»Blanc de Blancs ist für uns eine Zeitreise« – Ein Gespräch mit Florence Boubee Legrand von Ruinart
Warum Chardonnay eine so zentrale Rolle zukommt, wie Ruinart Frische definiert und welche Lagen das Herz des Stils bilden – darüber haben wir mit Florence Boubee Legrand, Önologin bei Ruinart, gesprochen.
Im neuen Falstaff sind wir den Geheimnissen des Blanc-de-Blancs-Champagners auf den Grund gegangen. Kaum ein Stil steht so sehr für Präzision, Eleganz und kristallklare Frische – und kaum ein Haus prägt diese Kategorie so maßgeblich wie Ruinart. Die Maison richtet ihre Prestige-Cuvée Dom Ruinart seit jeher ganz auf Chardonnay aus. Florence Boubee Legrand, Önologin bei Ruinart, im Falstaff-Talk.
Falstaff: Ruinart gilt als ikonischer Botschafter des Blanc de Blancs. Was macht für Sie die DNA dieses Champagners aus?
Florence Boubee Legrand: Aus önologischer Sicht basiert die Identität unseres Blanc de Blancs auf drei wesentlichen Elementen.
- Erstens: die visionäre Entscheidung für 100 % Chardonnay. Bertrand Mûre, ein Nachfahre der Familie Ruinart, wollte das Haus nach dem Zweiten Weltkrieg neu ausrichten – und setzte auf eine damals höchst unübliche Rebsortenfokussierung. 1947 lancierte er den ersten Blanc de Blancs, 1959 folgte Dom Ruinart, unser Blanc-de-Blancs der Exzellenz.
- Zweitens: eine neue Art des Verschneidens. Unser Blanc de Blancs vereint Chardonnays aus zahlreichen Terroirs, um die gesamte aromatische Bandbreite der Sorte abzubilden. Jede Cuvée besteht aus 30 bis 40 Grundweinen – das verleiht Komplexität und Tiefe.
- Und drittens: unser unverwechselbarer Stil, geprägt von aromatischer Frische und einer charakteristischen Textur. Wir ernten nur, wenn Zucker-Säure-Balance und Aromareife perfekt im Einklang sind, und vinifizieren in neutralen Behältern, um diese reine Frucht zu bewahren. Die Textur wiederum entsteht durch die präzise Auswahl jener Weine, die das sensorische Rückgrat der Cuvée bilden.
Chardonnay, Eleganz, Frische – wie hängt das für Sie zusammen?
Frische ist messbar: pH-Werte, Säure, Aromatik – Chardonnay zeigt unter den Bedingungen der Champagne von Natur aus einen besonders frischen Ausdruck. Eleganz hingegen ist subjektiver; sie entsteht durch Harmonie und Stilistik. Ein Blanc de Blancs zeigt für uns eine Form der präzisen, kristallinen Eleganz, die sich aus dieser Kombination ergibt.
Aus welchen Regionen beziehen Sie Ihre Chardonnays – und warum gerade diese?
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Côte des Blancs: für Zitrusfrische, exotische Säure und großes Reifepotenzial der Grand Crus.
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Montagne de Reims: das historische Herz unserer Weinberge, mit runderen, würzigeren Chardonnay-Varianten.
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Sézannais im Süden: fruchtbetonte Weine mit weißen und gelben Fruchtnoten, ergänzt durch feine florale Nuancen.
Diese Vielfalt ermöglicht es uns, die komplette aromatische Palette des Chardonnay einzufangen.
Gibt es Lagen, die Sie als das »Herz« des Ruinart-Stils bezeichnen würden?
Absolut. In der Côte des Blancs sind die Grand Crus von Avize, Oger, Le Mesnil-sur-Oger und Cramant essenziell – sie erscheinen regelmäßig in unseren Cuvées, besonders in Dom Ruinart. Aus der Montagne de Reims ist der Grand Cru Sillery zentral, unser historisches Kernstück. Hinzu kommt Taissy, dessen besonders thiolreiche, frische Noten ideal zum Blanc de Blancs passen.
Wie unterscheiden sich die Aromen eines frisch degorgierten Blanc de Blancs von einem lange gereiften?
Die Entwicklung zeigt sich in Aromatik und Textur. Junge Blanc-de-Blancs öffnen sich mit Zitrus, Passionsfrucht, frischen Gewürzen und blumigen Noten wie Freesie und Akazie. Mit Reife entstehen konzentrierte, tiefergehende Nuancen – kandierte Zitrone, Feige, geröstete und rauchige Elemente, Nüsse, Schwarztee.
Textural wirkt ein junger Blanc de Blancs lebendig und spannungsreich, während ein gereifter Champagner – dank ausgedehnter Hefelagerung – geschmeidiger, cremiger und weiter erscheint.
Hat Chardonnay in der Champagne beim Altern einen Vorteil?
Pauschalisieren kann man kaum, da viele Faktoren Einfluss nehmen. Doch generell bringt Chardonnay in der Champagne Eigenschaften mit, die seine Alterungsfähigkeit unterstützen – vor allem die natürliche Frische. Aber sie ist nur ein Teil eines vielschichtigen Puzzles.
Wenn Sie einem Weinliebhaber erklären müssten, warum ein Blanc de Blancs mehr ist als »Champagner aus Chardonnay« – was würden Sie sagen?
Vielleicht, dass er eine Zeitreise ist. Ein Blanc de Blancs verbindet Vergangenheit und Zukunft auf besondere Weise. Ich würde unseren Gast mit in unsere historischen Kreidekeller nehmen – jene stillen, kühlen Kathedralen unter der Erde, in denen unsere Weine seit fast 300 Jahren reifen und die gleichzeitig das Terroir widerspiegeln, in dem unsere Reben wurzeln.
Und anschließend nach Taissy, wo wir auf über 40 Hektar agroforstliche und andere zukunftsweisende Methoden erproben, um unsere Weinberge resilienter gegenüber dem Klimawandel zu machen.
Diese beiden Orte zusammen erzählen die Geschichte des Blanc de Blancs: als Spiegel der Tradition und als Brücke in die Zukunft.
51100 Reims
Frankreich