Château Margaux zeigte auch 2023 einen ungemein feinen und seidigen Wein, der mit 100 Punkten ausgezeichnet wurde.

Château Margaux zeigte auch 2023 einen ungemein feinen und seidigen Wein, der mit 100 Punkten ausgezeichnet wurde.
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Chance für einen Neuanfang: Die besten Weine aus dem Bordeaux en Primeur Tasting 2023

Der jüngste Jahrgang brachte der Weinregion viele sehr gute Weine – und die Erkenntnis, dass der Markt diesmal ein klares Zeichen braucht: Die Preise wurden teilweise deutlich gesenkt. Das macht den Subskriptionskauf deutlich attraktiver als in den letzten Jahren. Und: Stilistische Änderungen machen Bordeaux jetzt auch für ein jüngeres Publikum interessant.

Es lässt sich nicht leugnen: Auch wenn die Region Bordeaux auf eine ganze Serie von Jahrgängen mit sehr ansprechenden Weinen zurückblicken kann – zuletzt kam der Marktmotor kräftig ins Stottern. Die wirtschaftliche Situation, allem voran das hohe Zinsniveau, veranlasste viele Négocianten, am Platz Bordeaux zur Deckung ihres Finanzbedarfs größere Mengen an Wein in einen ohnehin schon strapazierten Sekundärmarkt zu pumpen. Angesichts der Inflation und der allgemeinen Kostensteigerung zeigten sich die Weinfreunde vorsichtig, die aufgerufenen Preise für die Jungweine erschienen manchem Weinfreund berechigterweise zu hoch.

In diese Phase fällt nun die Subskription für einen weiteren durchaus attraktiven Jahrgang. Diesmal war so gut wie allen Playern klar, dass eine erfolgreiche Kampagne nur gelingen kann, wenn die Preise deutlich unter dem Ausgabepreis von 2022 liegen würden. Und weil ein Scheitern auch für den ohnehin schon instabilen Handelsplatz Bordeaux eine nicht zu unterschätzende Gefahr bedeutet hätte, waren so gut wie alle Produzenten bereit, ihren Beitrag zu leisten. Wie schon angesichts der Covid-Krise mit dem Jahrgang 2019 wird daher der aktuelle Wein zu einem Tarif offeriert, der einem durchschnittlichen Nachlass von 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Bei den sehr hochpreisigen Spitzenweinen fällt das besonders stark ins Gewicht. Bei günstigeren Weinen spielt die tatsächliche Reduktion nur eine untergeordnete Rolle, denn die kleinen Betriebe haben selbst oft mit dem wirtschaftlichen Überleben zu kämpfen.

Zunächst wollen wir aber einen grundsätzlichen Rahmen abstecken, der sich auf Basis der 520 von Falstaff verkosteten Weine ergibt. 2023 ist ein guter Jahrgang, teilweise sogar ein sehr guter, garniert mit einigen wenigen herausragenden Spitzenweinen. Insgesamt ist 2023 allerdings mehr oder weniger inhomogen in den Appellationen. Die Frage »rechtes oder linkes Ufer?« stellt sich diesmal eher nicht, es gibt überall gute Weine, das gilt auch für die Weiß- und Süßweine. 

ZUM GANZEN TASTING

Daumen hoch für 2023

Entscheidend waren zwei Faktoren: das Terroir und das Timing. Wo die Preise für 2023 richtig gesetzt wurden, könnte Bordeaux auch für Weinfreunde interessant werden, die sich bisher vielleicht noch nicht mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Dieser Jahrgang bietet alle Voraussetzungen für einen Einstieg, denn es gibt in allen Preisebenen und Appellationen sehr interessante Weine. So könnte sich ein Sorgenkind am Ende noch als Glücksfall erweisen.

Einem eher trockenen, kalten Winter folgte bereits Anfang März ein markanter Temperaturanstieg, der Austrieb startete etwas verspätet Anfang April, was die Gefahr von Frühfrost verringerte. Der Frühling verlief eher kühl, dafür regenreich. Im Juni stiegen die Temperaturen überdurchschnittlich an und in einer Art tropischem Klima entstand ein gewaltiger Druck durch Mehltau. Das Wachstum der Reben war enorm, mit mehr als 2 Grad Celsius über dem langjährigen Durchschnitt war es der wärmste je gemessene Juni in Bordeaux. 

Die Blüte verlief Ende Mai sehr schnell und homogen, was für einen reichen Fruchtansatz und potenziell für eine gute Erntemenge sorgte. Es folgte ein warmer, aber nicht heißer Juli ohne jeden echten Wassermangel. Der Himmel allerdings zeigte sich meistens bedeckt, das Wachstum war gut, die Reben standen dank wiederkehrenden Niederschlägen unter geringem Wasserstress. Mitte Juli begannen sich die Trauben der roten Sorten zu verfärben. Das Wachstum der Reben ging in den meisten Terroirs noch weiter.

Der August begann recht stürmisch, Mitte des Monats änderten sich die Bedingungen drastisch, Ende August und Anfang September sorgten zwei kurze Hitzewellen dafür, dass sich das Blatt nochmals wendete, denn nun wurden die Trauben einer markanten Konzentration unterzogen. Der Sommer unterstützte die Ausbildung von gesunden und reifen Trauben in reichlicher Menge. Generell waren die Trauben dank der günstigen Bedingungen zum Erntezeitpunkt gesund, für die Weißweine wurde bereits Ende August gelesen, der Merlot machte bei den Roten um den 5. September am rechten Ufer den Anfang, der Cabernet Franc konnte zwei Wochen später mit optimaler Reife geerntet werden. 

Weniger Alkohol

Insgesamt lagen die Zuckerwerte wegen der meist größeren Beeren etwas unter dem Vorjahr 2022, was zu weniger Alkohol führte, dafür haben die Rotweine eine gute Säure und eine beachtliche Farbe. Für jene Winzer, die zuwarteten, galt es zu beachten, dass die Reben begannen, die Trauben wieder schrumpfen zu lassen, weil sie diesen wegen der Hitze etwas Wasser entzogen, was die Erntemenge reduzierte. Neben der relativen Zuckermenge, die dadurch zulegte, spielt die Tanninreife die wesentliche Rolle – und genau da war die Erfahrung der Winzer gefragt, den richtigen Erntezeitpunkt zu wählen. Wer also zu früh dran war, riskierte grüne Nuancen in der Tanninstruktur, wer Nerven behielt, wurde belohnt. Jene, die zu spät ernteten, bekamen weniger Säure und Frische sowie gekochte Fruchtnoten in tendenziell weitmaschigeren Weinen.

Die ab Ende August gelesenen weißen Trauben – idealerweise vor der zweiten Hitzespitze Anfang September – waren gesund, mit guter Aromatik ausgestattet und zeigen im Wein eine angenehme Säurebalance. Ab Mitte September sorgten Regenfälle in Sauternes für das erwünschte Auftreten einer verbreiteten Botrytis, die reife, gesunde Trauben befiel. Nach der Rückkehr des Schönwetters mit trockenen und heißen Bedingungen wurde die Konzentration der Beeren zusätzlich beschleunigt. Es folgten zwei Erntewochen mit Trauben reich an Zucker und Säure, was sich in opulenten Süßweinen widerspiegelt.

Ein Jahr für Einsteiger

Aus Sicht der Preisgestaltung wird 2023 ein Jahrgang sein, den es zu subskribieren lohnen könnte. Im Vordergrund steht aber ohne Zweifel die Qualität der Weine. Vereinfacht gesagt: Es ist ein guter bis sehr guter Jahrgang, mit Ausreißern in Richtung Superlative. Aber die Sachlage ist komplex, denn die Weine zeigen sich heterogen. Es gibt keine Empfehlung für rechtes oder linkes Ufer, wenn es darum geht, wo man mit dem Einkauf besser aufgehoben ist. Tolle Weine gibt es überall zu finden. Die besten Weine im Rotweinbereich zeigen mittleren AlkoholgehaltChâteau Margaux liegt etwa bei 12,9 Prozent – und auch die von Merlot geprägten Weine des rechten Ufers übersteigen kaum einmal 14 Prozent. 

Die Weine zeigen eine sehr tiefe, dunkle Farbe, haben eine angenehme Fruchtaromatik, sie besitzen ein stattliches, aber völlig ausgereiftes Tanninkleid, das für Länge sorgt und sie haben eine ungewöhnlich gute Frische, die ihnen Lebendigkeit verleiht. Viele Weine sind bereits harmonisch und wirken zugänglich. Es ist ein Vorzug des Klimawandels, dass heute die Weine durch die höhere Reife jünger antrinkbar sind als in früheren Jahrzehnten. 

Von zehn Jahren Wartezeit bei Bordeaux kann heute keine Rede sein. Den größeren Teil der Weine kann man bei Auslieferung bereits genießen, weitere Reife in der Flasche wird den Genuss mit der Zeit noch vergrößern. Die Weißweine sind trotz des warmen Sommers elegant ausgefallen und haben dabei ihre Lebendigkeit und Frische nicht eingebüßt, speziell wenn sie vor der zweiten Hitzewelle Anfang September geerntet wurden. Die Süßweine konnten dank einiger Regenfälle im Herbst eine sehr gleichmäßige Edelfäule entwickeln, der Jahrgang verspricht in diesem Segment durchaus Großes.

Linkes Ufer

Tiefdunkles Rubingranat, opaker Kern, violette Reflexe, zarte Randaufhellung. Feine Edelholzwürze, zart nach Nugat und Nelken, dunkle Waldbeeren, Cassis, Lakritze, floraler Touch, zart nach Mandarinenzesten, verführerisches Bukett. Saftig, hochelegant, reife Herzkirschen, seidige, tragende Tannine, lebendig, finessenreich strukturiert, ein Hauch von Schokolade und Brombeeren im Abgang, harmonisch, balanciert, mineralisch-salzig, bleibt sehr lange haften. Ein perfektes Abbild dieses einzigartigen Terroirs.
Margaux, Frankreich
Tiefdunkles Rubingranat, opaker Kern, violette Reflexe, zarte Randaufhellung. Attraktive Cassis, Brombeeren, zart nach Lakritze, ein Hauch von Edelholz, mineralisch unterlegt. Kraftvoll, straff, lebendig, frische rote Herzkirschen, perfekt reife Tannine, mineralisch und sehr lange anhaftend, ungemein elegant und präzise, minutenlang anhaftend, hat große Klasse. Das ist der Stil, der Bordeaux groß gemacht hat, mit Charme und Energie, mit Kraft und großem Potenzial.
Pauillac, Frankreich
Tiefdunkles Rubingranat, opaker Kern, violette Reflexe, zarte Randaufhellung. Zarte Gewürznuancen, ein Hauch von Kräuterwürze, Bitumen, schwarze Beerenfrucht, zart nach Lakritze, facettenreiches Bukett mit zartem Edelholztouch. Komplex, stoffig und straff, Anklänge von feinen roten Herzkirschen, integrierte, tragende Tannine, frisch strukturiert, mineralisch-salzig, ein Langstreckenläufer.
Pessac-Léognan Rouge, Frankreich

Sortenprofil


Linkes Ufer
Einmal mehr erwiesen sich die Spitzen-Terroirs von Pauillac als den anderen etwas überlegen, ein sehr gutes homogenes Bild mit sehr typischen Weinen findet man in Margaux. Etwas mehr Regen ließ die roten Weine aus Pessac-Léognan diesmal etwas robuster ausfallen als zuletzt.

Rechtes Ufer
Wer den Merlot gut im Griff hatte, für den wurde 2023 auch in Pomerol und Saint-Émilion zum vollen Erfolg. Auffällig duftig-würzig sind die Nuancen des Cabernet Franc, der diesmal bei perfekter Reife zum Match-Winner für die Rotweine des rechten Ufers wurde.

Rechtes Ufer

Kräftiges Rubingranat, violette Reflexe, zarte Randaufhellung. Zart floral unterlegte frische rote Kirschen, zart nach Lakritze, ein Hauch von Gewürznelken, etwas Ribisel, Mandarinenzesten sind unterlegt, sehr delikates Bukett. Saftig, elegant, komplex, cremige Tannine, feine dunkle Kirschfrucht, anhaltende Extraktsüße, Brombeeren im Abgang, zeigt eine seidige Textur, bleibt minutenlang haften, dunkelbeeriger Nachhall, feiner Schokoladetouch, bleibt minutenlang haften, eine Art Musigny aus Bordeaux, große Klasse.
Pomerol, Frankreich
Tiefdunkles Rubingranat, opaker Kern, violette Reflexe, zarte Randaufhellung. Zarte Kräuterwürze, Nugat, dunkle Kirschen, ein Hauch von Nelken, kandierte Orangenzesten. Komplex, saftig und seidig, feine Extraktsüße, Nuancen von schwarzen Kirschen und Brombeeren, feine, runde Tannine, frische Mineralität im Abgang, animierend, versteckt seine Muskeln perfekt, zeigt große Länge, sicheres Reifepotenzial. Ein Klassiker.
Pomerol, Frankreich
Tiefdunkles Rubingranat, opaker Kern, violette Reflexe, zarte Randaufhellung. Einladende dunkle Beerenfrucht, Brombeeren, frische Kirschen, zarte Edelholzwürze, kandierte Orangenzesten sind unterlegt. Saftig, engmaschig, reife dunkle Beeren, integrierte, tragende Tannine, lebendig strukturiert, kalkige Frische, bleibt gut haften, rotbeerige Nuancen im Abgang, ein lebendiger, animierender Stil, keine Spur von Opulenz, salziger Nachhall, gute Länge und sicheres Reifepotenzial.
Saint-Émilion, Frankreich

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Erschienen in
Falstaff Nr. 04/2024

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Peter Moser
Peter Moser
Chefredakteur Wein
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