Professor Friedrich Zweigelt Portrait

Professor Friedrich Zweigelt Portrait
© HBLAuBA Wein, Klosterneuburg

UMFRAGE: Soll der Zweigelt umbenannt werden?

Die Nazi-Vergangenheit des Rebzüchters Fritz Zweigelt lastet auf dem Renommé der Sorte. Immer mehr Menschen fordern einen neuen Namen.

»Abgezweigelt«. So nennt ein medienwirksames Wiener Kunstprojekt eine Initiative zur Umbenennung der Rebsorte Zweigelt. Die Initiatoren zitieren den Historiker Roman Sandgruber: »Der Unverbesserlichkeit maßgeblicher politischer Entscheidungsträger sei es geschuldet, dass Österreichs prominenteste Rotweinsorte im Jahre 1975 im Zuge der Qualitätsweinrebsorten-Verordnung in Zweigelt umbenannt wurde und damit nach einem prominenten, weniggewandelten Nationalsozialisten benannt ist und dass seit 2002 mit höchster politischer Beihilfe jährlich auch ein Dr. Fritz Zweigelt-Preis mit einer entsprechenden Porträt-Medaille verliehen wird.«
Künstler und Historiker des »Instituts ohne direkte Eigenschaften« (unter ihnen Schauspielerin und Uhudler-Produzentin Konstanze Breitebner und Autor Robert Streibel (»Der Wein des Vergessens«) fordern im Rahmen eines Kunstprojekts die Umbenennung der Rebsorte. Zwei Winzer nennen ihren Zweigelt im Zuge dessen »Blauer Montag«.
Willi Klinger, Chef der Österreichischen Weinmarketing, ist sich der Problematik sehr wohl bewusst. Im Gespräch mit Falstaff betont er, dass intensiv an der Aufarbeitung der Geschichte des österreichischen Weinbaus gearbeitet wird. Im Jahr 2019 soll ein 700 Seiten starkes »Monumentalwerk« dazu veröffentlicht werden: »Ich habe auch besonderen Wert darauf gelegt, dass im Rahmen dieses Werks die Thematik Zweigelt genauer erforscht und gesondert dargestellt wird. Dafür konnte ich Dr. Daniel Deckers von der FAZ gewinnen, der mit dem Buch ›Im Zeichen des Traubenadlers‹ eine Geschichte des deutschen Weins vorgelegt hat und mit dem deutschen Weinbau in der NS Zeit wissenschaftlich vertraut ist. Dr. Deckers hat u. a. die vorhandenen Quellen in den Staatsarchiven in Berlin und Wien ausgehoben und studiert, den Personalakt Zweigelt im Landwirtschaftsministerium und die bisher nicht bearbeiteten Dokumente in der HBLA Klosterneuburg gesichtet und ausgewertet, sowie auch die Zweigelt-Nachkommen Thomas Leithner und seine Mutter persönlich befragt und ihre Unterlagen berücksichtigt«.
Falstaff Wein Chefredakteur Peter Moser wird in seinem Beitrag über Prof. Lenz Moser auch dessen Rolle bei der Verbreitung der Sorte Rotburger/Zweigelt beleuchten. Die genannten Autoren werden auch die Frage, wie es in den 70er-Jahren zur Umbenennung von Rotburger auf Zweigelt kam in diesem Teil der Weingeschichte zu klären versuchen. Klinger unterstreicht: »Wir machen tabula rasa. Nach der wissenschaftlich-historischen Untersuchung kann ein Prozess beginnen, an dessen Ende eine Umbenennung stehen kann. Ich schließe nichts aus und bin ganz offen. Es darf aber nicht auf Mutmaßungen beruhen.«
Unbestritten ist jedenfalls die Qualität der Rebsorte, was auch eine große Anzahl an hohen Falstaff-Bewertungen belegt. Es geht um einen bewussten Umgang mit unserer Geschichte, ohne Scheuklappen.
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Hintergrund (aus Falstaff 2/2016)

Der anerkannte Historiker Winfried Garscha beleuchtet die Geschichte der Weinbauschule Klosterneuburg kritisch: »Im Lehrkörper gab es nur brave Nazis und fanatische Nazis. Und sonst gar nichts!« Gleich nach dem »Anschluss« im März 1938 hatte der neue Direktor Prof. Friedrich Zweigelt 45 Lehrer ihres Postens enthoben.
Von Stund an herrschte im ehemaligen Kuchlhof des Stiftes Klosterneuburg ein neuer Geist. »Der Wille des Führers ist uns heiliges Gebot. In ihm wuchtet der Willen eines einigen und mächtigen Volkes«, heißt es jetzt aus der Direktion, in der nun der Leiter der Bundesrebenzüchtungsstation, Friedrich Zweigelt, waltet. Er wird eine ganze Generation künftiger Weinbauern heranziehen. Der neue Mann, bescheinigt das Gaupersonalamt, »war schon ein eifriger Anhänger unserer Bewegung und hat auch seinen Sohn im nationalen Sinn erzogen«.

Diese pädagogische Orientierung lag in der Familie. »Schon in jungen Jahren«, berichtet Zweigelt später, sei er von seinem Vater, dem Dorfschullehrer im steirischen Hitzendorf, »zum Kampf gegen die Übergriffe des Katholizismus erzogen worden«. An der Universität Graz sei schließlich »die Vollendung der streng nationalen Erziehung« erfolgt. Der Biologie-Student schließt sich dem »Naturwissenschaftlichen Verein« an, einer bis auf die Knochen deutschnationalen Bruderschaft. Der junge Akademiker ist ein schwärmerischer Naturliebhaber, der sich die Gesetze von Auslese und Vererbung zu Herzen nimmt. Ein Zufall verschlägt ihn 1912 als Adjunkt an die Weinbauschule Klosterneuburg, wo er bald nach Ende des Ersten Weltkriegs eine neue Abteilung begründet, die neue Rebsorten finden soll. Zweigelt will nun an seinem Institut »das ziellose Herumprobieren durch eiserne Vorschriften exakter Methodik ablösen«. In Klosterneuburg findet sich 1922 unter der Nummer 71 die Kreuzung »St. Laurent x Blaufränkisch«. Zweigelt nennt seine neue Sorte Rotburger. Sie erweist sich später in österreichischen Weingärten als besonders geeignet.

Durch eine Flut an Publikationen erwirbt sich Zweigelt rasch den Ruf, ein herausragender Fachmann zu sein, der in ganz Europa Referate hält. Der Ton seiner Schriften ist militaristisch, sie sind überfrachtet mit Pathos. Zunächst gilt sein Kampf noch den robusten Direktträgern, also Rebwurzelstöcken, die nicht veredelt wurden. Er schreibt dem Wein aus solchen Trauben »Giftwirkung« zu, da er einen erhöhten Anteil an Methylalkohol enthalte. Er wirke »verblödend«. Zweigelts Polemiken bewirken schließlich, dass der Weinbauausschuss in den 1920er-Jahren den Anbau von Direktträgern in Österreich verbietet, lediglich im Burgenland darf der sogenannte Uhudler weiterhin ausgepflanzt werden.

Schon am 1. Mai 1933 war Zweigelt der NSDAP beigetreten, er verteilt die Flugblätter der Hakenkreuzler und unternimmt, wie er eingesteht, »Pilgerfahrten« zu Hakenkreuzfahnen, vor denen er in »Ehrfurcht und Ergriffenheit« verharrt. Als Österreich 1938 aufhört zu bestehen, geht dem »alten Kämpfer« das Herz über: »Der böse Traum wurde fortgescheucht von den dröhnenden Schritten deutscher Soldaten. Jüdischem Spekulationsgeist ist für alle Zeiten der Boden entzogen.«
An der Weinbauschule zieht Zweigelt jetzt ein strenges Regiment auf. »Wer nicht mit dem Führer ist, hat sein Leben verwirkt«, lautet das Motto; auch einzelne Schüler müssen das Institut verlassen, einen angehenden Weinbauern, der vorhat, der sogenannten Hitler-Eiche in Klosterneuburg mit Pestiziden die Wurzeln zu versengen, überlässt er bedenkenlos der Gestapo. Der junge Mann wird sich 32 Monate lang in Haft befinden, erst das Kriegsende rettet ihn.

Ein Lebenswerk an der Kippe

Nach der Befreiung Österreichs verliert der bis zum bitteren Ende dem NS-Regime treu ergebene Zweigelt seinen Direktorenposten. Er wird wegen »Volksverhetzung« inhaftiert, nach sechs Monaten jedoch entlassen, das Verfahren wird eingestellt. Der Züchter und Züchtiger fristet nun verbittert eine Existenz als Fachkonsulent für die Weinbranche. Sein Lebenswerk, die neuen Rebsorten, so muss er befürchten, würden in Vergessenheit geraten.
Dem Weingutbesitzer Lenz Moser aus Rohrendorf ist es verdanken, dass der Zweigelt doch noch seinen Siegeszug antritt. Er macht auch den Vorschlag, den Rotburger nach seinem Züchter umzubenennen. Dankbar schreibt Friedrich Zweigelt 1956 an den Weinbaupionier: »Ohne dich wäre diese Rotweinzüchtung kaum mehr viel beachtet worden. Die kleinen Geister, die noch immer von Hass leben, werden es nicht gerne sehen, dass ich vielleicht einmal im Weingarten auf einer Tafel als Zweigelttraube fröhliche Urständ feiere.« Das ist heute auf rund vierzehn Prozent der österreichischen Rebfläche der Fall.

Die Umbenennung erlebt der alte Hitler-Anhänger allerdings nicht mehr, er stirbt 1964 in Graz. Erst acht Jahre später ist es im Zuge der »Qualitätsweinrebensorten-Verordnung« so weit. »Nicht nur Gedankenlosigkeit oder historische Unkenntnis, sondern vielleicht auch der Unverbesserlichkeit politischer Entscheidungsträger« sei es zu verdanken, so schreibt der Historiker Roman Sandgruber, »dass Österreichs prominenteste Rotweinsorte nach einem prominenten, wenig gewandelten Nationalsozialisten benannt ist.«

Kein Zweigelt ohne Hochkultur

Die Grundlage des durchschlagenden Erfolgs des Blauen Zweigelt bildet die Einführung der Hochkultur, die in den 1950er-Jahren begann. Ohne sie wäre der Zweigelt mit Sicherheit nur eine Randnotiz in der Weingeschichte geblieben. Die von Lenz Moser (1905–1978) entwickelte Drahtrahmenkultur in Hocherziehung wurde im eigenen Betrieb seit 1929 erprobt und ab 1936 in allen Lenz-Moser-Weingärten installiert. Innerhalb weniger Jahre wurde nahezu der gesamte österreichische Weinbau auf das neue System umgestellt.

Zielsetzung der Lenz-Moser-Hochkultur war ein ertragsstarker und -sicherer Weinbau, ein Reduzieren der menschlichen Arbeitsleistung durch Einsatz von geeigneten Maschinen, also ein rationellerer Zugang. Bei den Ernten ging es in der Nachkriegszeit natürlich um Masse und nicht um Klasse. Man hielt also Ausschau nach Rebsorten, die bei hohen Quantitäten trinkbare Weine ergaben. Der Grüne Veltliner war bereits erprobt, bei den roten Sorten war ­die Sachlage weniger klar.
Lenz Moser erinnerte sich an eine Versuchsanlage mit Rotburger in Langenlois und kam zu der Erkenntnis, dass diese Sorte sehr gute Ergebnisse bringen könnte. So fand der Rotburger vor allem in Neuanlagen in Hochkultur ab den 1960er-Jahren eine gewisse Verbreitung.
(von Joachim Riedl)

1971
Der Bestand des Rotburgers wurde erstmals statistisch erfasst, man zählte bereits 770 Hektar.
1972
Im Rahmen der Änderung der Weinverordnung im § 6 »Rebsortenverzeichnis für Qualitätsweine« wurde unter den Rotweinrebsorten die »Zweigeltrebe« genannt. 1978 wuchs der Newcomer bereits auf 2100 Hektar. Nun hieß die Rebsorte offiziell »Blauer Zweigelt«.
1995
Die Rebsorte Zweigelt wurde von der Europäischen Gemeinschaft als »Empfohlene Rebsorte« in den Bundes­ländern Wien, Niederösterreich, Burgenland und Steiermark anerkannt.
2009
Die Rebsorte Zweigelt nahm bereits mehr als 14,1 Prozent der Gesamtrebfläche ein und liegt noch heute unangefochten hinter dem Grünen Veltliner auf Platz zwei der populärsten Reben Österreichs.

Nächstes Problemkind Scheurebe/Sämling 88

Im Zuge dieser Diskussion muss man auch hinterfragen, ob es beim Sämling notwendig ist, die Züchtungsmummer 88 anzugeben. Die Zahl steht ampelografisch für den erfolgreichen 88. Kreuzungsversuch, den Georg Scheu aus Riesling und Buketttraube im Jahr 1916 vollzogen hat. Zufällig war Scheu ähnlich wie Zweigelt ein Nationalsozialist der ersten Stunde (siehe Analyse von Ullrich Sautter) und zufällig ist 88 ein weltweit bekannter Nazi-Code (Der 8. Buchstabe im Alphabet ist H – HH steht für Heil Hitler). Jeder Winzer darf sich die Frage stellen, warum bei den 40 in Österreich zugelassenen Qualitätsrebsorten eine einzige Kreuzungsnummer im Sortennamen mitgeführt wird warum es gerade die 88 sein muss.

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