Altaussee: »Die schönste Sackgasse der Welt«
Bis heute fasziniert der Ort im Salzkammergut mit unberührter Natur, literarischem Erbe und seltenen Genüssen wie den berühmten Saiblingen. Wer hier ankommt, möchte nie wieder fort.
Sackgassen haben keinen guten Ruf – sie gelten als Sinnbild des Stillstands, des Festsitzens. Und doch gibt es Ausnahmen: Manche führen an Orte, an denen man für immer bleiben möchte. Der Altausseer See ist eine solche Sackgasse. Friedrich Torberg nannte ihn einst »die schönste Sackgasse der Welt« – und wer einmal dort war, versteht sofort, warum: Links wie eine betende Sphinx der Berg Loser, geradeaus die steinerne Trisselwand und rechts der dicht bewaldete Tressenstein.
Torberg war nur einer von vielen Literaten und Kunstschaffenden, die den See im österreichischen Salzkammergut besuchten: Richard Strauss ließ sich von der umliegenden Berglandschaft zu seiner »Alpensinfonie« inspirieren, Hugo von Hofmannsthal verfasste hier große Teile seines »Jedermann«. In einem Brief an einen Freund schrieb er über diesen Ort: »So sitze ich auf meiner Waldbank, darüber der Sommerhimmel zwischen den Bäumen hereinleuchtend – und bin, ich muss es mir gestehen, wo ich von allen Orten am liebsten, am meisten ich selber bin!«
Bis heute führt nur ein schmaler Fußweg um den See, der an sonnigen Tagen funkelt wie ein blauer Edelstein. »Wir Altausseer haben früh kapiert: Wenn wir eine Straße um den See bauen, dann ist der See kaputt«, sagt Monika Gaiswinkler. Sie ist eine dieser Altausseerinnen; am und mit dem See aufgewachsen und mit über 70 noch immer von ihm fasziniert. »Ein Juwel« nennt sie ihn.
Wie aus der Zeit gefallen
Altaussee ist einer der prominentesten Orte der historischen Sommerfrische. »Die Städter genossen unsere gute Luft und die kühlen Nächte«, erzählt Monika Gaiswinkler. »Der Sommer war frisch, und das war ein Luxus.« Kühle Sommerluft – heute kostbarer denn je. Am Altausseer See sind die Sommer noch wie damals: Gerade heiß genug, um sich ins kalte Wasser zu wagen, das klar bis zum tiefen Grund ist. Der See wird nur aus unterirdischen Quellen gespeist. Die hervorragende Wasserqualität sorgt nicht nur für Badevergnügen, sondern auch für ausgezeichnete Fische, die nach mittelalterlichem Dekret von nur elf einheimischen Familien aus dem See geholt werden dürfen.
»Unsere Saiblinge waren schon damals ein Exportschlager«, meint Monika Gaiswinkler. Das wären sie bis heute, allerdings sind sie so rar, dass sie lediglich in ein paar Lokalen am See verfügbar sind, und natürlich nur während der wenige Monate dauernden Saison. Marianne Seitz, die im Ort eine kleine Pension betreibt, ist eine der Auserwählten: Wenn sie den ersehnten Anruf bekommt – »Brauchst du Fische?« –, geht sie mit einem Plastikkübel runter zum Seeufer, um die fangfrischen Exemplare abzuholen, die nur wenige Minuten vorher mit einem Stockhieb geschlachtet wurden. Umso andächtiger (und sehr genussvoll) ist hinterher das Mahl: In der Pfanne herausgebraten, mit rescher Haut, dazu cremige Salzkartoffeln. Wirtshausküche wie damals, wie man sie heute nur noch selten bekommt.
»Sehnsucht nach Altaussee«
Der See ist wie eine Zeitkapsel; vor allem, wenn man den kleinen Ort Altaussee hinter sich gelassen hat und es nur noch einen schmalen Pfad und kleine Holzhütten am Wegrand gibt, wo man sich mit reich bestückten Jausenplatten und hausgemachten Strudeln stärken kann.
Treibt’s mich heut’ zum See, zur Klause?
Treibt’s mich auf die Blaa-Alm hin?
Wird’s beim Fischer eine Jause,
wird’s ein Gang zur Wasnerin?
- Friedrich Torberg (1942)
»Sehnsucht nach Altaussee« dichtete Friedrich Torberg 1942, von den politischen Verhältnissen ins amerikanische Exil getrieben. Und diese Sehnsucht kennen wohl viele – wer einmal dort war, den lässt der See nicht mehr los. Die Berühmtheiten kommen bis heute: »Wir kennen die Leute und wir grüßen sie, wenn sie um den See spazieren«, meint Monika Gaiswinkler. »Aber wir lassen sie in Ruhe. Bei uns gab es nie eine Seitenblicke-Gesellschaft.«
Sehnsucht, Sommerfrische und Superstars
Nicht mal James Bond, der 2015 auf Schurkenjagd in Altaussee vorbeischaute, hat dem Sackgassen-Charme des Sees etwas anhaben können – und auch nicht Promis wie Kate Moss, die sich im »Mayrlife Resort« vom Trubel der Welt erholen und mit der besonderen Energie des Sees auftanken wollen. Das Health and Wellness Resort wurde mehrfach zum besten Medical Spa der Welt gekürt. Auch hier am See ist die touristische Moderne mit der Zeit eingezogen, doch sie fügt sich stillschweigend und bescheiden ein in die imposante Berglandschaft und das Leben der lokalen Bevölkerung.
Im Sommer feiert man hier das berühmte Narzissenfest und veranstaltet Lesungen im örtlichen Literaturmuseum, das vergangenes Jahr nach umfangreicher Umgestaltung wieder eröffnet hat. Das künstlerische Erbe ist rund um den See bis heute spürbar; auf Führungen und Wanderwegen lernt man die berühmten Bewohner kennen, die einst in den Villen mit Seeblick lebten. Bis heute werden fast alle Häuser in traditionellem Stil gebaut: schlichte Holzbauten, nach Vorbild der einfachen Bauernhäuser. Lediglich die Veranden sind aufwendig mit Ornamenten verziert. »Typisch für Altaussee«, so Monika Gaiswinkler. »Damals war es nicht in, gebräunt zu sein« – auf den Veranden entspannten die Damen der Gesellschaft in der frischen, schattigen Sommerluft, und das meist einen ganzen Sommer lang. »Für 14 Tage wäre damals niemand angereist«, meint sie lachend und man wird ein wenig wehmütig: 14 Tage, nach heutigen Urlaubsmaßstäben eine halbe Ewigkeit!
Altaussee-Facts
Der Altausseer See liegt malerisch eingebettet im steirischen Salzkammergut – nur etwa eine Stunde von Salzburg und zwei Stunden von Graz entfernt. Die Natur rund um den tiefblauen See, dessen Wasser als eines der klarsten Österreichs gilt, ist weitgehend unberührt. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts suchten Literaten und Künstler hier Zuflucht vor der Großstadthitze: Hugo von Hofmannsthal, Jakob Wassermann, Marta Karlweis oder Friedrich Torberg, um nur einige zu nennen. In puncto Anziehungskraft hat der See bis heute nichts verloren: Noch immer lockt er Prominente – im luxuriösen »Mayrlife Resort« haben etwa Stars wie Kate Moss ihr Hideaway auf Zeit gefunden.
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