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Besonders Gin-tensiv

Wer dem Gin-Hype ein schnelles Ende vorausgesagt hat, irrte. Denn jetzt kommen die Edel-Versionen des Wacholders – und diese Königsklasse stammt von traditionsreichen Herstellern!

Auch dem Laien machte die Gin-Vielfalt der letzten Jahre, teils von Herstellern ohne jegliche Destillationserfahrung und als reines Marketing-Vehikel auf den Markt gebracht, eines klar: In ihrer einfachsten Ausprägung ist die Spirituose mit dem Wacholder-Geschmack nicht schwer zu er­zeugen. Einfach formuliert ist Gin nichts anderes als aromatisierter Kornbrand.
Wie und in welcher Qualität allerdings die geschmacks­gebenden Früchte, Wurzeln und Kräuter (für Kenner: Botanicals) in den Alkohol kommen, unterscheidet sich beträchtlich: Vom reinen Auslaugen begonnen, das Omas Nuss-Geist in industrielle Größenordnungen übersetzt, bis zum weitaus aufwendigeren Destillieren aller Komponenten in kleinen Chargen und ohne nachträgliche Veränderung ist vieles möglich.

First Lady des Wacholders

Ein »gutes« Rezept zu finden ist jedoch schwierig. Zumal auch die Rohstoffe beträchtlich in ihrer Qualität variieren. Hersteller mit langer Erfahrung und eigenen Qualitätslabors sind hier durchaus im Vorteil, auch wenn das nicht ins verklärte Bild der Brennwelt passen will. Gin mit Charakter entsteht aber im kleinen Maßstab, und selbst dabei legen die britischen Traditionshäuser ordentlich vor: 18 Jahre ließ sich etwa Hendrick’s im schottischen Girvan Zeit, ehe man den limitierten »Orbium« auf den Markt brachte. Die »First Lady des Wacholders« beim Familienunternehmen William Grant & Sons, Destillateurin Lesley Gracie, ergänzte die Botanicals des Gins um Wermutkraut und Blauen Lotus.
Diese rare Zutat limitiert die Menge des »Orbium« von Anfang an, sorgt aber auch für den raffinierten blauen Schimmer im Gin. Zu erleben gibt es diesen Effekt allerdings nicht zu Hause – gerade einmal 15 heimische Bars durften die wenigen Flaschen Ende des Vorjahres beziehen. »Orbium bleibt ein Artikel, den man vorrangig in Bars finden wird«, macht Alexander Ludwig vom Importeur Top Spirits neugierig.

Willst du gelten, mach dich selten! Der Edel-Gin »Orbium« von Hendrick’s musste 18 Jahre warten, bis er das Haus verlassen durfte. Heute ist er in ausgewählten Bars zu genießen.
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Willst du gelten, mach dich selten! Der Edel-Gin »Orbium« von Hendrick’s musste 18 Jahre warten, bis er das Haus verlassen durfte. Heute ist er in ausgewählten Bars zu genießen.

Teure Botanicals, wenige Flaschen

Ähnlich knapp hält Alexander Stein die Fangemeinde des Schwarzwald-Gins Monkey 47, wenn es um den Distiller’s Cut geht. Eine spezielle Zutat – von Bärwurz über Fichtensprossen bis zu Voatsiperifery-Pfeffer – gibt den einmal jährlich aufgelegten 4000 Flaschen nicht nur einzigartige Aromen, sondern verleiht ihnen auch beträcht­lichen Sammlerwert. Gebote von 400 Euro und mehr auf eBay werden für die älteren Jahrgänge aufgerufen.
Wenige Flaschen und ein einmaliger Geschmack stellen eine Kombination dar, die offenbar ihr Publikum findet. Denn mit der Sonderedition »Laverstoke Mill« gelang auch Bombay Sapphire ein ähnliches Sammlerstück. Die Eröffnung der neuen Destillerie der Briten in Hampshire wurde zum Anlass für diese mit 49 Vol.-% Alkohol versehene Edelversion des Klassikers.
Wer bereits in die Gin-Welt eingetaucht ist, schätzt es, wenn das Drehen am Aromaschräubchen den Bränden markantere Konturen verleiht. Denn für Kenner heben sich die Premium-Abfüllungen teils beträchtlich von den global geschätzten Standard­versionen ab. Diese Intensivierung kann natürlich auch beim Wacholder selbst ansetzen. Als Hans Reisetbauer 2006 etwa seinen »Blue Gin« vorstellte, war die Betonung des Wacholders noch ungewöhnlich. »Gin wird bleiben«, ist der Meisterbrenner aus Axberg in Ober­österreich überzeugt – und hat mittlerweile mit einer Bio-Abfüllung sowie einem fass­gelagerten Gin (»Matured«) nachgelegt, von dem es lediglich 1300 Flaschen gibt.

Aromen nicht »ertrinken« lassen

Auch die Welt-Marke Tanqueray hat sich für ihre Limited Edition namens Bloomsbury für eine Verdopplung der klassischerweise verwendeten Wacholder-Dosis entschieden. Dazu bekam der Briten Klassiker auch gleich eine höhere Füllstärke von beachtlichen 47,3 Vol.-% verpasst. Damit erfüllt er auch ein anderes Kennzeichen der Edel-Gins.
Denn immer mehr Marken entscheiden sich für eine hochprozentige Praxis, die in der Rum-Welt (»Navy Strength«) oder bei Whiskys (»Fass-Stärke«) durchaus üblich ist. Beim Gin als Liebling der Massen scheut man vor allem aus steuerlichen Gründen, einige Länder – allen voran England selbst – verlangen für hochprozentige Destillate auch höhere Abgaben. Technisch gesehen allerdings hilft der höhere Alkohol als Geschmacksträger; das bringt vor allem in Verbindung mit Tonic Water deutlich mehr Aroma. Immerhin macht in der klassischen Mixtur eines Gin Tonic der sogenannte »Filler« zwei Drittel des Cocktails aus. Sehr oft gehen daher in Blindverkostungen als elegant gelobte Gins im Highball im wahrsten Sinn des Wortes unter.
57,7 Vol.-% Alkohol sind es gar beim »V.J.O.P.« von Sipsmith. Doch die Alkohol­stärke war das Ergebnis eines Versuchs von Jared Brown im Londoner Stadtteil Chiswick. Er kombinierte drei Arten, um den Wacholdergeschmack in einen Gin zu bringen: Maze­ration in Alkohol, Destillation und die im sogenannten »Geistrohr« in Alkohol gedämpften Beeren. Diese »Cuvée« verbrauchte am Ende doppelt so viel Wacholder, wurde dann aufgrund der Alkoholstärke ein »Overproof« (OP); die ersten beiden Buch­staben des kräftigen »V.J.O.P.« wiederum stehen für »very junipery«, also »sehr wacholdrig«. Und Brown verspricht: »Bei einem damit gemixten Gin Tonic schmecken selbst die Bläschen nach Wacholder!«


Big Party am Weltgurken-Tag!

Alle Jahre wieder steht der Welt-Gurkentag – der 14. Juni – im Zeichen herrlicher Cocktails rund um das zauberhafte Gemüse. Heuer zelebrieren mehr als hundert Bars in Österreich diesen botanischen Superstar, ebendort warten auch zahlreiche Goodies auf Sie.
Welche Bars dabei sind bzw. wie Sie zu einem gratis Drink kommen, erfahren Sie unter www.hendricksgin.at.

Erschienen in
Falstaff Man's World 01/2019

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Roland Graf
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