Macht Kaugummikauen hungrig?
Kaugummi im Mund, Hunger im Magen? Die Wissenschaft enthüllt, was wirklich passiert.
Ein Kaugummi nach dem Essen, beim Spazieren oder am Schreibtisch. Für die einen dämpft er den Appetit, für die anderen weckt er genau das Gegenteil – plötzlich knurrt der Magen lauter als zuvor. Doch was sagt die Wissenschaft dazu? Macht Kaugummikauen wirklich hungrig oder ist das nur ein Mythos, den wir uns einreden?
In den vergangenen Jahren haben Forscher:innen diese Frage systematisch untersucht – und die Antwort ist weniger schwarz‑weiß, als man denken würde. Der bislang umfassendste Blick auf die Daten stammt aus einer systematischen Übersichtsarbeit, die 2025 im Fachjournal Nutrients erschienen ist. Die Autor:innen um Claudia Jiménez‑ten Hoevel haben alle verfügbaren randomisierten kontrollierten Studien zusammengetragen, in denen der Effekt von Kaugummikauen auf Hunger, Appetit und Essverhalten untersucht wurde. Insgesamt acht Studien mit neun Versuchsreihen flossen in die Analyse ein.
36 Kalorien
Was die Forscher herausfanden, widerspricht dem gängigen Glauben, dass Kaugummikauen den Hunger anfachen würde. In fünf von sieben Studien berichteten Teilnehmende, die Kaugummi kauten, über ein geringeres Hungergefühl als jene, die keinen Kaugummi kauten. Auch das Verlangen zu essen – insbesondere nach süßen Snacks – nahm messbar ab.
Eine der älteren Einzelstudien aus dem Jahr 2007 zeigt diese Dynamik sehr plastisch: In diesem Experiment mit 60 Proband:innen senkte Kaugummikauen den Hunger und das Verlangen nach süßen Leckereien nach dem Mittagessen und führte dazu, dass etwa 36 Kalorien weniger an Snacks am Nachmittag konsumiert wurden als ohne Kaugummi.
Der Körper »denkt«, es folgt Nahrung
Wie passt das zusammen mit dem gegenteiligen Gefühl, das viele Menschen kennen – dem plötzlichen »Ich-kann-nicht-aufhören-an-Essen-zu-denken«-Hunger, sobald ein Stück Kaugummi im Mund ist? Dafür gibt es Hinweise aus der Physiologie: Bereits beim Kauen ohne Nahrungsaufnahme werden Speichelfluss und Verdauungsvorbereitung aktiviert. Das kann dazu führen, dass der Körper »denkt«, es folgt Nahrung – und die Verdauung reagiert entsprechend. Dieses vegetative Vorbereiten kann bei manchen Menschen subjektiv als gesteigerter Hunger interpretiert werden, selbst wenn objektiv kein gesteigerter Appetit gemessen wird.
Ein weiterer Aspekt ist, dass nicht alle Studien dieselben Bedingungen untersuchten: Unterschiede in Art, Dauer und Zeitpunkt des Kaugummikauens können die Ergebnisse variieren lassen. So sind die Effekte auf tatsächliche Nahrungsmenge und langfristige Gewichtsentwicklung bislang unklar, auch wenn erste Hinweise darauf existieren, dass kurzzeitiges Kaugummikauen den Appetit dämpfen kann.
Der Effekt ist da
Das Fazit der Wissenschaft ist daher nüchtern: Kaugummikauen macht im Durchschnitt nicht hungriger. Im Gegenteil, in mehreren Studien minderte es das subjektive Hungerempfinden und reduzierte das Verlangen zu essen – wenn auch in einem eher moderaten Rahmen. Ob diese Effekte im Alltag wirklich spürbar sind und sich langfristig auf Essgewohnheiten oder Körpergewicht auswirken, bleibt weiterhin offen.
Für diejenigen, die ab und zu Kaugummi als kleinen Trick gegen Heißhunger einsetzen, könnte das bedeuten: Der Effekt ist da – aber eher subtil. Und sollte jemand beim Kaugummikauen besonders hungrig werden, ist das wohl weniger ein biologisches Gesetz als eine individuelle Wahrnehmung.