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Die Einzellage Bothmarhalde in Malans wird von Kalk- und Schiefergestein dominiert. Die Weine, die hier entstehen, sind einzigartig stoffig und würzig.

Die Einzellage Bothmarhalde in Malans wird von Kalk- und Schiefergestein dominiert. Die Weine, die hier entstehen, sind einzigartig stoffig und würzig.
© Andrea Badrut

Schweizer Lagenweine: Eine Frage der Lage

Schweiz
Wein

Weine aus Einzellagen sind das Nonplusultra für viele Weinfreaks. Zu finden sind sie längst nicht mehr nur im Burgund, der Heimat des Lagenkonzepts, sondern auch hierzulande. Immer mehr Deutschschweizer Pinot-Produzenten gehen dem «Goût de Terroir» auf die Spur und bringen Spitzenweine aus Einzellagen auf den Markt.

Es gibt einen Rebberg, den jeder Weinliebhaber einmal in seinem Leben gesehen haben muss. Auf den ersten Blick ist er unscheinbar: eine verwitterte Steinmauer mit Kreuz, hinter der sich sanft Reben auftürmen. Keine Spur von Protz, ganz einfach ein Rebberg, aber einer, der so besonders ist, dass jeder Weinverrückte hier Selfies schiesst, um damit bei den Freunden zu prahlen und sich noch Jahrzehnte danach an den Besuch zu erinnern.

Dieser Rebberg heisst Romanée-Conti und befindet sich in der kleinen Gemeinde Vosne-Romanée. Eine 1,81 Hektar grosse Grand-Cru-Lage, die im alleinigen Besitz der legendären Domaine de la Romanée-Conti ist und jährlich ein paar Tausend Flaschen Burgunder hervorbringt, die als das Grösste gelten, was die Rebsorte Pinot Noir auf unserem Planeten hervor bringen kann. Der heilige Burgunder-Gral sozusagen.

Heiliger Burgunder-Gral: Die 1,81 Hektar grosse Grand-Cru-Lage Romanée-Conti in 
Vosne-Romanée.
Foto beigestellt
Heiliger Burgunder-Gral: Die 1,81 Hektar grosse Grand-Cru-Lage Romanée-Conti in Vosne-Romanée.

Das immense Potenzial dieser Ostlage, die sich durch ihr kühles Mikroklima und Kalksteingeröll im Boden auszeichnet, welches für eine besonders gute Drainage sorgt und nachts die Wärme an die Rebe abgibt, war bereits Ende des 16. Jahrhunderts bekannt. Im Burgund begannen Zisterzienser-Mönche aber weit vorher damit, die Qualitätsunterschiede von Rebbergen zu analysieren, zu dokumentieren und einzuordnen. Sie erkannten, dass bestimmte Parzellen konstant bessere Weine hervorbrachten als andere, also bessere Anbaubedingungen besitzen.

Diese Beobachtungen legten den Grundstein für das heutige Verständnis des Terroirs. Die moderne Form der Lagenklassifizierung im Burgund, die viele andere Weinregionen auf der Welt beeinflusste, nahm aber erst deutlich später, in den 1930er-Jahren, Gestalt an. Als Basis hierfür diente eine erste systematische Lagenklassifikation des Naturwissenschaftlers Jules Lavalle aus dem Jahr 1861, die in leicht modifizierter Form von der Landwirtschaftsbehörde in Beaune übernommen wurde.

Vorbild Burgund

Als erster Schweizer Weinkanton führte Genf im Jahr 1988 die geschützte Ursprungsbezeichnung Appellation d’origine contrôlée ein. Seit 2007 wird das AOC-System landesweit angewandt, derart detailliert und kleinteilig wie im Burgund werden die Reblagen hierzulande auf Gesetzesebene aber keinesfalls eingeteilt. Kurz zuvor, im Jahr 2005, füllte der Winzer Georg Fromm aus Malans den heute legendären Pinot Noir aus der Lage Schöpfi-Wingert erstmals separat ab und begann an einem ausgeklügelten Cru-System für sein Weingut zu tüfteln.

Die namensgebende Weinbergslage ist ein 0,65 Hektar grosser Clos, eingefasst mit Mauern, mit mittelschwerem, kalkreichen Boden, der seit 1000 Jahren mit Reben bestockt ist. Die Trauben reifen hier früher aus als anderswo. Fromm zählt definitiv zu den Pionieren in der Deutschschweiz, was Lagenweine angeht. Aber auch die Quereinsteiger Markus Ruch aus Schaffhausen und Tom Litwan aus dem Aargau, die ihre Weingüter 2007 und 2006 ins Leben riefen, arbeiteten von Beginn an daran, den «Goût de Terroir» ihrer diversen Weinbergslagen herauszuarbeiten. Damit ist der einzigartige Charakter des jeweiligen Orts gemeint, der vorgegeben ist und sich auch vom Jahrgang oder der Arbeit des Winzers nicht beeinflussen lässt.

Klar, der Winzer bestimmt die Stilistik und das Klima die Qualität, was durchaus wechselhaft sein kann. Der Untergrund aber bleibt immer gleich, und der gibt den Charakter des Weins vor. In den letzten Jahren kamen in der Deutschschweiz immer mehr Winzer hinzu, die einzelne Parzellen oder Lagen nach Burgundervorbild in den Fokus stellen. Bei Patrick Adank vom Weingut Familie Adank aus Fläsch sind das die Lagen Spondis, Herrenacker und seit Kurzem die Mini-Parzelle «Am Berg». Letztere ist besonders kühl und befindet sich in der Grosslage Fläscher Halde. Adanks Chardonnay «Am Berg» ist somit ein Lieu-dit, also ein bestimmter Teil der Fläscher Halde. Eine so einzigartige Stelle, dass sich Adank im Jahr 2021 dazu entschied, sie erstmals einzeln auf die Flasche zu bringen.

«Der Winzer rückt in den Hintergrund und die Lage spricht über den Wein zu den Geniessern», berichtet Adank. Damit spricht er auch einen Teil der menschlichen Urfaszination für Wein an: das Erspüren eines spezifischen, unverkennbaren Terroirs, eines Orts im Glas, der Jahrgang für Jahrgang erkennbar ist. Reine Weinkultur und kein von Menschen in Form gebrachtes Produkt, wie es das Gros der heutigen von Marketingkonzepten angetriebenen Weinwelt ist. Wobei natürlich auch Lagenweine ein Marketingkonzept sein können. Fehlt diesen die angesprochene Einzigartigkeit bei Qualität und Charakter, wird dieses aber nicht aufgehen. Denn nicht jede Lage kann ein Premier oder Grand Cru sein.

Von Karg bis Stoffig

Die Herkunft der Trauben, die Lage, macht einen Wein einzigartig. Davon sind auch Rafael Hug und Mathilde Hug Pédeutour vom Weingut Wegelin aus Malans überzeugt. Seit sie das Weingut vom Gründer Peter Wegelin im Jahr 2019 übernommen haben, setzen sie insbesondere auf Lagenweine und betiteln die einfacheren Qualitäten als Malanser Weine – ähnlich Crus und Villages nach Burgunder Vorbild. Mit ihren Pinots und Chardonnays aus den Lagen Bothmarhalde und Frassa etwa räumen sie regelmässig bei den Falstaff Trophys ab und wurden im Falstaff Weinguide Schweiz 2023/24 sogar für die «Kollektion des Jahres» gekürt. Beide Toplagen des Betriebs, Frassa und Bothmarhalde, sind von Kalk und Schiefer geprägt.

Die Weine, die dort entstehen, könnten aber unterschiedlicher nicht sein. Die Gewächse aus der Lage Bothmarhalde sind stoffiger und würziger, die aus der Lage Frassa äusserst karg und tiefgründig. Man erkennt sie Jahr für Jahr im Glas, wie es bei grossen Terroirweinen der Fall ist. «Das Terroir in der Bündner Herrschaft hat sicher nicht die gleiche Vielfalt wie das des Burgunds. Jedoch gibt es auch hier ganz unterschiedliche Böden, Expositionen und Höhenunterschiede. Wir sind der Meinung, dass unsere Region in Zukunft vermehrt diese Unterschiede aufzeigen sollte, und wir freuen uns über jeden neuen Bündner Lagenwein», stellt Rafael Hug fest.

Die Herkunft der Traube, die Lage, macht einen Wein einzigartig. Nicht jede Lage ist jedoch fähig, Spitzenweine hervorzubringen.

Ein relativ neuer, spektakulärer Lagenwein, wenn auch nicht aus der Bündner Herrschaft, ist ohne Zweifel der Pinot Noir Sonnenhalde vom Weingut Pircher in Eglisau. Eine einzigartige, steile, von einem kleinen Wald geschützte Parzelle, die lediglich ein paar Rebzeilen umfasst. Vom Jahrgang 2020, dem ersten und einzigen bisher, füllte Gianmarco Ofner nicht mehr als 299 Flaschen ab – die so schnell weg waren, wie man Sonnenhalde buchstabieren kann. In Ofners Keller lagert aktuell jeweils ein Fass Sonnenhalde aus den Jahrgängen 2021, 2022 und 2023. Ob es auch ein Fass aus dem Jahr 2024 gibt, ist nicht klar, weil es in der Parzelle zu Ertragsausfällen kam.

«An dieser besonderen Parzelle begeistert mich vor allem die Reife der Traube. Sie sind nicht überreif, sondern knapp reif, und die Struktur im Wein kommt von der Säure und nicht vom Gerbstoff», erklärt Ofner. Dieser einzigartige Charakter offenbarte sich Ofner über Jahre hinweg im Keller, denn für den Sélection Stadtberg Pinot werden die einzelnen Parzellen schon immer separat ausgebaut und anschliessend assembliert. Die Sonnenhalde stach für ihn dabei immer klar heraus. Und wer weiss, vielleicht machen die Weinverrückten ja irgendwann Fotos vor der Sonnenhalde, Bothmarhalde, Frassa oder Am Berg. Dafür ist die Tradition von Lagenweinen in der Schweiz aber vielleicht doch noch etwas zu jung.


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Erschienen in
Falstaff Magazin Österreich Nr. 8/2024

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Dominik Vombach
Dominik Vombach
Chefredaktion Schweiz
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