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Die Lagen am Neuenburgersee haben den Jura im Rücken. Der Jurakalk ist es auch, der die Region Neuchâtel zu einem der interessantensten Terroirs der Schweiz macht.

Die Lagen am Neuenburgersee haben den Jura im Rücken. Der Jurakalk ist es auch, der die Region Neuchâtel zu einem der interessantensten Terroirs der Schweiz macht.
© Switzerland Tourism / Andreas Gerth

Neuenburg: Pinot-Paradies mit einzigartigem Terroir

Neuenburg
Weingut
Winzer
Schweiz

Neuenburg ist bekannt für sein einzigartiges Terroir, das vor allem aus der Rebsorte Pinot Noir grandiose Weine hervorbringt. Im Kanton selbst erkannte man das Potenzial erst vor gut 20 Jahren. Seitdem hat sich Neuenburg nicht nur zum Pinot-, sondern auch zum Bio-Paradies entwickelt.

Jean-Denis Perrochet von der Domaine de la Maison Carrée gehört zu den renommiertesten Winzern unseres Landes. Er leitet das Weingut La Maison Carrée im wildromantischen Winzerdorf Auvernier in sechster Generation. Dieses befindet sich direkt am Neuenburgersee, respektive am Jurasüdfuss. Eingefleischten Weinkennern ist dieser Landstrich als eines der interessantesten Terroirs des Landes bekannt – insbesondere für die Sorte Pinot Noir, die bei Perrochets besonders delikat und ausdrucksstark gelingt.

Man könnte meinen, dass das Weingut La Maison Carrée und die gesamte Gegend seit jeher Spitzenweine keltert – ganz ähnlich wie im Burgund, zu dem der Landstrich auch einst gehörte. Doch das Wissen, dass in der Region und auf der eigenen Domaine die Bedingungen für die Produktion von Spitzenweinen gegeben sind, ist noch verhältnismässig jung. «Uns wurde lange gesagt, dass wir hier kein spezielles Terroir haben», so Jean-Denis Perrochet. Heute ist La Maison Carrée bekannt für zwei durch und durch terroirgetriebene Pinot Noirs – den Auvernier und den Hauterive, benannt nach den jeweiligen Ortschaften, wo die Trauben wachsen.

«Die Reben in Hauterive haben wir 1997 gekauft und 1999 den ersten Wein gekeltert, eigentlich nur, um mehr Rotwein abfüllen zu können», so Perrochet. Die Entscheidung, zwei Weine zu machen, fiel erst, als der Saft von der Presse lief. «Das waren zwei völlig unterschiedliche Weinprofile», damit war Perrochets Neugierde geweckt. 2003 wurden in der Region erstmals systematisch Bodenprofile erstellt – 64 an der Zahl, runter bis auf drei Meter. In Zusammenarbeit mit anderen Winzern und dem Kanton. Und plötzlich ging im Kanton Neuenburg ein Licht auf: Sie hatten tatsächlich spezielle Lagen in der Region, humusarm und enorm kalkreich.

«Wir wussten jetzt Schwarz auf Weiss, wo die besten Lagen sind», so Perrochet. »Die Winzer, die keine Toplagen hatten, waren darüber natürlich nicht erfreut, aber damals ging es los mit den Crus aus Neuenburg.» Die Geschichte als Gegend für Spitzenweine begann. Bei den Perrochets ging sie einher mit der Umstellung auf biodynamischen Anbau im Jahr 2004 – aus Qualitätsgründen, wie Jean-Denis Perrochet festhält. Ein Schritt, mit dem Auch sein Sohn Alexandre, dem er den Betrieb kürzlich überschrieben hat, absolut «d’accord» ist. Waren sie damals noch Exoten in der Region, gelten sie heute als Vorreiter einer wahren Bio-Welle.

 

Bio-Paradies

Der Kanton Neuenburg ist die erste Weinregion der Schweiz, die den Bio-Anteil von 50 Prozent überschritten hat. Seit Januar 2024 sind gar 60 Prozent der Rebflächen biologisch zertifiziert. Das ist nicht nur gut für den Planeten, sondern auch für die Weinqualität. Gerade der biodanymische Ansatz bringt viele Vorteile im Hinblick auf die Klimaerwärmung mit sich, die auch den verhältnismässig milden Landstrich je nach Jahr unter Druck bringt.

Die Domaine Montmollin liegt wenige Gehminuten von der Maison Carrée entfernt. Benoit de Montmollin führt den Betrieb in vierter Generation gemeinsam mit seiner Schwester Rachel Billeter-de Montmollin. Ihr 50-Hektar-Betrieb ist seit 2017 biozertifiziert, wobei auch hier biodynamische Präparate und Methoden zum Einsatz kommen. Benoit de Montmollin, der für die Produktion verantwortlich ist, ist experimentierfreudig. Er keltert auch Naturweine, teilweise aus pilzwiderstandsfähigen Sorten. Doch auch auf seinem Weingut sind es die Klassiker, die nachgefragt werden – Pinot Noir beim Rotwein und Chasselas bei den Weissen. Insbesondere der Chasselas Non-Filtré, der trübe, frische und absolut regionstypische Chasselas-Stil findet reissenden Absatz. «Wir verkaufen heute mehr Non-Filtré als klassischen Chasselas ab Hof», so Benoit de Montmollin.

Der Erfolg des Non-Filtré hält auch Henri Aloys Grosjean vom legendären Château d’Auvernier auf Trab. Er füllt gleich mehrere Versionen der Spezialität ab. Früher war sie nur während weniger Monate erhältlich, heute können die Neuenburger Winzer ihn ganzjährig verkaufen. Henri Grosjeans Familie ist seit 1603 im Château Auvernier daheim, er selbst ist Weinmacher in 15. Generation. «Ich wusste schon als kleiner Junge, dass ich das einst machen möchte», sagt er mit starker Stimme. Als 2016 die Stelle als Geschäftsführers auf Château d’ Auvernier vakant wurde, schlug Grosjeans Vater vor, dass Henri doch gleich einsteigen sollte, statt das geplante Praktikum in Südafrika anzutreten. Dieser nahm an und erfüllte sich seinen Traum. Sein Vater Thierry Grosjean, der selbst noch im Château wohnt, hinterliess ihm grosse Fussstapfen: Er war in der Kantonregierung und äusserst engagiert auf vielen Ebenen, beispielsweise auch als Präsident der Vereinigung Mémoire der Vins Suisses. Henri Aloys Grosjean nimmt das Erbe sehr souverän an. «Bei der ersten Ernte war es noch schwierig», sagt er lachend. «Mein Vater ging dann nach Korsika in die Ferien. Heute hilft er mir, wenn ich ihn brauche, aber mischt sich nicht mehr ein.»

Die Geschichte der Caves de Chambleau, die ebenfalls schweizweit einen Ruf für Spitzengewächse geniesst, ist eine ganz andere, fast untypische für die Region. Louis-Philippe Burgat gründete den Betrieb gemeinsam mit seiner Frau Valerie erst im Jahr 2001 – immerhin ist mit Tochter Charlotte heute auch die zweite Generation aktiv mit dabei. Chambleau befindet sich oberhalb von Colombier mit einem Blick weit über den See. Das ist auch der Grund, warum man von Anfang an auf Rotwein setzte. «Hier oben gibt es viel Sand und Kies», sagt Burgat. «Der Chasselas wächst eher am See.» Auch Burgat ist Mitglied in der Mémoire des Vins Suisses, seit dem Jahrgang 2005 lässt er jedes Jahr Flaschen von seinem Spitzen-Pinot Pur Sang in der Schatzkammer der Vereinigung einlagern.

«Dass ich nach so kurzer Zeit schon bei­treten konnte ist ein grosses Glück», gibt Burgat zu Protokoll. Ganz unrecht hat er damit nicht. Die Verantwortlichen der Vereinigung wollten nämlich eigentlich den legendären Neuenburger Produzenten Jacques Tatasciore besuchen, dieser hat die Anfrage allerdings nie beantwortet. Vom Pur Sang waren sie so hin und weg, dass kurzum die junge Caves de Chambleau den Platz einnahm. Auch wenn der Betrieb von Familie Burgat verhältnismässig jung ist, wird Tradition hier ebenfalls grossgeschrieben. Das beweist etwa der Chasselas Blanche Loye, der für die Lagerung bestimmt ist und erst nach einem Jahr auf der Hefe abgefüllt wird. Sensorisch erinnert der Weisswein eher an die besten Crus des Genfersees als an die frischen Gewächse Neuenburgs. Für Überraschungen ist ­Neuenburg auch gut.

Eine solche findet sich etwa im Val de Travers, eine gut halbe Stunde Autofahrt weg von den eigentlichen Weinbauzonen: die Maison Mauler, einer der renommiertesten Schweizer Betriebe für Produktion von Schaumweinen aus traditioneller Flaschengärung. Hier werden Prickler aus Trauben und Weinen verschiedenster Gebiete produziert, aus der Schweiz, auch aus dem nahen Frankreich. Besonders stolz ist man aber auf die eigenen Gewächse wie den Jahrgangs-Schaumwein Cuvée Louis-Edouard Mauler, der ganze sieben Jahre in den Kellern des ehemaligen Klosters Prieuré Saint-Pierre reift, bevor er degorgiert wird und in den Verkauf gelangt. Ein grosser Schaumwein, vielleicht einer der besten der Schweiz – von einem der interessantesten Terroirs, das man in unserem Land kennt.

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Erschienen in
Falstaff Magazin Österreich Nr. 7/2024

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Benjamin Herzog
Benjamin Herzog
Chefredaktion Schweiz
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