratzresistenter und temperaturbeständig bis 140 Grad Celsius. Dies erlaubt es uns, unsere Verpackungen mehrfach mit MAP-Folie zu versiegeln und sogar im Konvektomaten zu regenerieren. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal ist unser innovatives Trennungssystem: Mit unseren herausnehmbaren Unterteilungen können Beilagen und Saucen frisch getrennt und kompakt in einem Behältnis verpackt werden. Das spart nicht nur Platz in der Lagerung, sondern lässt Mitnahmespeisen auch einfach und ästhetisch verpacken.

Welche speziellen Anforderungen und Bedürfnisse der Systemgastronomie berücksichtigt »and-less« bei der Produktentwicklung?

Neben unseren Themenschwerpunkten Effizienz, einfache Handhabung und Strapazierfähigkeit haben wir ein besonderes Augenmerk auf Hygiene gelegt. Dazu haben wir eng mit Spülmaschinenherstellern zusammengearbeitet. Unsere Produkte sind so gestaltet, dass glatte Oberflächen sowie starke Rundungen ein leichteres Spülen von hartnäckigen Speiseresten ermöglicht. Eine Besonderheit sind unsere integrierten Lüftungskammern: Da häufig nach einer Spülung noch Restfeuchte in den Schalen verbleibt, besteht die Gefahr, dass bei gestapelten Schalen Schimmel bildet. Unsere Verpackung ist so konzipiert, dass die Schalen beim Stapeln einen Lüftungsschlitz bilden und dadurch die Feuchtigkeit entweichen kann.

Wie haben die Kunden aus der Systemgastronomie auf Ihre Produkte reagiert?

Sehr positiv, da Ihnen sofort aufgefallen ist, dass unsere Produkte auf die speziellen Anforderungen und Herausforderungen in der Großverpflegung abgestimmt sind. Wir haben Anrufe von unseren Kunden bekommen, dass Sie nun endlich ein Produkt haben, welches sich hygienisch spülen lässt, ohne sich dabei zu verformen. Qualität schlägt wieder Quantität und schont Zeit und Nerven von Fehlinvestitionen. Ein Kunde meinte einmal wir sind der Ferrari unter den Mehrwegprodukten. Den Vergleich fand ich sehr lustig, da der PBT Kunststoff aufgrund seiner Strapazierfähigkeit, viel in der Automobilindustrie verwendet wird. Ebenso haben wir viel positives Feedback von Endverbrauchern zu unseren innovativen Trenneinsätzen bekommen. Es war der richtige Schritt, unsere Produkte sowohl auf die Anforderungen der Gastronomen als auch auf die der Verbraucher anzupassen. Ästhetik und Effizienz gehen bei uns Hand in Hand.

Wie tragen die Mehrwegverpackungen von »and-less« zur Reduzierung von Einwegplastik und Umweltverschmutzung bei?

Jedes »and-less«-Produkt ersetzt durch seine Wiederverwendung 500 Einwegverpackungen! Das spart unglaublich viel an Kunststoffabfällen und die Notwendigkeit einer ständigen Neuproduktion. Laut neuesten Studien (Quelle: ECOLOG, Bugewitz, 2021: Mehrweg in der Take-away Gastronmie) sind Mehrwegverpackungen aus Kunststoff nach bereits nach 5,5 Nutzungen CO2-neutral. Im Vergleich zu herkömmlichen Mehrwegverpackungen aus PP ist die Lebenszeit unserer and-less Produkte aus PBT im Durchschnitt doppelt so lang. Selbst am Ende des langen Lebenszyklus können and-less Verpackungen wieder recycelt und zurück den in Materialkreislauf gebracht werden, um daraus neue Mehrwegverpackungen zu produzieren– ein endloser ‚and-less‘ Kreislauf. Unser standardisiertes Design passt sich perfekt an bestehende Infrastrukturen an und macht die Auslieferung und Rückholung von Mehrweg effizienter. Dadurch sparen wie zusätzlich im Transport CO2.

Können Sie konkrete Beispiele oder Daten nennen, die den Umweltnutzen Ihrer Produkte belegen?

Erste Erfolge zeigen sich bereits in kürzester Zeit: würden wir als Verbraucher nur eine Woche lang jeden Tag eine Mehrwegverpackung gegen eine Einwegverpackung austauschen, würden wir in der zweiten Woche bereits klimaneutral handeln. Unser Lieferdienstkunde hat innerhalb der ersten drei Monate bereits 150 Kilogramm durch unsere Mehrwegverpackungen eingespart. Bei einem Systemgastronomen reden wir von einem Einsparungspotential von 36.000 Kilogramm im Jahr.

Die »and-less«-Gründer:innen Philip Kohlbecher und Victoria Berger, Foto beigestellt
Die »and-less«-Gründer:innen Philip Kohlbecher und Victoria Berger, Foto beigestellt

Welche größten Herausforderungen haben Sie bisher bei der Einführung von Mehrwegverpackungen in der Systemgastronomie erlebt?

Obwohl Mehrweg an sich bereits aus dem Handel bekannt ist, ist Mehrweg für Speisen außer Haus in der Gastronomie meistens noch unbekannt. Dies wird sich aber sehr bald aufgrund der neuen EU-Verpackungsordnung ändern: Dann müssen alle Gastronomen die Speisen und Getränke zur Mitnahme anbieten ihren Gästen Mehrwegalternativen bereitstellen. Dies gilt auch für Einwegverpackungen aus Papier. Die größte Herausforderung liegt in der Umstellung auf ein Mehrwegsystem: Die Convenience spielt für die Verbraucher eine große Rolle. Hier konnten wir wertvolle Erfahrungen mit unserem Lieferdienstpartner sammeln. Wie funktioniert die Rückgabe? Was passiert mit Schwund? Sind die Verpackungen hygienisch einwandfrei? All diese Fragen brauchen Antworten und viel Kommunikation zwischen Gästen und Mitarbeitern. Ein gut funktionierendes Mehrwegsystem muss sehr einfach und im besten Fall selbsterklärend sein.

Welche Erfolge und Meilensteine haben Sie und Ihr Team bisher erreicht?

Wir sind sehr stolz darauf bereits mehrere nationale und internationale Produktdesign Auszeichnungen erhalten zu haben. Dies bestätigt, dass wir ein außergewöhnliches Produkt geschaffen haben, welches einen echten Mehrwert bietet. Eine große Erfolgstory für unsere Systementwicklung ist unser Lieferdienstkunde velofood aus Graz. Dieser ist der 1. Lieferdienst in Österreich, bei dem man Speisen in Mehrweg bestellen und auch wieder beim Lieferboten retournieren kann! Dieses System kann nun auf weitere Caterer und Systemgastronomen ausgedehnt werden. Vor allem freuen wir uns, dass wir bereits etablierte Großunternehmen wie Eurest zu unseren Kunden zählen dürfen.

Welche zukünftigen Pläne und Entwicklungen stehen bei »and-less« an, um die Systemgastronomie weiter zu unterstützen?

Wir sind sehr dankbar für unsere Geschäftspartner, mit denen wir neue Mehrwegsysteme entwickeln und vorantreiben können. Dadurch können wir unser Produktportfolio in Zukunft erweitern. Dieses Jahr starten wir mit der Entwicklung von zusätzlichen Größen für die Großküchenproduktion sowie spezielle Deckel, die Speisen auch während der Lieferung knusprig halten.

Wie sehen Sie die Rolle von Mehrwegverpackungen in der Gastronomie in den nächsten fünf bis zehn Jahren?

Mehrweg wird zu einem zentralen Themenschwerpunkt für die Gastronomie werden. Angebot und Nachfrage sind bereits in den letzten Jahren gestiegen. Kunden haben den Anspruch ihre Produkte nachhaltig zu konsumieren. Es genügt nicht mehr, einfach seine Zutaten regional zu beziehen. Die Verpackung ist ein zentrales Medium, welches Konsumenten und Gastronomen verbindet. Es kommuniziert Werte, die das Unternehmen vertritt. Zero Waste und Mehrweg werden in Zukunft genauso weit verbreitet sein wie das heutige Angebot an vegetarischen und veganen Speisen. Nicht zuletzt gibt es aber auch politische Maßnahmen, die den Markt in Richtung Mehrweg drängen: Bis 2030 muss der Großteil aller Verpackungen wiederverwendbar sein.

»Wir sind Österreichs Mehrwegexperten.«

Welche Maßnahmen ergreift »and-less«, um eine langfristige Kundenbindung in der Systemgastronomie zu fördern?

Wir sind Österreichs Mehrwegexperten: Die Umstellung auf Mehrweg ist eine große Herausforderung für gastronomische Betriebe und passiert nicht über Nacht. Wir unterstützen unsere Kunden langfristig dabei, ein effizientes Mehrwegsystem zu implementieren – mit Produkten, die an ihre bestehenden Prozesse anknüpfen. Dadurch sparen Sie Zeit, Kosten und Nerven. Unser Sorglos-Paket beinhaltet auch Services wie den Umtausch defekter Produkte, nachhaltige Brandingoptionen und zusätzlichen externen Spülservice.

Bieten Sie zusätzliche Dienstleistungen oder Support an, um Ihre Kunden bei der Umstellung auf Mehrwegverpackungen zu unterstützen?

Ja wir begleiten unsere Kunden ganzheitlich bei dem Umstellungsprozess! Das beginnt bei der individuellen Beratung zu Abfall- und Kostenersparnis, Entwicklung des geeigneten Mehrwegsystems bis hin zur Mitarbeiterschulung. Dadurch dass wir eng mit politischen und abfallwirtschaftlichen Institutionen arbeiten, helfen wir unsere Kunden auch dabei, sich auf umwelttechnische, gesetzliche und wirtschaftliche Herausforderungen in der Abfallvermeidung vorzubereiten. Bei uns erhalten die Kunden Fachexpertise mit Hands-on Mentalität: Wir reden nicht nur, wir setzen auch um!

Wie positioniert sich »and-less« im Vergleich zu anderen Anbietern von Mehrwegverpackungen im Bereich der Systemgastronomie?

Wir haben kein starres Mehrwegsystem. Wir sind auch kein reiner Produzent. Im Vergleich zu anderen Anbietern können wir individuell auf die Bedürfnisse unserer Kunden eingehen und Lösungen finden die langfristig am einfachsten funktionieren. Dabei bieten wir unsere Mehrwegprodukte an und entwickeln ein angepasstes Mehrwegsystem. Je effizienter das System, desto weniger Mehraufwand und desto mehr Mehrwert entsteht.

Welche Strategien verfolgen Sie, um sich im Wettbewerb zu behaupten und Ihre Marktposition zu stärken?

Unsere Produkte sind einzigartig am Markt. Wir haben uns dazu bereits von Anfang an ein Patent gesichert. Wir haben durch unsere nahe Zusammenarbeit mit der Gastronomie eine umfangreiche Mehrwegexpertise erarbeitet, mit der wir neue Produkte und Systeme entwickeln können. Die Kombination aus Produkt und Expertise schaffen uns einen Vorsprung am Markt. Wir sehen eine Zukunft, in der Mehrwegverpackungen nicht mehr die Ausnahme, sondern der neue Standard sind. Der Weg dahin ist kein einfacher. Daher sehen wir unsere Mitbewerber auch als potenzielle Partner. Offenheit für Austausch und gemeinsames Wachstum ist für uns entscheidend, um Mehrwegverpackungen zu standardisieren.

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