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Roederer-CEO Frédéric Rouzaud

Roederer-CEO Frédéric Rouzaud
© Louis Roederer

«Vielleicht werden wir künftig auch wieder mehr Stillwein erzeugen»

Interview
Champagner

Zum 250-jährigen Bestehen von Louis Roederer und zum 150. Jubiläum von Cristal spricht Roederer-CEO Frédéric Rouzaud über die Verantwortung gegenüber kommenden Generationen, das Reifepotenzial grosser Champagner, den Klimawandel und die Werte, die das unabhängige Haus bis heute prägen.

Falstaff: Louis Roederer feiert in diesem Jahr sein 250-jähriges Bestehen. Was bedeutet Ihnen dieses Jubiläum?

Frédéric Rouzaud: Es freut mich und ist zugleich ein Moment, um innezuhalten. Wir blicken darauf zurück, was frühere Generationen aufgebaut haben, und fragen uns, wofür Roederer heute steht und wohin wir uns entwickeln wollen. Dabei geht es um Kontinuität: um eine langfristige Vision, handwerklichen Anspruch und das Ziel, die bestmöglichen Weine zu erzeugen. Jede Generation hat Louis Roederer mit neuen Ideen geprägt. Auch wir müssen unseren eigenen Beitrag leisten, mit derselben langfristigen Perspektive.

Welche Entscheidungen treffen Sie heute, deren Bedeutung sich vielleicht erst in 30 oder 50 Jahren zeigen wird?

Vieles, was wir heute im Weinberg tun – von der Sélection massale über neue Rebschnittmethoden bis zur Anpassung an den Klimawandel und zum biologischen Anbau –, wird vor allem der nächsten Generation dienen. Dasselbe gilt für unsere gereiften Weine. Wir legen Bestände von Cristal, Jahrgangschampagnern und Blanc de Blancs zur Seite, weil wir überzeugt sind, dass sie ihre maximale Ausdruckskraft erst nach 20, 30 oder sogar 40 Jahren erreichen. Mit den Late Releases aus der Œnothèque wollen wir dieses Reifepotenzial sichtbar machen.

Wird das Reifepotenzial von Champagner noch unterschätzt?

Rund 80 Prozent unserer Produktion entfallen auf Multi-Vintage-Champagner, die zum unmittelbaren Genuss bestimmt sind. Nur etwa 20 Prozent sind Jahrgangsweine. Doch immer mehr Weinliebhaber entdecken, wie gut Champagner altern kann.

Wenn Zeit für Champagner so entscheidend ist: Welche drei Werte wären unverzichtbar, würde Louis Roederer heute neu gegründet?

Zeit, Freiheit für Kreativität und Kontinuität. Zeit bedeutet dabei nicht, abzuwarten und nichts zu tun. Sie bedeutet, in Bewegung zu bleiben und in jedem Detail kreativ zu sein. Das gilt für die Arbeit im Rebberg genauso wie für die Kommunikation, Beziehungen oder die Vermittlung unseres Savoir-faire.

Das Motto des 250-jährigen Jubiläums lautet «Creation is Love». Was steckt dahinter?

Es geht auf Victor Hugo zurück: «Aimer, c’est agir. Agir, c’est aimer.» – Lieben heisst handeln, handeln heisst lieben. Für uns entsteht Neues aus der Liebe zum Rebberg, zum Boden, zur Natur und zu den Menschen, die täglich für unser Unternehmen arbeiten. Der Satz bringt in wenigen Worten zum Ausdruck, was uns ausmacht.

© Louis Roederer

Was war die bedeutendste Veränderung, die Sie in Ihren 30 Jahren bei Roederer erlebt haben?

Der Klimawandel. Für meinen Vater bestand die Herausforderung noch darin, in jedem Jahrgang eine ausreichende Reife zu erreichen. Heute gelingt uns das regelmässig; unsere Aufgabe ist es nun, die Frische der Weine zu bewahren. Doch das ist nicht die einzige Veränderung. Auch die Art, wie wir kommunizieren, hat sich grundlegend gewandelt.

Auch die Art wie Champagner getrunken wird?

Ja, sehr sogar. Wenn ich vor 30 Jahren Freunden Champagner mitbrachte, wollten sie ihn häufig zum Dessert öffnen. Damals wurde Champagner viel seltener als Aperitif getrunken, und die Dosage war deutlich höher. Heute ist Champagner deutlich vielseitiger: Man kann ihn als Aperitif, für sich allein oder zum Essen trinken – zu Fisch ebenso wie zu Fleisch, sogar zum Frühstück. Und natürlich auch zum Feiern.

Wie sehen Sie die Zukunft des Champagners?

Ich halte Champagner für einen sehr zeitgemässen Wein. Er besitzt eine eigene Magie, die von den Kreideböden, der Mineralität und seinem besonderen Charakter ausgeht. Deshalb bin ich optimistisch – vorausgesetzt, wir setzen weiterhin auf Qualität und zeigen, was Champagner von anderen Schaumweinen unterscheidet. Vielleicht werden wir künftig auch wieder mehr Stillwein erzeugen. Stillweine gehörten immer zu unserer Produktion. Schon meine Urgrossmutter Camille liebte Coteaux Champenois; zu ihren Menüs wurden stets Champagner und Stillwein aus der Champagne serviert.

In diesem Jahr feiert auch der Roederer Cristal Jubiläum: 150 Jahre. Er wurde einst für einen Zaren geschaffen. Welche Persönlichkeit könnte ihn heute verkörpern?

Keine einzelne. Cristal wurde ohne klassische Werbung bekannt, vor allem durch Mundpropaganda. Der Wein hat im Lauf der Zeit viele Menschen angesprochen und berührt – darunter Schauspieler, Sänger, Maler und Schriftsteller. Gerade darin liegt seine Stärke: Cristal braucht niemanden, der ihn verkörpert. Er steht für sich selbst.

Wie würden Sie seine Persönlichkeit beschreiben?

Unabhängig, modern, seriös und zugleich humorvoll – vielleicht sogar ein wenig verrückt. Cristal ist kreativ und traditionell zugleich. Gerade diese Balance macht ihn aus.


Dominik Vombach
Dominik Vombach
Chefredaktion Schweiz
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